Wer Leben retten will, muss sich beeilen

Lesezeit: 8 Minuten

Die Aussengastronomie hat zu. Also hockt man abends zuhause vor dem Fernseher. Bei Markus Lanz waren am 1. April die Journalistin Anja Maier, Parlamentsberichterstatterin des „Weser-Kurier“, Michael Kretschmer CDU, Ministerpräsident des Freistaates Sachsen, Wolfgang Kubicki FDP, Bundestagsvizepräsident, und die Virologin Prof. Melanie Brinkmann zu Gast. 77 Minuten lang spricht man hier über die Frage: „Wo ist der Ausweg – Deutschland steckt fest in der Coronakrise.“

von Elisabeth Lahusen

Ja, das wüsste ich auch gerne. Ein junger Verwandter von mir arbeitet in einem Restaurant. Monatelang Kurzarbeit. Meine Schwiegermutter sitzt mit ihren 93 Jahren allein in ihrem Haus. So geht es gerade vielen Menschen. Und die Politiker verwalten den Mangel. Das zerrt an den Nerven. Es geht, so sagt Lanz in der Anmoderation, darum, zu klären: „An welchem Punkt haben wir nicht aufgepasst und was ist vor allen Dingen jetzt zu tun?“. Lockdown, Teststrategien und Impfen. Die Virologin liest der Politik die Leviten. Die Politik soll Antworten liefern. Wie so häufig in der letzten Zeit. Der Ministerpräsident von Sachsen, in dessen Bundesland die Infektions-Zahlen gerade durch die Decke gehen, ist sichtlich müde. Und nun legt er los. Und was er zu sagen hat, ist ihm wichtig. Mehrfach versucht der Moderator zu intervenieren. Aber Kretschmer lässt sich nicht bremsen. Er will es sich ein für allemal von der Seele reden. Und so erzählt er, wie es in ihm denkt. Und das ist verheerend.  

Nachzuschauen bei https://www.zdf.de/gesellschaft/markus-lanz/markus-lanz-vom-1-april-2021-100.html ab Minute 56:46

„Wir haben in den ersten Monaten dieser schweren Zeit einen grossen Zusammenhalt gehabt zwischen Bund und Ländern, Bundestag, Bundesrat, den Ministerpräsidenten, der Bundesregierung, mit der Öffentlichkeit, die das getragen haben. Das ist ein Stückweit verloren gegangen, durch Fehler würde ich sagen, aber auch durch Erschöpfung. Und jetzt sollten wir zu dem Erfolgsrezept wieder zurückkehren dieser Gemeinsamkeit und versuchen, die Dinge so zu benennen, wie sie sind. Über den Impfstoff ist viel gesprochen worden. Aber ich finde man muss auch da bei der Wahrheit bleiben. Es war immer klar, Deutschland drängelt sich nicht vor, so wie das ein Land wie Israel oder wie das Grossbritannien kann, sondern wir gehen gemeinsam in Europa vor, weil wir es nicht ertragen können, dass die Deutschen mit ihrer Kraft und ihrem Geld den Impfstoff haben und die Polen und die Tschechen und die Slowaken alle reihenweise nacheinander sterben, das wird diese europäische Union nicht erleben. Deswegen kriegen alle diese europäischen Länder gleichmässig nach ihrer Bevölkerung den Impfstoff. Deswegen wird es dauern.“

Haben wir richtig gehört? Die Schwerfälligkeit und das durch überbordende Bürokratie erschwerte Einkaufsdebakel der EU war in Wirklichkeit ein heldenhaftes Opfer Deutschlands, damit „Polen, Tschechen und Slowaken nicht reihenweise sterben“ – während der jüdische Staat und Grossbritannien, denen nach dieser Lesart offenbar das Schicksal der Osteuropäer egal ist, sich egoistisch „vordrängeln“? Hat der Mann aus Sachsen nicht schon genug Probleme mit den jährlichen Aufmärschen Ewig- Gestriger, die Deutschlands „Ehre“ gegen den „Bombensturm“ auf Dresden verteidigen – muss er hier noch unnötig Öl ins Feuer giessen?

Selbst Lanz verschlägt es sichtlich den Atem: „Herr Kretschmer. Was Sie jetzt gerade machen, ist Populismus.“

Kubicki: „Es ist auch wirklich falsch.“

Aber Kretschmer beteuert noch einmal: „Das, was ich Ihnen gesagt habe, ist die Wahrheit.“

Lanz widerspricht vehement: „Nein, ist es nicht.“

Wolfgang Kubicki liefert dann die Fakten:

„Erstens hat die europäische Kommission für Gesundheit doch gar keine Zuständigkeit. Nach den Verträgen sind die Nationalstaaten zuständig. Jens Spahn hatte gemeinsam mit seinem österreichischen, seinem französischen und seinen holländischen Freunden bereits eine Einkaufsstrategie entwickelt. Die ist ihm von der Kanzlerin aus der Hand geschlagen worden. Ich habe mir immer überlegt, warum eigentlich? Ende Juni waren wir bereits so weit, den Impfstoff bestellen zu können. Mir ist klar geworden, warum das so ist, weil wir am 1. Juli die Ratspräsidentschaft übernommen haben und Angela Merkel als gute Europäerin dastehen wollte. Alles kann ich akzeptieren. Nur jetzt so zu tun, als sei das eine Notwendigkeit gewesen, ist schlicht und ergreifend falsch. Es war sozusagen der geschichtlichen Bedeutung von Angela Merkel geschuldet. Wir hätten das machen können, mit den Franzosen, den Holländern gemeinsam. Wir hätten auch für Europa – Jens Spahn hat ja angeboten, dass andere Länder sich beteiligen könnten. Jetzt für ganz Europa, wobei auch, organisieren können. Wir haben das aus der Hand gegeben, einer Kommission übertragen, die heillos überlastet gewesen ist, in dieser Fragestellung.“

Lanz erklärt dem sächsischen Politiker, dass die Amerikaner 16 Milliarden Dollar für die Impfstoffentwicklung ausgegeben haben, statt 375 Millionen, wie die EU, dass sie frühzeitig Produktionsstätten aufgebaut haben, dass sie schon im Juli verbindlich grosse Mengen an Impfstoff bestellt haben:

„… Riesige Mengen an Impfstoff. Wir haben reserviert. Und zwar bis November und im November haben wir verbindlich bestellt. Können Sie mir mal erklären, was daran clever ist, was daran smart ist? Wir haben unser eigenes System nicht verstanden. Weil - Marktwirtschaft ist an dem Punkt eine feine Sache, wie sich gerade herausstellt. Das Problem ist nicht, dass die EU bestellt hat. Das Problem ist, wie die EU bestellt hat. Dass man sich nicht einigen konnte über einen sehr langen Zeitraum, schlicht und ergreifend verbindlich zu bestellen.“

Kretschmer möchte lieber nicht an das erinnert werden, was in Deutschland alles schiefgelaufen ist. Doch für die Zukunft stellt der christliche Spitzenmann seinem Bundesland noch mehr Moral statt Medizin in Aussicht- er meint: „Impfstoff – das wird kurzfristig nicht die Lösung sein. Es geht an dieser Stelle um das Verhalten.“

Das Verhalten. Kretschmer beteuerte in seiner langen Rede, dass er „bei der Wahrheit bleiben“ wolle. Seine Wahrheit ist, die EU habe alles richtig gemacht und Israel habe sich „vorgedrängelt“. Und als ihn seine Gesprächspartner darauf hinweisen, dass diese Formulierung daneben ist und man nicht von „Vordrängeln“ sprechen könne, fragt er ernsthaft: „Warum nicht?“ Für ihn ist nicht die Bräsigkeit der EU das Problem, sondern die Schnelligkeit und die Souveränität des kleinen jüdischen Staates. Er hat ein Problem mit Israel. Es ist keine zufällige Bemerkung an dieser Stelle. Der Ministerpräsident von Sachsen legt am Gründonnerstagabend Wert darauf, bei dieser Formulierung zu bleiben.

Israels Innovationskultur

Noch vor zwei Jahren klang das aus Kretschmers Mund völlig anders. Da sagte er beim Antrittsbesuch des israelischen Botschafters: „»Sachsen und Israel verbinden freundschaftliche und vielfältige Beziehungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Mit der Beteiligung Sachsens am Stipendienprogramm New Kibbutz fördern wir den Austausch junger Menschen. Sie erhalten die Chance, Israels Innovationskultur und das einzigartige kulturelle Leben kennenzulernen und neue Verbindungen zu knüpfen.“

2019 spricht er von der Chance, „Israels Innovationskultur kennen zu lernen“ und heute heisst es „Israel drängelt sich vor.“ Warum tut der Mann sich und uns das an – hat er das nötig?

Vor kurzem beschwor Kretschmer in einer Ansprache die Sachsen, es brauche „sehr viel Vorsicht, sehr viel Rücksichtnahme und sehr viel Eigenverantwortung“, um die Corona – Pandemie in Schach zu halten, bis die Impfung ihre Wirkung entfalten kann.

Auch der Antisemitismus ist eine Pandemie. Seine neue Mutante „Israelkritik“ zeigt sich immer häufiger an Stellen, wo man sie am Wenigsten erwartet hätte. Und es gibt dagegen leider keine Impfung. Vorsicht bei der Wahl der Worte, Rücksichtnahme statt falscher Schuldzuweisungen und die Übernahme von Eigenverantwortung statt der Suche nach dem Sündenbock – Wie viel Hoffnung auf eine echte Erneuerung bleibt denn, wenn ein sächsischer Politiker, sobald er sich unter Druck gesetzt fühlt, reflexartig mit dem moralischen Zeigefinger auf die Briten und den jüdischen Staat zeigt?

In Sachsen hat sich ein Verein gegründet. Er nennt sich Jugendbegegnung Terezin/ Theresienstadt.

Im November 2021 will man mit einer Abendveranstaltung an den Jahrestag des ersten Transportes in das KZ Theresienstadt erinnern. Geplant ist diese in Dresden. Ich bin sicher, der Redenschreiber des Herrn Kretschmer würde auch zu diesem Anlass entsprechende „staatstragende“ Worte finden. Meine Grossmutter war vom 8. Januar 1944 bis zur Befreiung des Lagers in diesem KZ. Über ein Jahr. Als sie im Frühjahr 1945 halb verhungert befreit wurde, lag Europa in Trümmern. In Westen Deutschlands gab es das Wirtschaftswunder. Mitteldeutschland wurde sozialistisch und der Osten war nicht mehr deutsch. Die schlesische Heimat ihrer Vorfahren sah sie nie wieder. Ich wuchs in Deutschland auf. Im sogenannten freien Westen. Nur langsam wächst das Land wieder zusammen. Mein jüngster Sohn hat in Sachsen seine Lehre gemacht. Im Vogtland. Und mit grosser Sorge sehen wir, wie dort die Pandemie wütet. Aus privaten Gründen reiste ich im Dezember nach Israel.  Und als ich jetzt im Winter in Jerusalem geimpft wurde, empfand ich nichts als Dankbarkeit. Die Ärzte, Schwestern und Pfleger, die da rund um die Uhr arbeiteten, machten das schnell und effektiv. Viele schauten mit Bedauern auf Europa.

Es geht um das Leben

Ich schreibe diesen Text am 7. April. Morgen ist der Jom haScho’a. Wir gedenken unserer Toten. Ich sage ganz bewusst „wir“ – denn an diesem Tag ist meine Seele in Israel. Auch wenn ich als Deutsche in Deutschland lebe. Und wie in jedem Jahr werden Holocaustüberlebende aus ihrem Leben berichten. Es sind durchweg alte Menschen, denen Nazideutschland ihre Verwandten und ihre Kindheit geraubt hat. Alte Menschen, die jetzt durch die Impfung vielleicht die Möglichkeit haben, noch ein paar Jahre glücklich zu leben. Wie viele von ihnen hätten den Winter wohl nicht überlebt, wenn Israel sich nicht mit der Impfung beeilt hätte? Würde Herr Kretschmer auch ihnen ins Gesicht sagen: Ihr habt Euch vorgedrängelt?

Am Ende der Talkshow bei Lanz blieb die Frage offen, wie es weitergeht. Mehr als Durchhalteparolen und moralische Appelle gab es nicht. Aber das reicht nicht, Herr Kretschmer. Das war noch nie genug. So wie Israel jetzt versucht hat seine letzten Holocaustüberlebenden zu schützen, so gilt es in Deutschland ebenfalls die alten Menschen zu schützen. Und ja, da muss man schnell sein. Ich liebe Deutschland und ich liebe Israel. Die Toten, derer ich gedenke, waren deutsche Juden. Es geht nicht um historische Rollen, es geht um das Leben. Hier und jetzt. Um jedes einzelne Leben. Israel weiss das. Deutschlands Politiker sollten es endlich lernen. Es ist nicht die Frage, wer „vordrängelt“ – wir müssen alle so schnell wie möglich sein. Und dann, wenn wir gemeinsam die Pandemie einigermassen in den Griff bekommen haben, dann könnte Herr Kretschmer sich vielleicht auch ganz entspannt in Jerusalem zu einem Glas Bier hinsetzen. Zusammen mit den Handwerkern aus Sachsen, die seit Jahren in Israel ihren Urlaub verbringen, um für Holocaustüberlebende die Wohnungen zu renovieren.

Und dann würde ich mich auch gerne mit Ihnen unterhalten. Über das, was uns alle verbindet. Wenn Sie es wollen, Herr Kretschmer, dann ist das kein Traum.

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1 KOMMENTAR

  1. Der sächsische CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer macht deutlich, dass schon bei vergleichsweise noch einfachen Krisen der Jude – in diesem Fall Israel als Jude unter den Staaten – jederzeit als Aggressionsobjekt wieder aufgetischt werden kann. Antisemitismus als stabilisierendes Element in einem Land, das ansonsten gegen tatsächliche Gegner wie z.B. Iran oder China nur ein Verhalten kennt: Appeasement.

    Kretschmer schämt sich nicht für seinen niederträchtigen Ausfall, noch gibt es jemanden, der ihn dafür zur Rechenschaft zieht.

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