Im Jahr 1827 wanderte eine Gruppe von Juden von der kleinen Insel Curaçao in die nahegelegene Hafenstadt Coro auf dem venezolanischen Festland aus. Achtundzwanzig Jahre später führten gewalttätige Ausschreitungen dazu, dass die gesamte jüdische Bevölkerung von 168 Personen nach Curaçao zurückfliehen musste.
von Michael Feldberg
Die Feindseligkeit gegenüber den Juden von Coro hatte zum Teil wirtschaftliche Ursachen. Venezuelas Bankensystem befand sich im Chaos, die Regierung war korrupt, und die Arbeitslosigkeit war weit verbreitet. Zugleich nahm die Fremdenfeindlichkeit – der Groll gegen Ausländer – stark zu.
Juden aus Curaçao waren auf Drängen der niederländischen Kolonialregierung nach Coro eingewandert. Im Jahr 1831 kam es unter den kreolischen Einwohnern von Coro zu Ausschreitungen, mit denen sie gegen den raschen wirtschaftlichen Erfolg der jüdischen Ladenbesitzer und Kaufleute protestierten. Zwar unterdrückte die lokale Regierung diese Unruhen, doch bereits 1832 führte sie eine besondere Sicherheitsabgabe ein, die ausschliesslich jüdische Händler in Coro entrichten mussten.
Die jüdischen Geschäftsleute protestierten dagegen. Daraufhin änderte die Lokalregierung im Jahr 1835 die Regelung: Ab sofort mussten alle ausländischen Unternehmer – nicht mehr nur Juden – für ihre Gewerbelizenzen doppelt so hohe Gebühren zahlen wie gebürtige Venezolaner. Trotz dieser Belastung und der offenen Feindseligkeit in der Bevölkerung florierten die Geschäfte der jüdischen Kaufleute in Coro. Der Historiker Isidoro Aizenberg stellte in einer Veröffentlichung der American Jewish Historical Society fest:
„Ihr Erfolg konnte weder der Bevölkerung noch der Regierung verborgen geblieben sein.“
Ab den 1840er-Jahren forderten die Stadtverwaltung von Coro und die örtliche Militärgarnison von der jüdischen Gemeinde regelmässig Darlehen als Vorschüsse auf ihre Steuern. Diese Kredite wurden zinslos gewährt und nahmen mit der Zeit immer häufiger die Form angeblich „freiwilliger“ Beiträge an, da klar wurde, dass sie nicht zurückgezahlt würden. Aizenberg schreibt dazu:
„Mit der Zeit wurden diese Zahlungen nicht mehr als finanzielle Reserve für Notfälle betrachtet, sondern als regelmässige Einnahmequelle, mit der die Regierung ganz selbstverständlich rechnete.“
Aus Sorge, dass das lokale Militär zu viel Macht auf Kosten der zivilen Verwaltung erlangen könnte, forderte die venezolanische Zentralregierung die Juden von Coro auf, diese nicht genehmigten Abgaben zur Finanzierung der Soldzahlungen an die Garnison nicht mehr zu leisten. Die jüdische Gemeinde folgte dieser Anweisung der Zentralregierung und lehnte eine weitere Zahlungsforderung ab. Am 30. Januar 1855 entliess das Militärkommando von Coro mangels finanzieller Mittel die dort stationierten Soldaten.
Am folgenden Tag wurde in der Stadt ein Flugblatt verteilt, in dem gefragt wurde:
„Gibt es in dieser Stadt keine Geschäftsleute, die der Regierung durch Vorschüsse für die Garnison helfen können?“
Unmittelbar darauf folgte eine erpresserische Drohung:
„Haben diese Geschäftsleute keine Angst, weiterhin den Gefahren ausgesetzt zu sein, die solche skandalösen und beispiellosen Umstände mit sich bringen können?“
In einem zweiten, direkter formulierten Flugblatt wurde die angebliche „verzerrte Habgier“ der Juden dafür verantwortlich gemacht, dass die Bevölkerung in „Elend und Hilflosigkeit“ lebte. Darin wurde behauptet, dass „viele Töchter von Coro, die zuvor als Vorbilder der Tugend galten“, von Juden „in die Prostitution getrieben“ würden. Das Flugblatt endete mit einer offenen Warnung an die Juden, Coro zu verlassen.
Zwei Nächte später zog eine Gruppe von etwa 30 bewaffneten Männern durch die Strassen der Stadt. Aizenberg zufolge schossen sie auf jüdische Häuser, rissen Türen auf und plünderten die Geschäfte bekannter jüdischer Kaufleute.
Wie viele Zeitgenossen ging auch Aizenberg davon aus, dass das Militär – mit dem Ziel, die Juden einzuschüchtern und zur Wiederaufnahme ihrer finanziellen Unterstützung zu bewegen – sowohl die antisemitischen Flugblätter verfasst und verteilt als auch die Kräfte für die Ausschreitungen gestellt hatte. Diese Strategie erwies sich jedoch als kontraproduktiv. Bis zum 10. Februar hatten alle Juden Coro verlassen und waren mit einem Schiff, das von der Regierung Curaçaos entsandt worden war, in Sicherheit gebracht worden.
Ein an diesem Tag in Coro verbreitetes Pamphlet erklärte triumphierend:
„Mit grosser Freude in unseren Herzen sehen wir heute, dass unser Land von seinen Unterdrückern befreit ist … Die Juden sind vom Volk vertrieben worden.“
Mit ihnen verschwanden selbstverständlich auch die finanziellen Mittel für weitere Darlehen.
Der niederländische Gouverneur von Curaçao protestierte entschieden gegen die Vertreibung. Die Niederländer wollten nicht, dass die Juden ausgewiesen würden, da ihre Abwesenheit dem Handel zwischen Curaçao und Coro schaden könnte. Zudem pochten sie auf den Grundsatz, dass gesetzestreue ausländische Staatsangehörige Anspruch auf Schutz nach venezolanischem Recht und internationalen Verträgen hätten. Sie forderten Entschädigungen für die Verluste der Juden von Coro sowie Garantien für ihre sichere Rückkehr.
Die venezolanische Regierung reagierte zunächst verärgert auf die niederländische Einmischung und erklärte, dass Juden, falls sie sich geschädigt fühlten, vor venezolanischen Gerichten Klage einreichen sollten.
Es folgte ein dreijähriger Stillstand. Zwei venezolanische Militäroffiziere gestanden zwar, die antisemitischen Flugblätter von 1855 verfasst zu haben, beriefen sich jedoch auf das Recht der freien Meinungsäusserung und wurden freigesprochen.
Erst am 6. Mai 1858 erklärte sich Venezuela bereit, Schadensersatz zu leisten und die sichere Rückkehr der vertriebenen Juden zu garantieren. Doch ausgerechnet an diesem Tag kursierte in Coro ein weiteres Flugblatt mit folgender Botschaft:
„Das Volk von Coro will keine Juden. Haut ab, haut ab wie Hunde! Und wenn ihr nicht bald geht, werden die Geier eure Leichen fressen.“
Unter dem Schutz eines neuen Militärgouverneurs kehrten einige wenige Juden tatsächlich zurück. Ihre Zahl war jedoch deutlich geringer als die derjenigen, die drei Jahre zuvor geflohen waren. Heute erinnern nur noch einige kleine Handelsbetriebe, die sich im Besitz von Nachfahren der frühen jüdischen Siedler befinden, sowie der alte Friedhof, auf dem diese begraben liegen, an die einstige jüdische Gemeinde von Coro.
Dr. Michael Feldberg ist Geschäftsführer des George Washington Institute for Religious Freedom. Von 1991 bis 2004 war er Geschäftsführer der American Jewish Historical Society. Auf Englisch zuerst erschienen bei My Jewish Learning. Übersetzung Audiatur-Online.
























