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Kirchenbasare zur Adventszeit haben bekanntlich immer einen grossen Raum für gebrauchte Bücher. Und da ich seit Jahren spätestens im Herbst gerne in diversen Chören einsteige, um neben den alten Weihnachtsliedern möglichst viel Bach, Händel, Mendelssohn und Reger mitzusingen, war ich jetzt begeistert, als vor dem 1. Advent in einer unserer grossen Gemeinden hier in Bremen in der „unverkäuflich“-Kiste neben allerlei Krimskrams auch alte Liederbücher lagen, die man mir bereitwillig schenkte. Denn wenig zeigt den Geist einer Zeit so deutlich wie das Liedgut derer, die in ihr leben.

Meine neuen alten Fundstücke sind kirchliche Gesangbücher aus Sachsen von 1930 und Brandenburg/Pommern von 1931, beide zusammengestellt nach Sammlungen aus dem 19. Jahrhundert, damals teuer verkauft für 4,75 Reichsmark. Sie stammen wohl aus dem Nachlass evangelischer Christen, die nach dem Krieg nach Bremen gekommen waren. Das pommersche Gesangbuch war zartester Dünndruck mit Goldrand, schön gesetzt in Frakturschrift und fast vollkommen ohne Macken. Der Verlag Trowitzsch & Sohn hat damals auch eine bedeutende Anzahl hebräischer Druckwerke sowie andere Bücher mit theologischen und historischen Themen herausgegeben.

Ich schaute hinein, begann zu lesen, und dann rollten die Jahre zurück – weit über meine eigene Lebenszeit hinaus.

Meine Liebe zur sakralen Vokalmusik ist seit jeher zweigeteilt, entsprechend meiner jüdisch-christlichen Vorfahren. Meine jüdische Grossmutter, die 1884 in eine evangelisch assimilierte sephardische Familie in Schlesien hineingeboren wurde, war zeitlebens in allen gängigen Bibeltexten zu Hause, denn Hebräisch, Griechisch und Latein gehörten in ihrer Familie zur Grundbildung. Der christliche Teil meiner gemischten Verwandtschaft stellte dagegen neben diversen evangelischen Geistlichen und Musikern aller Art auch eine katholische Gemeindeschwester. Und weil meine aktuelle Ganzjahres-Lieblingskantorin aus der jüdischen Gemeinde seit einiger Zeit krankheitshalber ausfällt, habe ich nun die Musse, mir einmal anzusehen, was die evangelischen Christen vor der Nazizeit gesungen haben, bevor das jüdische Erbe der Kirchen zusammen mit seinen Trägern aus dem deutschen „Volkskörper“ eliminiert wurde. Denn wie so viele Nachfahren sogenannter „Judenchristen“ treibt mich unauslöschlich die Frage um, warum die freundliche kleine Oma damals viel zu lange dachte, sie sei durch die Taufe vor dem mörderischen Furor ihrer Mitchristen geschützt.

Man spricht in Deutschland ja oft von der jüdisch-christlichen Kultur. Es ist dies bekanntlich ein zerfallenes Haus mit vielen Fenstern, in dem es besonders im Winter kräftig durch das Dach regnet. Die meisten Scheiben wurden mutwillig eingeworfen, andere sind seit Jahren blind. Geister der Vergangenheit irren ruhelos durch die Räume. Jeweils Anfang November und Ende Januar kommen zwar Menschen und legen Kränze auf die Schwelle. Aber sie trauen sich nicht hinein, sondern reden stattdessen sehr laut von „Nie vergessen“, wie Kinder, die schreien, weil sie sich im Dunkeln fürchten. Und dann verlassen sie schnell den unwirtlichen Ort und bleiben fern, bis sie sich im nächsten Jahr wieder gezwungen fühlen, dieselben Zeremonien abzuhalten.

Zion, Jakob und Juda – das verdrängte jüdische Erbe der Kirchenlieder

Und zwischen November und Januar feiert man bekanntlich Weihnachten und versucht dabei auszublenden, dass Maria, Jesus und Joseph Juden waren. Aber sie waren nun einmal Juden, genau wie heutzutage die meisten Israelis, die man hierzulande ganzjährig gerne dafür kritisiert, dass sie sogar in ihrer angestammten Heimat partout darauf bestehen, Juden bleiben zu wollen. Doch während aktuell in der Synagoge zu Chanukka „Maos Zur“ gesungen wird, dessen Melodie bekanntlich nicht zufällig so klingt wie ein altes evangelisches Kirchenlied, wage ich einen Blick in die alten Gesangbücher. Denn das Kirchenjahr beginnt bekanntlich mit dem 1. Advent. Gehen wir also nach Pommern:

Nr. 5 „Wie soll ich dich empfangen“ in der zweiten Strophe mit: „Dein Zion streut dir Palmen / und grüne Zweige hin“.

Nr. 7 „Nun komm, der Heiden Heiland“, anderer Text, heute zu finden unter „Gott sei Dank durch alle Welt“. Hier heisst die dritte Strophe: „Zions Hilf und Abrams Lohn / Jakobs Heil, der Jungfrau Sohn / der wohl zweigestammte Held / hat sich treulich eingestellt.“

Nr. 8: Mit der Weise „Jesus, meine Zuversicht“ beginnt gleich die erste Strophe: „Hosianna, Davids Sohn, kommt in Zion eingezogen …“

Nr. 9 stammt aus der Hugenottenkirche. Und auf die Weise „Ach Jesu, meiner Seelen Freude“ heisst es hier in Strophe 1: „… empfang ihn froh, Jerusalem.“

Damit sind wir schon im Weihnachtsteil.

Nr. 12 klingt zur Weise von „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ in Strophe 2: „Zu Bethlehem in Davids Stadt, wie Micha das verkündet hat.“

Bethlehem, das Christen hierzulande zumindest dem Namen nach aus dem Weihnachtsgottesdienst kennen, ist heute bekanntlich eine mehrheitlich muslimische Stadt, in der man sich weder an David noch an Micha erinnern mag.

In Nr. 17 jubelt Paul Gerhardt: „Wir singen dir, Immanuel“ und spricht in Strophe 4 die innige Bitte: „Ach, dass der Herr aus Zion käm / und unsre Bande von uns nähm / ach, dass die Hilfe bräch herein, / so würde Jakob fröhlich sein!“ Halleluja!

Die Sachsen mussten 1930 sehr sparen. Hier ist die Schrift winzig und das Papier schlicht. Aber offenbar wusste man trotzdem, wo Gott wohnt, und sang zum Beispiel zu Neujahr in Nr. 58 gleich mit der ersten Strophe: „Hier ist Immanuel! Das soll die Losung bleiben, da wir ein neues Jahr durch Gottes Güte schreiben. So rufet Zion aus, so singt ganz Israel, es heisset: Gott mit uns! Hier ist Immanuel.“

Nr. 67 zum Fest der Erscheinung Christi (Epiphanienzeit) erklang in strahlendem A-Dur: „Gott der Juden, Gott der Heiden, aller Völker Heil und Licht, Saba sieht den Stern mit Freuden, der von dir am Himmel spricht, Sem und Japhet kommen von fern, dich zu sehn, du Jakobs Stern.“

Wo dieser Stern zu finden war, erzählt uns dann Nr. 337: „Wie schön leuchtet der Morgenstern, voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, aus Juda aufgegangen.“

Kirchenmusik nach 1933: Anpassung, Ausgrenzung und Verdrängung

Im aktuellen Gesangbuch darf die Tochter Zion sich zwar wieder freuen, aber wehe, ein Mensch outet sich hierzulande als Zionist oder spricht gar von Judäa. Das heutige Israel ist der Kirche eher ein Ärgernis – hat man doch allzu gerne vergessen, wer in der Nazizeit dafür Sorge trug, dass Davids Sohn innerhalb weniger Jahre heimatlos wurde. So konnte ein Oskar Söhngen bereits am 3. Juli 1936 befriedigt an die obersten Staats- und Kirchenbehörden schreiben: „… dass sich das kirchenmusikalische Leben im Gegensatz zur Verjudung des öffentlichen Musiklebens nahezu gänzlich judenrein gehalten hat.“ Mit der Zwangseingliederung in die Reichsmusikkammer durch die Pflichtmitgliedschaft im Reichsverband für evangelische Kirchenmusik wurde zuverlässig dafür gesorgt, dass das so blieb.

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Evangelisches Gesangbuch für Branbenburg und Pommern 1931. Foto zVg / E.Lahusen.

Schaut man heute bei der UEK, der Union Evangelischer Kirchen, nach, wer dieser Oskar Söhngen war, der während der Nazizeit so zuverlässig an der Entfernung alles Jüdischen gearbeitet hatte, so erfährt man, dass sich dieser Fisch anschliessend im neuen deutschen Teich fröhlich weiterbewegte. Auf der Website der UEK heisst es – Stand: 10. Dezember 2025 –: „Im Oktober 1948 wurde in Ilsenburg/Harz die Evangelische Forschungsakademie (EFA) gegründet. Ziel war, in Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft eine Neubesinnung für das menschliche Leben, das gesellschaftliche Zusammenleben und damit auch für die wissenschaftliche Arbeit zu fördern. Oskar Söhngen, der Begründer und erste Direktor der EFA, zitierte bei der Eröffnung der Gründungstagung aus einer Denkschrift der Evangelischen Akademie Bad Boll: ‚Es genügt nicht, den modernen Menschen das Fundament eines persönlichen Glaubenslebens zu vermitteln. Eine evangelische Akademie muss aufzeigen, wie die einzelnen Gebiete des weltlichen Lebens und Denkens sachgemäss auf diesem Fundament gegründet werden können.‘“ Was der Mann vor 1945 getrieben hatte, wird auf dieser frommen Seite bis heute ignoriert. Wie sich das mit der Barmer Theologischen Erklärung der bekennenden Kirche verträgt, die von derselben UEK in ihrem Internetauftritt veröffentlicht wird, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Söhngen war keine Ausnahme. Sein Kollege Christhard Mahrenholz hat eine ähnliche Karriere hingelegt. Beide waren im Übrigen Träger des Grossen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Ausführlich beschrieben wurden diese Vorgänge durch den Religionspädagogen Hans Prolingheuer in seinem 2001 erschienenen Buch „Hitlers fromme Bilderstürmer“. Der Fall Söhngen findet sich zudem gut zusammengefasst in dessen Arbeitsbericht „Kirchenmusik unterm Hakenkreuz“.

Als ich heute im Gemeindesaal beim „Adventskaffee der Älteren“ sass und wir gemeinsam alte Weihnachtslieder sangen, fand sich dort in den handkopierten Zetteln im Grossdruck neben „Ihr Kinderlein kommet“ und „Maria durch ein Dornwald ging“ auch das alte Schweizer Sterndreherlied „Es ist für uns eine Zeit angekommen …“. Allerdings nicht mit dem christlichen Text, den man früher bis hinein nach Süddeutschland in katholischen Gegenden gesungen hat, sondern in der Fassung, die während des Winterfeldzugs 1941 in der Nazizeit populär geworden ist. Buchstäblich jeder konnte den Text, und selbst der Pfarrer wusste nicht, woher er stammt. Und so singt man sich hierzulande unbekümmert weiter durch die „weite weisse Welt“ des kollektiven Vergessens. Man ärgert sich nur über die Poller und die Wachleute vor dem Weihnachtsmarkt. Dass die Synagoge in derselben Strasse schon viel länger unter Polizeischutz steht – und zwar aus genau den gleichen Gründen wie jetzt der Weihnachtsmarkt –, merkt keiner.

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