Start Audiatur Exklusiv SRF, die Christen und das vertraute Nahost-Narrativ

SRF, die Christen und das vertraute Nahost-Narrativ

3
Symbolbild. Foto Keystone/Manuel Geisser
Symbolbild. Foto Keystone/Manuel Geisser
Lesezeit: 7 Minuten

Ein SRF-Radio-Beitrag von Susanne Brunner mit dem Titel «Minderheit unter Druck – Wer sind die einheimischen Christen im Heiligen Land?» wirkt auf den ersten Blick einfühlsam. Man hört persönliche Geschichten, Sorgen und Ängste. Doch je länger man zuhört, desto klarer wird: Hier wird nicht erklärt – hier wird ein fertiges Bild erzählt. Dieses Bild lautet: Christen leiden, und verantwortlich ist, wer?…natürlich Israel. Das Problem ist nicht, dass Kritik an Israel vorkommt. Das Problem ist, dass fast alles andere fehlt.

Der Einstieg folgt dem bekannten Muster. Palästinensische Christen werden als unter «Besatzung» leidende Minderheit dargestellt. Das klingt, als würde Israel den gesamten Alltag der Palästinenser kontrollieren. Genauso verstehen es wahrscheinlich die meisten Zuhörer. Tatsächlich sieht die Realität anders aus. Das sogenannte Westjordanland (Judäa und Samaria) ist seit den Oslo-Abkommen in drei Zonen aufgeteilt: Gebiet A wird vollständig von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) verwaltet, Gebiet B zivil ebenfalls von der PA, Sicherheit gemeinsam, Gebiet C von Israel. Der überwiegende Teil der Palästinenser lebt in A und B unter palästinensischer Verwaltung. Das ist Vertragsinhalt der Oslo-Abkommen. Wer also pauschal vom «unter Besatzung lebenden palästinensischen Alltag» spricht, unterschlägt die tatsächliche Realität, die von den Palästinensern selbst vertraglich akzeptiert wurde. Ohne diese Information schreibt man automatisch jede Entwicklung Israel zu – selbst dort, wo Israel gar nicht regiert. Genau das passiert in der Sendung.

Die alte Geschichte von Daoud Nassar

Ein eindrückliches Beispiel ist die Geschichte von Daoud Nassar, die im SRF-Rendez-vous am 12.02.2026 von der Islamwissenschaftlerin und SRF-Auslandredaktorin Anna Trechsel emotional ausgebreitet wird. Sein Grundstücksstreit wird darin als Ausdruck israelischer Verdrängung dargestellt. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um einen jahrzehntelangen Eigentums- und Registrierungsstreit vor Gerichten – also das genaue Gegenteil von willkürlicher Enteignung. Wie der leider viel zu früh verstorbene Audiatur-Online-Israel-Korrespondent Ulrich W. Sahm bereits 2014 beschrieben hat, geht es bei Daoud Nassar um ein rein juristisches Verfahren. Das ist entscheidend. Ein Rechtsstreit kann lang, kompliziert oder belastend sein, aber er ist kein Beleg für ethnische Vertreibung.

Noch deutlicher wird die selektive Darstellung beim Dorf Taybeh. Taybeh ist umgeben von mehreren israelischen Dörfern. Für Susanne Brunner ist klar: «Laut Völkerrecht sind diese illegal». Dass Israel diese Auslegung bestreitet, wird zwar noch erwähnt, aber das war es dann auch schon. Um ausgewogen zu berichten, müsste SRF erklären, warum nicht alles so klar ist, wie es das «Völkerrecht» angeblich vorgibt. Nämlich:

  • Das Westjordanland war 1967 kein souveränes Staatsgebiet, sondern es wurde 1950 von Jordanien annektiert. Somit ist es auch kein klassisch «besetztes Staatsgebiet».
  • Artikel 49 (6) verbietet Zwangsdeportationen wie im Zweiten Weltkrieg, nicht den freiwilligen Zuzug von Menschen.
  • Oslo hat den Status ausdrücklich als ungeklärt gelassen und einer Verhandlungslösung vorbehalten.
  • Es existiert daher ein sogenanntes «disputed territory» und kein normaler Besatzungsfall.

Dies wird zudem von verschiedenen international renommierten Juristen vertreten, beispielsweise Eugene Rostow, Stephen Schwebel und Julius Stone. Diese Position ist zwar eine Minderheitsmeinung im internationalen Recht, aber eine seriöse juristische Minderheitsmeinung — nicht bloss politische Propaganda.

Im Dorf Taybeh wird ausserdem ein angeblicher Angriff jüdischer Siedler auf eine Kirche als Symbol für die wachsende Gewalt präsentiert. Spätere Untersuchungen warfen jedoch erhebliche Zweifel an der Version auf, wonach Israelis das Feuer gelegt hätten. «Die Berichte sind faktisch falsch und entbehren jeder Beweislage», so die Israelische Polizei am 22. Juli 2025. Der Brand brach demnach in einer angrenzenden offenen Fläche aus – nicht auf dem Gelände der Kirche oder der Reste einer Kirche. Es entstanden keine Gebäudeschäden und die Infrastruktur blieb unversehrt. Videoaufnahmen zeigten zudem Personen aus der nahegelegenen jüdischen Farm beim Löschen des Brandes. Genau über diese Unsicherheiten auch zu berichten wäre für SRF zentral gewesen, doch sie fehlt vollständig. Beim Publikum bleibt stattdessen der Eindruck einer eindeutigen Schuldzuweisung zurück. Siedler aka Juden haben eine Kirche abgefackelt. Punkt.

Der Fall Shireen Abu Akleh

Auch beim Tod der Journalistin Shireen Abu Akleh folgt der Beitrag demselben erzählerischen Muster. Sie wird von Susanne Brunner als bekannte christliche Stimme der Palästinenser vorgestellt, die «im besetzten Westjordanland erschossen wurde», während ihre Familie weiterhin auf Aufklärung warte. Für die Zuhörer entsteht so der Eindruck eines ungeklärten oder möglicherweise vertuschten Tötungsdelikts.

Die späteren Untersuchungsergebnisse werden jedoch nicht erklärt. Mehrere unabhängige Analysen kamen zu einem differenzierteren Befund: Abu Akleh wurde höchstwahrscheinlich durch israelisches Feuer getroffen, allerdings während eines Feuergefechts und ohne Hinweise auf eine absichtliche Tötung. Die US-Regierung stellte ausdrücklich fest, sie habe keinen Grund zu der Annahme, dass der Schuss vorsätzlich abgegeben wurde.

Auch eine israelische Untersuchung kam zum Ergebnis, dass eine gezielte Tötung sehr unwahrscheinlich sei und der tödliche Schuss wahrscheinlich unbeabsichtigt fiel.

Der entscheidende Unterschied wird im Beitrag nicht vermittelt: Zwischen einer absichtlichen Erschiessung und einem tödlichen Treffer in einem Gefecht besteht rechtlich und moralisch ein fundamentaler Unterschied. Statt diese Differenz zu erklären, bleibt die dramatische Ausgangserzählung stehen. Der Hörer behält damit vor allem die Vorstellung eines ungeklärten Verbrechens durch Israel– obwohl die zentralen Untersuchungen einen tragischen, aber nicht vorsätzlichen Tod beschreiben.

Gewalt wird selektiv dargestellt

Ja, Gewalt von sogenannten «Siedlern» existiert. Täter werden von Israel verfolgt und verurteilt. Doch Gewalt in diesem Konflikt kommt nicht nur von einer Seite. Laut Daten des israelischen Inlandsgeheimdienstes wurden 2024 insgesamt rund 6’800 unterschiedliche Terrorakte gegen Juden aus dem Westjordanland registriert, darunter hunderte schwere Anschläge und über tausend vereitelte Attentate. Diese Fakten tauchen in der Sendung praktisch nicht auf. Der Zuhörer hört von Gewalt – aber nur aus einer Richtung. Die UNO registrierte 2024 rund 1400 Vorfälle sogenannter «Siedlergewalt» im Westjordanland. In dieser Statistik sind jedoch sämtliche Konflikt- und Sachbeschädigungsfälle erfasst, vor allem Zusammenstösse von Palästinensern mit der Armee/Polizei, getötete Terroristen und gar die normalen jüdischen Besucher des Tempelbergs, sodass sie nicht mit der Zahl arabischer terroristischer Anschläge und Attentate vergleichbar ist.

Der SRF-Beitrag von Susanne Brunner legt zudem nahe, Christen wanderten hauptsächlich wegen Israel aus. Doch selbst palästinensische Studien zeigen ein anderes Bild: Viele Christen nennen wirtschaftliche Perspektiven, Korruption, fehlende Sicherheit und gesellschaftlichen Druck als Hauptgründe für Auswanderung. Auch ein Blick in die Region zeigt: Christliche Gemeinschaften schrumpfen im gesamten Nahen Osten massiv, während die christliche Bevölkerung in Israel wächst und volle Bürgerrechte besitzt. Gerade der naheliegende Vergleich, wie Christen unter israelischer beziehungsweise palästinensischer Verwaltung leben, wird im SRF-Beitrag konsequent vermieden.

Laut israelischen Statistiken betrug die Anzahl christlicher Staatsbürger im Dezember 2025 rund 184’200. Dies entspricht 1,9 % der Bevölkerung und bedeutet einen Anstieg von 0,7 % gegenüber dem Vorjahr.

Wenn aus Aktivismus Information wird

In dem SRF-Beitrag kommt auch der lutherische Pfarrer Munther Isaac ausführlich zu Wort. Dieser erklärt, namhafte Experten würden Israels Vorgehen im Gazastreifen «zu Recht als Genozid» bezeichnen. Dabei bleibt jedoch unerwähnt, dass Isaac nicht nur Seelsorger, sondern auch ein international tätiger palästinensisch-christlicher Aktivist ist. Im Februar 2024 behauptete Munther Isaac während einer Predigt in Grossbritannien: «Dies ist kein Konflikt; Israel übt nicht sein Recht auf Selbstverteidigung aus. Vielmehr ist Israel der Kolonisator; Israel ist eine Siedlerkolonialmacht. Wir leben unter Apartheid. Was in Gaza geschieht, ist Völkermord und ethnische Säuberung. Die fortwährende Wiederholung der Erzählung des Imperiums dient nur dazu, die Aggressoren zu stärken.»  Pfarrer Munther Isaac sitzt im Vorstand von Kairos Palestine, einer 2009 gegründeten BDS nahen Bewegung, deren Gründungsdokument wegen antijüdischer Theologie und «Ersatztheologie» (Supersessionismus – die Idee, die Kirche habe Israel in Gottes Plan abgelöst) breit kritisiert wurde. Vor allem aber fehlt auch die entscheidende Einordnung: Der Internationale Gerichtshof hat Israel keineswegs eines Genozids schuldig gesprochen. Er stellte lediglich fest, dass die Vorwürfe geprüft werden müssen. Im Beitrag wird aus einer laufenden rechtlichen Prüfung eine feststehende Tatsache. Dadurch verschwimmt für die Zuhörer der Unterschied zwischen Anschuldigung und Urteil – und eine aktivistische Position wird zu einer scheinbar gesicherten Information.

Der überzeichnete Einfluss der christlichen Zionisten

In einem weiteren Teil des SRF-Beitrags widmet sich Susanne Brunner evangelikalen Christen und dem sogenannten christlichen Zionismus. Dabei werden ihre Endzeitvorstellungen ausführlich dargestellt und ihre politische Wirkung als bedeutend beschrieben. Dadurch entsteht der Eindruck, diese Gruppen prägten massgeblich die israelische Politik gegenüber Palästinensern. Tatsächlich handelt es sich jedoch um religiöse Bewegungen, die in Teilen der US-Innenpolitik etwas Einfluss haben, nicht aber auf konkrete israelische Sicherheits- oder Verwaltungsentscheidungen im Westjordanland. Die israelische Politik wird von der israelischen Regierung, dem Militär und den Gerichten bestimmt – nicht von Predigern in den USA.

Im Beitrag werden aussredem arabische Christen in Israel anhand eines einzelnen Beispiels als Menschen dargestellt, die ihre Identität kaum frei äussern dürften und politische Nachteile fürchten müssten. Wie sie tatsächlich leben, bleibt dabei komplett unerwähnt. Arabische Christen besitzen in Israel Staatsbürgerrechte, wählen Parteien, stellen Richter, Abgeordnete und Diplomaten.

Der SRF-Beitrag von Susanne Brunner erfindet also keine Fakten, sondern lässt einfach einige wichtige Informationen aus. Einzelne Geschichten und starke Gefühle stehen im Vordergrund, doch der gesamte Zusammenhang fehlt. So entsteht ein klar anti-israelisches, aber kein wirkliches Bild. Israel wirkt wie die Ursache aller Probleme, alles andere spielt kaum eine Rolle. Dadurch versteht das Publikum den Konflikt nicht besser, sondern erhält eine vorgefertigte Sichtweise. Gerade ein öffentlich-rechtlicher, durch Steuergelder finanzierter Sender wie der SRF müsste aber eben Zusammenhänge erklären und verschiedene Seiten zeigen und anhören. Andernfalls hat er seine Aufgabe nicht erfüllt.

3 Kommentare

  1. Warum soll jemand CHF 350, 200 oder 1 für einen Kanal zahlen, den man unmöglich anhören oder ansehen kann?

    Hören wir je pro-israelische Argumentation auf SRF?

    In einer Demokratie brauchen wir neutrale Nachrichten, alle Meinungen und dass die Leute für das zahlen, was sie brauchen. Audiatur-online wird als pro-israelischer Blog gesehen, aber es ist nicht nur pro-Israel, es verteidigt Demokratie und Meinungsfreiheit in der Schweiz.

    Gibt es Optionen, um sicherzustellen, dass SRF reformiert wird, die schweizerische Gesellschaft gegen Propaganda in den Medien vorgeht, insbesondere nach den BBC-Skandalen, schweizerische Universitäten gründliche Forschung zu Medien betreiben, Medienombudsmänner handeln, um das Recht der Schweizer auf zuverlässige Informationen zu schützen vs. selektive Narrative mit äsopische Sprache?

    Da Audiatur-online nicht-mainstream-Ansichten und eine „Minderheit“ repräsentiert, wie können, hoffentlich 200 CHF, Audiatur-online zugewiesen werden statt SRF?

  2. Zu Daoud Nassar: Israel informierte im Juni 2014, dass das Appellationsgericht im Dezember 2012 ein Urteil gefällt hatte. Dabei ging es um die Eigentumsansprüche der Familie Nassar, welche die Richter als unzureichend belegt zurückgewiesen haben. Auf besagtem Land wurden am 19. Mai 2014 etwa 300 Obstbäume – bedeutend weniger als die angeblichen 1‘500 Stück – durch die Militärbehörden entfernt. Dieser Schritt wurde nötig, weil es sich laut Gericht um Staatsland handelt. Die Bepflanzung war somit widerrechtlich. Israel wehrte sich gegen den Vorwurf, legitime Besitzansprüche der Familie Nassar verletzt zu haben. Zudem wurde betont, dass die Eigentumsrechte der Nassars an ihrem urkundlich ausgewiesenen Privatland nicht in Frage gestellt werden.“

    Ich habe seinen Hof vor Jahren mit einer Gruppe besucht und er erzählte uns seine „Story“. Auf kritische Fragen wusste er keine Antwort. Gerade christliche Organisationen kann er leider mit Erfolg zu Tränen rühren und damit Emotionen gegen Israel wecken..

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.