
Der hochkarätig besetzte Spielfilm «Nürnberg» macht aus dem Prozess gegen die letzten Nazi-Verbrecher ein Drama mit spektakulärem Endgegner-Kampf. Doch unter dem Hollywood-Pathos steckt ein lehrreicher Film über den ersten Versuch der Menschheitsgeschichte, gemeinsam auf juristischem Wege Gerechtigkeit nach einer Diktatur zu finden.
Der Kampf zweier Endgegner mit grossem Finale, der «Boss Fight», gehört fest zum Repertoire Hollywoods. Das funktioniert in unzähligen Sportfilmen, aber auch in Gerichts-Thrillern. «Nürnberg» ist der Versuch, das komplexe Verfahren der alliierten Mächte USA, Russland, Frankreich und England gegen die letzten lebenden Nazi-Kommandeure darzustellen, und dabei unterhaltsam zu sein. Das ist gewagt, funktioniert aber grösstenteils. Dazu tragen ein gutes Drehbuch und die Oscar-Preisträger Russell Crowe als Hermann Göring und Rami Malek als amerikanischer Militär-Psychiater Douglas Kelley bei.
Der Film beginnt mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Hitler ist tot, ebenso wie 70 Millionen Menschen weltweit – in den Jahren 1933 bis 1945 starben mehr als in jedem anderen Konflikt der Menschheitsgeschichte. Die Regierungen Russlands, Frankreichs, Grossbritanniens und der USA müssen entscheiden, ob sie die letzten Nazi-Kommandeure vor ein internationales Gericht stellen können. Dies ist einer der interessanten Aspekte des Films – denn zu jener Zeit war es überhaupt nicht klar, ob ein solcher Prozess sinnvoll sein würde. Würden die Nazi-Grössen den Gerichtssaal als Plattform nutzen, um ihre Taten zu relativieren und ihr Gift des Antisemitismus weltweit zu verbreiten?
Winston Churchill wollte die Verbrecher erschiessen lassen, Joseph Stalin wollte einen Schauprozess, der automatisch zu ihrer Erschiessung führen würde. Doch der neu ins Amt gekommene US-Präsident Harry S. Truman bestand auf einem echten Prozess. Das Konzept eines internationalen Strafgerichtshofs existierte noch nicht. Das internationale Tribunal in Nürnberg wurde somit zu einem Präzedenzfall von enormer Bedeutung. Und das ausgerechnet in jener deutschen Stadt, die Symbol für den Aufstieg des Dritten Reiches war und als Kulisse für Hitlers Propagandaveranstaltungen gedient hatte.
Der amerikanische Chefankläger, Robert H. Jackson (wie erwartet meisterhaft gespielt von Michael Shannon), stellte in seiner Eröffnungsrede am 21. November 1945 klar: Die Zivilisation dürfe diese kalkulierten und bösartigen Verbrechen nicht ignorieren. «Ihre Wiederholung würde das Ende der Menschheit bedeuten», so der Amerikaner. Das Tribunal sei «neuartig» und «experimentell», gab er zugleich zu.
Psychiater entwickelt Freundschaft zu Göring
Russell Crowe («Gladiator», «A Beautiful Mind») spielt Hermann Göring als einen smarten Mann, der auch im Gefängnis noch Hoffnung hat, den Prozess gewinnen zu können, um vielleicht noch einmal sein Land anzuführen. In Vielem gleicht seine Darstellung hier dem, was man von historischen Filmaufnahmen der Nürnberger Prozesse kennt. Etwa wenn sich Göring beim Eintreten der Richter demonstrativ als letztes auf der Anklagebank langsam erhebt und sich auch als letztes wieder setzt. Allerdings war Göring zum Zeitpunkt des Prozesses wegen einer Diät schon deutlich schmaler – die Filmemacher haben seine übergewichtige Statur so belassen, wie man sie von Film- und Fotoaufnahmen kennt. Görings feixende Grimasse im Gerichtssaal hat der Film ebenfalls nicht übernommen. Crowe spielt Göring eher besonnen und ernst.
Für den Spannungsbogen stellt der Film dem gewitzten und keineswegs reumütigen «Reichsmarschall» in Uniform den jungen US-Militär-Psychiater Douglas Kelley gegenüber (Rami Malek). Der Arzt soll die geistige Verfassung aller 20 Angeklagten überwachen und Selbstmorde verhindern. Ihn selbst interessiert aber auch zentral die Frage: Woher kommt das Böse in diesen Menschen? Sind die Deutschen anders als andere? Kelley spekuliert zudem auf ein Buch, das ihn berühmt machen könnte. Während der vielen Treffen mit Göring in der Zelle wird das Verhältnis zunehmend vertrauter. Fast entsteht so etwas wie eine Freundschaft. Der Psychiater verliert den Abstand, er wird von Görings Charme und den seiner Ehefrau und deren Tochter vereinnahmt.
Tatsächlich veröffentlichte Kelley später ein Buch über den Prozess und seine Angeklagten. Die Nazi-Grössen seien keineswegs aussergewöhnliche, psychisch kranke «Monster» gewesen, so seine These. Im Grunde könnten derartige Verbrechen noch einmal geschehen, sogar in Amerika – wenn es denn die entsprechenden Umstände gebe. Die Amerikaner waren entsetzt, das Buch wurde zum Flop. Kelley wollte die Welt warnen, doch die lehnte seine Warnung ab. Unter zunehmenden Depressionen leidend, nahm sich der Psychiater 1958 das Leben. Und das ausgerechnet auf die gleiche Weise wie Göring vor seiner geplanten Hinrichtung, durch eine Zyankali-Kapsel. Erst in den Jahren nach Kelleys Tod setzte sich in der Psychologie eine Sichtweise durch, die Kelleys ähnelt. Hannah Arendts Arbeit über die «Banalität des Bösen» zum Eichmann-Prozess in Jerusalem stimmt mit Kelleys Sichtweise überein.
Ernstes Thema «unterhaltsam» dargestellt
Der Wendepunkt des Films ist die Vorführung von Filmaufnahmen, die in den Konzentrationslagern gemacht wurden. Alle im Gerichtssaal können sehen, worin die Verbrechen in den als «Arbeitslager» titulierten Einrichtungen bestanden. Auch der Psychiater Kelley versteht plötzlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem Bösen und den Übeltätern. Das Böse ist gar nicht banal, die Täter sind es.
Natürlich ist vieles an der Handlung fiktiv, und der Hollywood-Pathos ist an manchen Stellen ein wenig dick aufgetragen. Wenn sich die Endgegner vor Gericht etwa das finale Duell liefern, wird der Gerichtssaal zum Ring, und wie in Gerichtsdramen wie «Eine Frage der Ehre» kommt im Orchester der Begleitmusik viel die Marschtrommel zum Einsatz. Doch zentrale Aspekte der Nürnberger Prozesse spricht der Film gekonnt an. «Richter Robert Jackson hat im Grunde genommen den Internationalen Strafgerichtshof erfunden», merkt Regisseur James Vanderbilt an. «Und er hat dieses ‚Flugzeug‘ gleichzeitig gebaut und während der Nürnberger Prozesse ‚geflogen‘.» Vanderbilt: «Mir war wichtig, dass der Film nicht zu langatmig wird. Ich wollte, dass er unterhaltsam ist. Er behandelt zwar einige wirklich ernste Themen, aber mit etwas Zucker lässt sich die Medizin besser schlucken.»
Psychiater Douglas Kelley kam zu einer zutiefst beunruhigenden Schlussfolgerung. Die Nazi-Führer waren keine klinischen Psychopathen im medizinischen Sinne, sondern beunruhigend normale Männer. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass der Inhalt des Films tatsächlich «zeitlos» ist, wie der Regisseur vorab der Presse sagte. Das wird umso deutlicher, wenn man die Worte im Eröffnungsplädoyer von Chefankläger Jackson von damals heutigen politischen Entwicklungen gegenüberstellt. Diktatoren gibt es auch heute, und es wird sie vielleicht immer geben. Machthaber, die dem Tod unzähliger unschuldiger Menschen gleichgültig gegenüberstehen oder diese sogar gezielt anstreben. Die Drohung des derzeitigen US-Präsidenten Donald Trump kurz nach Ostern gegenüber der iranischen Zivilbevölkerung – «Eine ganze Zivilisation wird heute sterben und nie mehr zurückkehren» – kommt einem unwillkürlich in den Sinn. Robert Jackson sagte damals, die Angeklagten seien «Symbole für wilden Nationalismus und Militarismus, für Intrigen und Kriegsführung». Zweimal in seinem Leben hätten die USA junge Männer über den Atlantik geschickt, um Deutschland zu besiegen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Verhältnisse 81 Jahre nach dem Filmgeschehen nicht irgendwann umkehren. Regisseur Vanderbilt sagte anlässlich seines Films: Es sei ein Klischee, aber es sei richtig: Diejenigen, die die Geschichte vergessen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen. Sein Film sei im Grunde heute noch relevanter als noch vor 30 Jahren, stellt er fest. «Ich wünschte, das wäre nicht so.» Und weiter: «Das Böse trägt nicht immer eine furchterregende Uniform. Es kündigt sich nicht immer an. Es kann heimtückisch sein. Es kann – wie Göring – der netteste Gast auf einer Dinnerparty sein.»
«Nürnberg», USA, Regie: James Vanderbilt. USA, 148 Minuten, FSK: ab 12 Jahren, Kinostart Deutschschweiz: 07. Mai 2026. https://www.pathe.ch/de/filme-events/nurnberg-50863




















