Bar und Bat Mizwa im Museum

Lesezeit: 3 MinutenDem Übergang zum Erwachsenwerden jüdischer Jugendlicher hat das Jüdische Museum der Schweiz in Basel eine Sonderausstellung gewidmet. Noch bis am 30. April 2012 können dort die liebevoll zusammengestellten Exponate, ergänzt durch unzählige Leihgaben, betrachtet werden.

Die Bat Mizwa der Mädchen und die Bar Mizwa der Jungs: das ist der erste persönliche Höhepunkt im Leben von jüdischen Jugendlichen. An diesem Tag wird mit einem grossen Fest ihre Religionsmündigkeit gefeiert – bei den Mädchen mit zwölf und bei den Knaben mit dreizehn Jahren. Bat Mizwa, „Tochter des Gebotes“, und „Sohn des Gebotes“, Bar Mizwa, ist der Name des Festes: Von diesem Zeitpunkt an sind die Jugendlichen selbst verantwortlich für die Einhaltung der religiösen Pflichten, die für jüdische Männer und Frauen gelten. Nun werden sie als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft betrachtet werden.

Gestern und Heute

Die sehr übersichtlich gestaltete Ausstellung zeigt historisch rückblickend und aus heutiger Sicht, wie dieser wichtige Entwicklungsschritt im Leben eines jüdischen Kindes vorbereitet und vollzogen wird. Dass einige Jugendliche an der Ausstellung mitgearbeitet haben, ist ein besonderer Glücksfall: Ihre persönlichen Erfahrungen prägen die Ausstellung wesentlich.

Sehr aufschlussreich und für das Verständnis hilfreich sind die integrierten audiovisuellen Interviews. Gezeigt werden auch Hebräische Grammatik- und Lehrbücher aus mehreren Jahrhunderten, mit denen den Kindern die Sprache und die Gebete und Texte der Tora beigebracht werden. Eindrücklich sind die Beispiele von Schreibübungen im Religionsunterricht: ein deutscher Text musste dabei in hebräischer Schreibschrift wiedergegeben werden. Kurios die Schallplatte mit einer Studioaufnahme der Tora-Lesung und des Prophetenvortrags eines Bar-Mizwa-Jugendlichen aus dem Jahr 1959.Das Kochbuch für israelitische  Frauen mit Anweisungen zur koscheren Haushaltsführung von 1879 macht anschaulich, dass sich das Selbstverständnis jüdischer Frauen in den letzten 130 Jahren beinahe radikal verändert hat. Das  „Heimchen am Herd“ ist der selbstbewussten jüdischen Frau gewichen. Überhaupt haben die jungen Menschen heutzutage klare Vorstellungen über ihr erwachsenes Leben und ihr Jüdischsein – der Rahmen reicht dabei von orthodoxer bis zu liberaler Lebensführung.

Vorurteile überwinden

Das zeigt sich auch in Gesprächen mit jungen Besuchern des Museums. „Das Interesse und der Wissensdrang dieser Altersgruppe ist enorm gross“, berichtet Gaby Knoch-Mund vom Jüdischen Museum. Über einhundert Schulklassen wollen sich jährlich mit den Gepflogenheiten jüdischen Lebens und speziell mit dem aktuellen Thema der Bar und Bat Mizwa vertraut machen. Engagierte Lehrerinnen und Lehrer sorgen damit in Schulklassen für Verständigung, in denen Kinder unterschiedlichster Religionen und Kulturen zusammen sind. Besonders muslimische Kinder reagieren positiv, weil ihnen bei dieser Ausstellung deutlich wird, dass sie nicht die einzige religiöse Minderheit in der Schweiz sind.

Politik dagegen spiele dabei nur eine  nebensächliche oder gar keine Rolle, stellt Frau Knoch-Mund fest. So erfüllt die aktuelle Sonderausstellung ein wichtiges pädagogisches Anliegen – für Erwachsene genauso wie für junge Besucher. Das Wissen über andere, ihre Kultur und Religion, helfen, Vorurteile abzubauen und gegenseitiges Misstrauen zu überwinden.

Schlomoh Gysin

 

Das Buch zur Ausstellung:

Am Übergang – Bar und Bat Mizwa

Mit Beiträgen von  Alfred Bodenheimer, Michael Goldberger, Charles Lewinsky, Gaby Knoch-Mund und Jugendlichen aus Basel und Bern

ISBN 978-3-033-03025-1

CHF 14.- im Museum, CHF 18.- im Buchhandel

 

Infos:

Öffentliche Führungen durch die Sonderausstellung
1. November 2011, 18 Uhr
13. Dezember 2011, 18 Uhr
15. Januar 2012, 11 Uhr
7. Februar 2012, 18 Uhr
18. März 2012, 11h
3. April 2012, 18 Uhr

Einführungen für Unterrichtende aller Schulstufen
24. Oktober 2011, 17–19 Uhr
2. November 2011, 15–17 Uhr
Die Veranstaltung kann für die Einführung in das
Judentum, den interkulturellen, konfessionellen und den
Geschichtsunterricht genutzt werden.
Weitere Führungen für Lehrkräfte sind in 2012 geplant.
Informationen ab November auf der Webseite

Meet a Bar Mizwa Boy, Meet a Bat Mizwa Girl
16. November 2011, 15 Uhr
Gespräche mit Jugendlichen

Filmmatinée
11. Dezember 2011, 11 Uhr

Museumsnacht unter dem Motto «Jung und Jüdisch»
13. Januar 2012, ab 18 Uhr

Podiumsgespräch
21. März 2012, 19 Uhr
Wie wachsen jüdische Jugendliche auf? Bar Mizwa
und Bat Mizwa am Übergang zwischen Integration und
Abgrenzung

Artikel zum Thema

8 KOMMENTARE

  1. Mystik – Die Sehnsucht nach dem Absoluten
    23. September 2011 – 15. Januar 2012
    Museum Rietberg

    Judentum
    ''Die jüdische Kultur kennt den Begriff «Mystik» nicht. Insofern es aber auch im Judentum Strömungen gibt, die auf eine intime Nähe und Beziehung zu Gott jenseits von Rationalität und Logik abzielen und dies mittels bestimmter Praktiken zu erreichen suchen, spricht man in diesem Zusammenhang auch von jüdischer Mystik…..''
    http://rietberg.ch/de-ch/ausstellungen/mystik/jud

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