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Wenn am Dienstag der geplante Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas vollzogen wird, sollen auf beiden Seiten grosse Freudenfeste stattfinden. In Gaza bereitet man sich bereits auf die Rückkehr hunderter Palästinenser vor. Doch viele Israelis überkommt bei dem Gedanken darüber, welche Personen auf freien Fuss gesetzt werden, ein eiskalter Schauer. Mehrere Portraits prominenter Freigelassener.

 

„Mami, Mami!“, tönte es in den vergangenen Jahren immer wieder aus der Zelle Amna Monas, einer der bekanntesten Häftlinge in Israels Gefängnissen. Doch die junge Frau, die eine lebenslängliche Haftstrafe für den Mord an einem 17 Jahre alten Israeli absitzt, rief nicht nach ihrer Mutter. Sie äffte zum Lachen ihrer Zellengenossinnen die letzten Worte ihres Opfers nach, berichtete eine Mitarbeiterin des israelischen Geheimdienstes, die Mona interviewte, unserer Zeitung.  „Sie hat ihre Tat nie bereut“, so die Geheimdienstlerin, die aufgrund der Regelungen ihrer Arbeit anonym bleibt. Mona ist eine von insgesamt 1027 Palästinensern, die im Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hamas aus der Haft entlassen werden. Rund 69% der Israelis befürworten den Austausch mit der Hamas, der den vor fünf Jahren verschleppten Soldat Gilad Shalit heimbringen soll. Dennoch löst hier der Gedanke, dass Menschen wie Mona nach nur wenigen Jahren Haft freikommen sollen, bei vielen Zweifel und Ängste um ihre eigene Sicherheit aus.

Im Gegensatz zu früheren Gefangenenaustauschen, bei denen oft auch Täter kleinerer Delikte wie Diebstahl freigelassen wurden, stehen diesmal keine kleinen Fische auf der Liste. Prominente Schwerverbrecher, 280 von ihnen sassen lebenslängliche Haftstrafen ab, sind auf dem Weg in die Freiheit. Die Taten begangen sie zumeist voller innerer Überzeugung. Niemand macht das wohl deutlicher als Ahlam Tamimi, eine junge Palästinenserin, die als Drahtzieherin eines der blutigsten Attentate der Zweiten Intifada gilt. Im August 2001 nahm sie einen Selbstmordattentäter in ihrem Wagen nach Westjerusalem. Dort übergab die junge Journalistin aus Jordanien ihm eine Tasche mit zehn Kilogramm Sprengstoff und Nägeln, und bugsierte ihn in die Pizzeria „Sbarro“ in der Innenstadt. Sie gab ihm noch ruhig die Anweisung, 15 Minuten zu warten, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Danach sprengte sich der Mann in die Luft und riss 15 Israelis mit sich in den Tod, viele davon Kinder und Jugendliche. Allein die Familie Schijveschuurder trug fünf Angehörige zu Grabe.

„Was gibt es zu bereuen?“, fragte Tamimi einen Interviewer im Jahr 2006. Auch heute bedauert Tamimi nichts. „Sie sagte unlängst, dass sie nach dem gelungenen Attentat mit Champagner hätte anstossen müssen, selbst wenn sie eine devote Muslimin ist“, so die Geheimdienstlerin. Auf die Frage, ob sie wieder einen Anschlag begehen würde, wenn sich die Gelegenheit böte, antwortete Tamimi ohne abzuwarten: „Selbstverständlich.“ „Rund 60% der Männer werden wieder zum Terrorismus zurückkehren“, sagt die Kriminologin Dr. Anat Berko, die sich intensiv mit palästinensischen Häftlingen befasst hat. „Der Gefängnisaufenthalt ist für sie nur eine Station einer lebenslangen Karriere.“ Laut Almagor, eine Organisation der Verbliebenen der Terroropfer, haben freigelassene Terroristen seit dem Jahr 2000 mindestens 180 Israelis getötet. Manche der Männer, die jetzt freikommen sollen, verbüssen bereits die zweite Haftstrafe, nachdem sie nach einer Freilassung erneut Terrorakte begingen.

Solch ein Lebensweg sei für Männer typischer als für inhaftierte Frauen. Wie zum Beispiel für Personen wie Yasser Salah, and Ali Qadi, Abdullah Arrar und Said Schalaldeh, die im September 2005 den Sasson Nuriel nach Ramallah entführten. In einem Versteck filmten sie den 50 Jahre alten Angestellten eines Süsswarenhandels in Gefangenschaft. Dann überkam sie Panik: Als sie dachten, die Israelis seien ihnen auf der Spur, nahmen sie Nuriel auf eine Müllhalde und töteten ihn mit einem Küchenmesser. Seine gefesselte und entstellte Leiche wurde wenig später entdeckt.

Für die meisten Palästinenser sind solche Menschen, die für Israelis Sicht kaltblütige Mörder sind, Helden ihres Freiheitskampfs. Selbst aufgeklärte und pragmatische Intellektuelle, die sich im Alltag für eine friedliche Zwei-Staaten Lösung einsetzen, distanzieren sich nicht von den Terroristen, die in den kommenden Tagen freikommen werden. „Sie waren selber Opfer der Besatzung“, sagt der Journalist Sam Bahour aus Ramallah. „Unter normalen Umständen hätten sie vielleicht ganz normale Karrieren verfolgt.“ Nun gelte es, alle Palästinenser freizulassen: „Wenn überhaupt, dann sollten sie in unseren Gefängnissen sitzen“, sagt Bahour.

Die Organisation Almagor will jetzt noch im letzten Augenblick verhindern, dass die Mörder Nuriels oder von der Sbarro Pizzeria sich nach nur wenigen Jahren Haft auf einen Heldenempfang in Gaza freuen können. Sie vertritt Personen wie Hovav Nureil, den Sohn Sassons, oder Frimet Roth, die Mutter von Malka, die 15 Jahre alt war, als die Bombe sie in den Tod riss. „Ich bin verzweifelt“, schrieb Frimet in einem offenen Brief an ihren Premier mit der Bitte, die Mörder ihrer Tochter, besonders die reuelose Tamimi, nicht freizulassen. Almagor hat deswegen eine Petition in Israels Höchstem Gerichtshof eingereicht. Die Chancen, dass sie den Deal noch verhindern können, sind gering.

Über Gil Yaron

Dr. Gil Yaron ist Buchautor, Dozent und Nahostkorrespondent der Tageszeitung und des Fernsehsenders WELT, sowie der RUFA, der Radioabteilung der dpa. Er schreibt ebenso für die Straits Times in Singapur, und arbeitet als freier Analyst in zahlreichen Fernsehsendern.

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