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Muhammad Badi'e

Inmitten der neuen Belastungen für die amerikanisch-ägyptischen Beziehungen suchen manche in Washington in den gespannten Verhältnissen und Ergebnissen der jüngsten Wahlen nach Hinweisen dafür, dass die Demokratie Fuss fasst. Wer aber behauptet, die Muslimbruderschaft lasse neue Anzeichen von Mässigung erkennen, sollte ihre englische Botschaft an Aussenstehende mit ihrer arabischen Botschaft an Ägypter und andere Araber vergleichen.

Schauen Sie sich die offizielle englische und die arabische Website der Bruderschaft an, IkhwanWeb (http://www.ikhwanweb.com/) und IkhwanOnline (http://www.ikhwanonline.com), an jedem beliebigen Tag dieses Monats. Auf Englisch brachte die Homepage nicht weniger als acht Artikel über die Sorge der Bruderschaft Ägyptens koptisch-christlicher Minderheit gegenüber. Die arabische Homepage dagegen enthielt nur zwei kleine Beiträge zu diesem Thema. Schärfer ist der Kontrast ist  bei anderen zentralen Fragen. Zu „Demokratie“ veröffentlichte die englische Homepage an einem Tag im Januar mehrere Artikel mit Überschriften wie: „Warum Islamisten bessere Demokraten sind“ und „Demokratie: eines der Ziele der Scharia?“. Es gab nichts Vergleichbares auf Arabisch. Stattdessen sahen arabische Leser drei Beiträge gegen die Pressefreiheit, die zwei der wichtigsten unabhängigen ägyptischen Tageszeitungen für ihre Kritik an der Bruderschaft angriffen.

Solche Doppelzüngigkeit ist Teil eines Musters. Im vergangenen Februar, direkt nach dem Sturz Hosni Mubaraks, veröffentlichte die Bruderschaft, was sie eine „englischsprachige Version der Botschaft des Obersten Führers Muhammad Badi‘e an das ägyptische Volk“ nannte, in dem ihre Revolution gefeiert wurde. Er sprach darin vermeintlich schwerpunktmässig von Demokratie, Toleranz, Pluralismus und Koexistenz zwischen Ägyptens Muslimen und Christen. Doch der Text seines gleichzeitig auf Arabisch veröffentlichten Statements hatte einen völlig anderen Klang. In seiner authentischen Botschaft schrieb Badi‘e ausführlich darüber, dass Ägyptens Aufstand ein Segen Allahs sei und wie nötig es für die Ägypter wäre, in ihrem muslimischen Glauben fest zu bleiben, um die wahren Früchte des Aufstands zu ernten. Die folgenden Überschriften über die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Bruderschaft (FJP) führten während der vergangenen Monate die englische Website an: „FJP und Christen dämmen Aufruhr ein“, „FJP verurteilt Angriff auf israelische Botschaft“ und „Frauenkomitee der FJP bietet kostenlose medizinische Versorgung in Sharqiyyah City“. Allerdings erschien keine dieser Geschichten auf der arabischen Homepage. Während des vergangenen Jahres wurde von der Bruderschaft auf Englisch häufig über die Situation von Frauen berichtet – aber fast nie auf Arabisch. Das Gleiche gilt für die englische und die arabische Website der FJP, die das ägyptische Parlament kontrolliert.

Man mag entgegnen, dass alle politischen Parteien sich zumindest in einem gewissen Grad auf zwiespältige Botschaften einlassen. Doch bei einem solchen erwiesenen Ausmass an Doppelzüngigkeit ist die Glaubwürdigkeit der Gruppierung entsprechend gefährdet – oder sollte es zumindest sein. Einige werden sagen, die Bruderschaft schliesse einige relativ gemässigte Stimmen mit ein. Das ist wahr, aber sie ist eine sehr disziplinierte, hierarchische Bewegung: Viele ihrer Gemässigten haben sie im vergangenen Jahr verlassen oder wurden ausgeschlossen, und ihre höchsten Führer sind Hardliner. Und mancher wird einwenden, die Bruderschaft zeige doch, dass sie ihre Positionen verändern kann. Doch während die Bewegung in den vergangenen Monaten auf der Strasse und bei den Wahlen erstarkt ist, geschieht Veränderung hauptsächlich hin zu weniger und nicht etwa zu mehr Mässigung.

Zum Beispiel trat die Bruderschaft den Protesten auf dem Tahrir-Platz verspätet bei, aber nachdem Mubarak dann gestürzt war, lehnten ihre Anführer jegliche „überkonstitutionellen“ Garantien individueller Freiheit ab und schlossen Mitglieder schliesslich von den weiteren Demonstrationen aus. Die Gruppierung sagte anfangs, nicht mehr als 30 Prozent der Sitze im Parlament beanspruchen zu wollen; dann schwenkte sie um auf etwa die Hälfte; und meinte noch später: Mehrheit vielleicht, aber nur in einer Koalition; und nun bewegt sie sich dahin, völlige Kontrolle zu übernehmen, indem sie die wichtigsten Führungspositionen und Positionen in Ausschüssen übernimmt, ohne offizielle Koalitionen mit anderen Parteien eingegangen zu sein. Was die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen angeht, hatte die Bruderschaft ursprünglich gesagt, sie würde nicht teilnehmen; dann hiess es, sie würde möglicherweise einen der feststehenden Kandidaten unterstützen; nun scheint sie auf der Suche nach einem noch ungenannten Kandidaten ihrer Wahl.

Eine Sache unterdessen, die sich nicht geändert hat, ist die Feindschaft der Bruderschaft gegenüber der Politik und den Interessen der Amerikaner. Ihre Ausführungen über den „Regionalen Führungsanspruch“ beginnt die FJP auf ihrer Wahlplattform damit, dass sie ausdrücklich ablehnt, was sie als Ansatz des alten Regimes benennt: „Besatzer und Kolonisatoren durch Beteiligung in der sogenannten Achse der Mässigung, die von den USA gefördert wird, zu unterstützen“. Eine Finanzierung ägyptischer Nichtregierungsorganisationen durch die USA bezeichnete die Bruderschaft im August als „eine Schande“. In ihrer vorgeblichen Verurteilung der gewalttätigen Niederschlagung von NGOs durch die Polizei im Dezember bekräftigte sie dennoch ihre anhaltende Ablehnung dieser Finanzierung.

Natürlich wäre es eine willkommene Überraschung, wenn die Bruderschaft sich zu einem ehrlicheren und vertrauenswürdigeren Gesprächspartner entwickelte. In der Zwischenzeit jedoch sollten wir dem, was die Bruderschaft auf Englisch sagt, keine Aufmerksamkeit schenken, und irgendwelchen privaten „Versicherungen“, die sie bietet, wenig beachten. Und angesichts der Belege über die Doppelzüngigkeit der Gruppierung sollten Beobachter alles, was die Bruderschaft auf Arabisch sagt, mit dem gebotenen Zweifel zur Kenntnis nehmen. Die USA müssen sich mit der Bruderschaft auseinandersetzen; aber wir müssen nicht allem, was sie sagt, trauen – zumindest so lange nicht, bis sie unter Beweis stellt, dass wir es sollten.

 

David Pollock ist Kaufman Fellow am Washington Institute, wo er sich auf die politische Dynamik der Länder des Nahen Ostens konzentriert.

Originalversion: Egypt’s Muslim Brotherhood and Its Record of Double-Talk by David Pollock © The Washington Institute for Near East Policy, January 26, 2012. All rights reserved.

Siehe auch: Aljazeera, eine Organisation,zwei Botschaften von David Pollock