
Am Montag, dem 30. März 2026, empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa zu dessen Antrittsbesuch in Deutschland. Auf dem Programm stehen Gespräche im Kanzleramt, ein Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sowie ein Runder Tisch mit Unternehmern. Zentrale Themen sind die Rückführung syrischer Flüchtlinge und der Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes. Der Besuch war bereits für Januar geplant gewesen, wurde damals jedoch wegen eines neuen Gewaltausbruchs in Syrien verschoben.
Der Empfang eines Mannes, der einst die islamistische Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) anführte und lange Zeit von den Vereinten Nationen als Terrororganisation eingestuft wurde, stösst bei christlichen Minderheiten auf scharfe Ablehnung. Der Assyrische Kulturverein e. V. Saarlouis und die Assyrische Autonomiebewegung e. V. Deutschland haben in einer gemeinsamen Pressemitteilung ihren Protest öffentlich gemacht.
„Dieser Besuch ist nicht nur ein politischer Fehler, er ist ein Signal moralischer Verachtung gegenüber unserem Volk“, erklären Charli Kanoun, Vorsitzender des Assyrischen Kulturvereins, und Majed Bahi, Vorsitzender der Assyrischen Autonomiebewegung. Während die Assyrer seit Jahren unter Verfolgung, Entwurzelung und existenzieller Bedrohung leiden, werde einem Mann, der für diesen Schmerz mitverantwortlich sei, eine Bühne geboten.
Die Verbände machen konkrete Vorwürfe geltend: Al-Scharaa war als führende Figur der Al-Nusra-Front, einem Ableger al-Qaidas, direkt in Angriffe auf Christen in Syrien involviert. Entführungen, Folter, gezielte Übergriffe auf Dörfer und Kirchen, Brandschatzungen, systematische Gewalt gegen Frauen und Kinder sowie die Zerstörung jahrtausendealter Kulturstätten werden in der Erklärung aufgeführt. „Viele Familien wurden auseinandergerissen, Dörfer entvölkert, Kirchen in Brand gesteckt – unser Glaube, unsere Traditionen, unsere ganze Existenz wurde bedroht“, heisst es in der Pressemitteilung.
Die Verbände verweisen zudem auf laufende juristische Verfahren gegen al-Scharaa in mehreren europäischen Ländern, darunter auch im Saarland. Dabei gehe es um direkte Verbrechen an der assyrischen Gemeinschaft, unter anderem Entführungen, Gewaltakte gegen Zivilisten und gezielte Christenverfolgung. „Für uns ist dies eine Frage von Gerechtigkeit und menschlicher Würde. Die Opfer dürfen nicht vergessen, ihr Leid darf nicht relativiert werden“, betonen Kanoun und Bahi.
Auch die aktuelle Lage in Syrien beunruhigt die Verbände. Christen seien weiterhin massiver Diskriminierung ausgesetzt: Alkoholverbote, staatliche Kontrolle über das äussere Erscheinungsbild von Frauen, rigorose Geschlechtertrennung im Alltag und Einschränkungen im wirtschaftlichen Leben bedrohten die christliche Identität im Land. „Jedes dieser Gesetze, jede dieser Vorschriften ist ein Angriff auf unsere Religion, unsere Traditionen und unsere Würde“, so die Verbandsvorsitzenden.
Mit dieser Kritik stehen die assyrischen Organisationen nicht allein. Auch die Kurdische Gemeinde Deutschland kritisiert die Einladung scharf: „Ein ehemaliger Dschihadistenführer, dessen Organisation Hayat Tahrir al-Sham (HTS) lange Zeit von den Vereinten Nationen als Terrororganisation eingestuft wurde, darf keine protokollarische Aufwertung erfahren.“ Die Bundesregierung hingegen verteidigt den Empfang. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte, es sei wichtig, mit dem syrischen Regime im Austausch zu bleiben. Dem Vorwurf, al-Scharaa sei ein Kriegsverbrecher, schloss er sich ausdrücklich nicht an.
Der Assyrische Kulturverein und die Assyrische Autonomiebewegung fordern eine klare Haltung der deutschen Politik sowie verstärkte Unterstützung für verfolgte Christen und andere bedrohte Minderheiten in Syrien. Politische Gespräche, so ihre unmissverständliche Botschaft, dürften niemals auf Kosten von Wahrheit, Erinnerung und Gerechtigkeit geführt werden.
Zur Person: Ahmed al-Scharaa
Ahmed al-Scharaa, auch bekannt unter seinem Kampfnamen Abu Mohammed al-Julani, schloss sich 2003 im Irak al-Qaida an, gründete 2012 die al-Nusra-Front als offiziellen al-Qaida-Ableger in Syrien und baute diese später zur Islamistenmiliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) um. Die USA lobten zehn Millionen Dollar für Hinweise aus, die zu seiner Verhaftung führen sollten. Der UN-Sicherheitsrat hob die Sanktionen gegen ihn erst im November 2025 auf. Seither gibt er den gemässigten Staatsmann — doch Massaker an Minderheiten, an denen mutmasslich auch Regierungstruppen beteiligt waren, mit mehreren tausend Todesopfern allein in den Jahren 2025 und 2026, sprechen eine andere Sprache.


























