© Jacob Shayish

Vernunft und Zivilisation sind Grundvoraussetzungen der jüdischen Religion, doch werden sie paradoxerweise zuweilen vernachlässigt, besonders weil Religion von Natur aus etwas unterwürfig ist. Abhilfe zu dieser Situation obliegt der Verantwortung des Jewish Leadership, von dem die Integration dieser Grundvoraussetzungen in den Kern der Religion durch Verdeutlichung und Erläuterung abverlangt wird.

Einige begründen ihren festen Glauben damit, dass Vernunft bloss ein Werkzeug sei, Religionsgrundsätze zu akzeptieren und zu verstehen, dass Religion aber irgendwie über allen Wahrheitsgraden steht. Sie erkennen jedoch nicht, dass solch ein Argument, wörtlich genommen, nur aus sinnlosen Worten besteht.

Keine Religion, Glaube oder Dogma kann auch nur irgendeine Bedeutung haben, wenn es als „über der Wahrheit stehend“ verlangt, anerkannt zu werden. Eine Aussage, die nicht ihre uneingeschränkte Unterstellung der Wahrheit verkündet, ist lediglich ein bedeutungsloses Konglomerat von Überschriften oder Tönen, die für ihre eigene Bedeutungslosigkeit sprechen. Dennoch liesse sich das Argument anführen, dass Religion und Realität nicht kompatibel sein müssten, dass es ausreichend sei, wenn Religion einen Hauch von Rationalität und Hoffnung auf Seligkeit kurz vor dem Grab und danach verleiht. Im Judentum ist das aber nicht der Fall.  Vernunft ist nicht nur eine Grundvoraussetzung der jüdischen Religion, es ist auch das ultimative Ziel der Torah und seiner heiligsten Bedeutung, nämlich der Name Gottes. Die Hoheit der Vernunft zu leugnen, ist eine schwerwiegende Entweihung der jüdischen Religion.

Chaham Bernays von Hamburg (wie im Genesis-Kommentar von S.R. Hirsch zitiert) beschreibt bezugnehmend auf die Bibel, die Propheten und die mündliche Tradition die Notwendigkeit, Gott beim Namen zu nennen als ein notwendiges Übel. Im Idealfall sollte ein Mensch sich auf einem Grad der Wirklichkeit befinden, der einen Namen für Gottes Omnipräsenz nicht erforderlich macht. Der heiligste, unaussprechliche hebräische Name Gottes, der sich von der Wurzel Havya ableitet, bedeutet Sein, alles so wie es ist. Die Notwendigkeit zur Namensgebung und die daraus resultierende Vergottung des Seins ist lediglich das Ergebnis der menschlichen Sündhaftigkeit, die den vollständigen, ernsthaften Blick auf das Sein, also die Wirklichkeit, geschwächt haben. Das ist auch der Grund, warum ein Tempel als Wohnstätte für den Namen Gottes gebaut werden musste. Einerseits konzentriert sich der Tempel auf die Hochheit des Seins, aber andererseits übersetzt die Verkörperung Gott als primärexistierend, das im Grunde genommen nur ein Vorhandenes ist, aber nicht die allumfassende Existenz, die jeden Gedanken und Sache im menschlichen Verstand einschliesst.

Viele bekannte Torah-Gelehrte des 11. Jahrhunderts, die sowohl Rabbiner als auch Philosophen waren, wie Bahya Ibn Paquda, Verfasser der Pflichten der Herzen (Chovot ha-Levavot), Maimonides (Rambam) und Nahmanides (Ramban),  legen ausführlich die Absicht der Torah dar, den Menschen an den Punkt zu führen, an dem er vernünftig von allein weiss und fühlt, was richtig ist. In diesem perfekten Zustand, in dem man von allein weiss, was richtig und was falsch ist, weil man vollkommen die Anfordernisse des Seins lebt, wird die Anrufung des Gottesnamen unnötig, sagt der Prophet Jeremias (31, 30-34).

Im Judentum findet sich ein andauernder Prozess der Diskussion und des in-Frage-Stellen von Themen mit einer unnachgiebigen ikonoklastischen Tendenz, sogar die eigenen Götterbilder zu zertrümmern. Es besteht eine Gleichzeitigkeit zwischen dieser Tendenz und dem höchsten Wert, der im authentischen, ursprünglichen Kern des Judentums verankert ist, die Hochheit der absoluten Wahrheit gänzlich anzuerkennen.

Maimonides beschreibt, dass der Götzendienst mit dem Respekt gegenüber den sogenannten Gottesdienern wie Sonne und die Himmelskörper begann. Mit der Zeit vergassen die Menschen, dass dieser Respekt indirekt Gott galt und begannen, die Himmelskörper anzubeten als seien sie selber Götter. Chaham Bernays erklärt, dass alles mit dem gleichen Irrtum auf der vorherigen Stufe begann. Der Name Gottes, der eigentlich als Fokuspunkt für das Sein-so-wie-es-ist dienen sollte, bekam eigene Flügel und hat die Idee des Seins überpersonifiziert. Diese paradoxe Ironie geschieht auch heute noch: während der Mensch anhand des Gotteskonzept der objektiven Wirklichkeit ins Auge sehen sollte, wird es stattdessen dazu benutzt, dieses zu umgehen. Diese Tücke ist ein Hauptfaktor im Niedergang der Religion an sich und die Überlebenschancen von Religion  sind gering, sollte dies nicht eliminiert werden.

Gott, so wie er von Moses erkannt wird (Exodus 3, 14,) ist der Name und die Personifikation des Seins-das-ist und die Torah ist das Lehrmittel, mit dem der Mensch sein höchstes Potenzial des vollen Seins zu leben durch die Reinheit der Weisheit und des Charakters erreichen kann. Das sind die ersten, notwendigen Voraussetzungen, um in das Torah-Studium die Revitalisation zu injizieren, welche den ursprünglichen Glanz des Judentums wiederherstellen soll. Das Jewish Leadership ist verantwortlich für eine weise Vermittlung dieser Voraussetzungen.

Rabbiner Aron Müller ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Baden. Schwerpunkt seiner Lehren ist die Synthese und Einheit zwischen Religion und Vernunft.

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1 KOMMENTAR

  1. Dieser Artikel erläutert und bestärkt verschiedene Zitate die sich wie ein paradoxes Spiel mit Worten hören. Z.B.:
    "Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht." (D. Bonhoeffer)
    "Nun ist aber Gott nicht eines von den vielen Wesen, die in der Welt (oder hinter der Welt oder über der Welt) existieren." oder "Gott ist so groß, dass ihn auch der tiefste Denker nicht erfassen kann, und er ist so einfach, dass ihn auch ein Kind begreift." (Karl Neumann)
    "Atheistisch an Gott glauben." (Beiträge, Dorothee Sölle)
    Hier wird es erklärt als Vergottung des Seins, teilweise Personifizierung aber ohne Verkörperung. Danke!

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