In der Schweiz Geborgenheit gefunden

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Anna Wolf

Arlesheim, am 23. März 2011: der stimmungsvoll beleuchtete Raum im Odilienhaus füllt sich langsam mit Menschen, die gekommen waren, von der verstorbenen Anna Wolf, szl., Abschied zu nehmen. Die feierliche Atmosphäre wurde getragen von musikalischen Beiträgen und Erinnerungen der Menschen, die mit Anna Wolf in engem Kontakt gestanden haben. Die Lebensgeschichte von Anna Wolf rührt an und stimmt nachdenklich.

Rund 60 Jahre lebte die 1946 in Polen geborene Anna Wolf im „Sonnenhof“ und  im „Odilienhaus“ in Arlesheim. Ihr älterer Halbbruder aus der ersten Ehe ihres Vaters pflegte bis zu seinem Tod 1993 Kontak zu ihr und ein Neffe Annas lebt heute noch in den USA.

Das Internierungslager überleben

Aus Krakau wurden Annas Eltern von den Russen in ein Internierungslager nach Sibirien verschleppt – vielleicht war dies sogar eine glückliche Fügung, denn so waren sie dem Einflussbereich der Nazis entkommen, welche damals grosse Teile Europas unter ihre Knechtschaft gezwungen hatten. Doch auch das Überleben während Jahren im unwirtlichen Sibirien war für Kranke ebenso wie für eine werdende Mutter sehr hart. Und auch die Politik der Kommunisten war judenfeindlich, sie verboten jüdischen Menschen unter anderem die Ausübung ihrer Religion. Nach langjähriger Lagerhaft gelang Annas Mutter drei Monate vor der Geburt ihrer Tochter Anna schliesslich die abenteuerliche Flucht.

Die Not hinausschreien

Während Wochen war sie dabei mit einem Pferd unterwegs; sie konnte nur nachts reiten, tagsüber musste sie sich vor den Häschern der russischen Polizei verstecken. Die Strapazen und Entbehrungen des mühsamen und bedrohlichen Unterwegsseins zurück nach Polen müssen fast übermenschlich gewesen sein; bis zu ihrer Niederkunft lebte die Mutter schliesslich in einem Sanatorium. Bei der Geburt stellte sich heraus, dass das Kind, Anna, ihr Leben lang behindert sein würde. Vielleicht waren die Schrecken der Internierung und der Flucht zu gross gewesen, um von dem kleinen ungeborenen Mädchen gesund überstanden zu werden. Anna litt an Keuchhusten, und erst mit fast zwei, im Alter von 22 Monaten, konnte sie frei gehen. Teilweise schrie sie tage- und nächtelang, und es wurde alles versucht, dem verzweifelten Kleinkind Liebe und Geborgenheit zu geben; doch auch die Kräfte derer, die sich um sie kümmerten, stiessen irgendwann an eine Grenze.

Es lebten in Polen beinahe keine Juden mehr; dennoch nahm der dort noch immer grassierende Antisemitismus zunehmend bedrohliche Züge an. Das bewog Annas Mutter, mit ihrer Tochter nach Paris zu übersiedeln. Leider gelang es ihr nicht, in der französischen Metropole richtig sesshaft und heimisch zu werden, und so beschloss sie, in den USA einen Neuanfang zu wagen, auch wenn sie ihre Tochter nicht würde mitnehmen können – ein behindertes Mädchen konnte kein Einreisevisum in die USA bekommen. Für Anna musste daher ein geeigneter und behüteter Platz gefunden werden, wo ihre Mutter sie versorgt wusste.

Schmuggel im Wintermantel

Abenteuerlich und behütet zugleich war der Weg, auf dem Anna Wolf in die Schweiz gelangte: Mit Wissen ihrer Eltern schmuggelte eine Heilpädagogin die kleine Anna unter ihrem Wintermantel verborgen über die Grenze. Als hätte sie geahnt, was davon abhing, war Anna für einmal still und unterliess ihr Schreien. So gelang es endlich, einen ständigen und idealen Wohnort für sie zu finden: die kleine Patientin konnte im Januar 1951 im Sonnenhof in Arlesheim einziehen. Die Mutter musste zur Absicherung allfälliger Kosten bei der Fremdenpolizei allerdings noch einen Betrag von 5000 Franken hinterlegen.

Die frühkindliche Entwicklung des Mädchens war von grossen gesundheitlichen Problemen belastet. Neben Keuchhusten und Diphterie hatte Anna mit neun Jahren auch ihren ersten epileptischen Anfall. Und dann gab es administrative Hürden zu überwinden. Eine Voraussetzung für ihren weiteren und dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz war der sogenannte Nansen-Pass, ein Pass für „Staatenlose“. Um ihn zu erhalten, musste Anna noch einmal zum letzten Wohnort der Mutter nach Paris reisen.

Angekommen

Im Sonnenhof und später im Odilienhaus durfte Anna nun die Liebe und Zuwendung erfahren, die sie aufgrund der katastrophalen Lebensumstände in ihren ersten Lebensjahren schmerzlich vermisst hatte – nicht, weil ihre Eltern dem Kleinkind keine Liebe und Aufmerksamkeit angedeihen lassen wollten, sondern weil sie in einer lebensfeindlichen Umgebung um das Überleben kämpfen mussten.

Beinahe jedes Jahr einmal besuchte ihre Mutter Anna, bis zu ihrem Tod im Jahr 1988. Von Mitarbeitern des Heimes wurde sie als oftmals trauriger Mensch beschrieben – eine Folge der unfreiwilligen Trennung? Die beiden zogen sich dann jeweils in Annas Zimmer zurück. Doch auch das Jahr über hielt ihre Mutter Kontakt zur damaligen Heimleitung und zeigte sich in ihren Briefen immer sehr an Annas Entwicklung interessiert. Auch finanziell sorgte sie für ihre Tochter und überwies immer wieder Geld für Annas Betreuung. Und es mag merkwürdig erscheinen: obwohl Anna als Kind nicht in die USA emigrieren durfte, erhielt sie eben von dort eine Invalidenrente.

 

Anna Wolf mit ihrem Neffen

Nach ihren sehr bewegten frühkindlichen Jahren und der behüteten Zeit im Sonnenhof wechselte Anna 2002 zum letzten Mal ihren Wohnort und zog ins Odilienhaus, nachdem sie zunächst wochenweise eine jüdische Institution besucht hatte, wo es ihr aber anscheinend gar nicht gefallen hatte. Deutlich gab sie zu verstehen, dass sie wieder in ihre angestammte Umgebung zurückkehren wollte. Anna liebte Musik und sass oft hörend und still vor sich hin lächelnd in ihrem Rollstuhl und spielte mit einem Tuch. Im Odilienhaus konnte sie ihren Lebensabend richtig geniessen. Sie war in ihrem Wesen ruhiger geworden und ihre Betreuer hatten den Eindruck, dass sie nun endgültig angekommen war. Die Ferien mit ihren Mitbewohnern in Italien und Frankreich waren für sie immer schön gewesen. Still beobachtend in ihrem Lehnstuhl genoss sie jetzt ihr Leben im Odilienhaus.

In den letzten Lebensjahren schwanden ihre Lebenskräfte, und man gewann den Eindruck, dass sie „lebensmüde“ geworden war. In den letzten Tagen ihres bewegten Lebens sass sie in ihrem Zimmer, den Blick nach draussen gerichtet. Ihr Gegenüber blickt sie mit ihren grossen ernsten Augen an. Sie wusste vermutlich schon, dass es ihr langsamer Abschied von dieser Welt war, der ihr bevorstand.

Schlomoh Gysin