Neuroliefs Gerät ist in der Entwicklungsphase. Foto zVg
Neuroliefs Gerät ist in der Entwicklungsphase. Foto zVg
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Ein tragbares Gerät zur Linderung von Migräne könnte zukünftig eine rezeptfreie Alternative zu Medikamenten und Operationen sein.

 

von Brian Blum

14 Prozent der erwachsenen US-Amerikaner leiden an Migräne oder starken Kopfschmerzen. Unter Frauen im Alter von 18 bis 44 Jahren steigt der Anteil sogar auf 23 Prozent. Gegen Migräne gibt es bisher kein Heilmittel – und rezeptfreie Schmerzmittel helfen dagegen nicht immer.

Eine der vielversprechendsten Behandlungen besteht bisher in der Stimulation von Hinterkopfnerven; dabei wird ein winziger Impulsgeber an der Schädelbasis implantiert, der schmerzstillende elektrische Impulse an das Gehirn sendet.

Was wäre nun, wenn sich derselbe Effekt ohne einen solchen Eingriff erzielen liesse – und dann noch zu wesentlich günstigerem Preis als den Zehntausenden von US-Dollars, die ein Hinterkopfimplantat kostet? Genau diese Frage leitete Shmuel Shany und Amit Dar auf ihrem Weg zur Entwicklung von Neurolief.

Neurolief entwickelt derzeit ein non-invasives Gerät zur Neuromodulation bzw. Neurostimulation, das für weniger als 500 US-Dollar in jeder Apotheke verfügbar sein könnte. Das Gerät selbst sieht ein wenig aus wie Geordis Visier in der Sience-Fiction-Serie Star Trek: Das nächste Jahrhundert – nur dass es oben auf dem Kopf sitzt.

Der Neurolief-Neuromodulator stimuliert sechs verschiedene Nervenbahnen im Gehirn, die das Schmerzempfinden und Stimmungen regulieren. Jede der Elektroden im Gerät liefert ausreichend Strom, um den Schädel zu durchdringen.

„Das muss so erfolgen, dass der Patient keinerlei Schmerzen verspürt und die Kopfhaut keinen Schaden nimmt“, erklärt Amit Dar.

Das Gerät lässt sich immer wieder aufladen, an verschiedene Kopfgrössen anpassen und sowohl mit einer Handy-App als auch mit einer Cloud verbinden – sodass die Erfahrung eines Patienten mit der anderer verglichen und so eine genaue elektrische „Dosis“ für jeden ermittelt werden kann.

Mit „Dosis“ ist gemeint, so erklärt Dar, dass das Gerät die sechs Elektroden einzeln nach oben oder unten regeln kann und damit die Möglichkeit bietet, für jeden Patienten einen individuellen Behandlungsplan zu erstellen. Neuromodulation verhindert die Ausgabe schmerzauslösender chemischer Stoffe im Gehirn. Es moduliert/stimuliert aber zugleich die „Aktivierungsschwelle“ im Neuralsystem – sodass beim nächsten Auftreten eines Migräne-Auslösers (egal, ob Stress, Schlafentzug oder selbst Schokolade) die Nerven nicht so heftig reagieren werden wie bisher. Neuromodulation ist grösstenteils frei von Nebenwirkungen.

80 Prozent Schmerzlinderung

Bei einer im vergangenen Jahr durchgeführten Produktuntersuchung zeigte sich eine durchschnittliche Minderung von 80 Prozent der Schmerzsymptome. Das ist doppelt so viel wie Implantate und weitaus mehr als Paracetamol-Tabletten erzielen können.

„Wir konkurrieren vor allem mit den stärksten Schmerzmitteln“, erklärt Neurolief-CEO Shany. „Wir wenden uns nicht an Patienten, deren Symptome sich mit Mitteln wie Ibuprofen lindern lassen, sondern an all jene, die regelmässig Schmerzmittel benötigen.“ Das Gerät von Neurolief soll nur während einer Migräne-Attacke angewendet werden. Da es sich bis auf die Grösse eines Brillenetuis zusammenfalten lässt, passt es bequem in eine Handtasche oder einen Rucksack.

Auf dem Gebiet der Neuromodulation sind Dar und Shany keineswegs Neulinge. Die beiden gründeten zuvor NESS (Neuromuscular Electrical Stimulation Systems), eine inzwischen verkaufte Firma, die Neuromodulationsprodukte herstellt, mit deren Hilfe Schlaganfallpatienten gelähmte Arme und Beine wieder bewegen können.

Nachdem die neuen NESS-Besitzer den grössten Teil des Unternehmens nach Kalifornien verlagert hatten, konnten Dar und Shany ihr eigenes (mit NESS nicht konkurrierendes) Neuromodulationsgerät entwickeln.

NESS erzielte 2007 einen Verkaufspreis von 75 Millionen US-Dollar. Die in Netanya angesiedelte Firma Neurolief ist noch jung und hat seit Bestehen (2013) 5 Millionen US-Dollar erwirtschaftet. Ihre Finanzierung wurde von Terra Venture Partners angeführt.

Neurolief hat ein neues Preissystem entwickelt. Anstatt zu einer einmaligen Gebühr werden Patienten das Gerät mit einer bestimmten Anzahl von „vorab geladenen“ Behandlungen erwerben können (das Startvolumen beträgt zehn Behandlungen).

Noch zu früh um in der nächsten Apotheke danach zu fragen

„Das ist so, als ob Sie eine Klarsicht-Medikamentenpackung kaufen“, sagt Eran Schenker, stellvertretender Direktor der Abteilung für Geschäftsentwicklung und Marketing.

Wenn das Gerät für einen Patienten gut funktioniert, lassen sich weitere Neuromodulationsdosen übers Internet „nachladen“. „Das kostet dann nicht mehr als die bisherigen Tabletten“, fügt Schenker hinzu.

Doch noch ist es zu früh, um gleich in der nächsten Apotheke nach Neurolief zu fragen. Das Gerät wird erst im Laufe des nächsten Jahres auf den Markt kommen!

Noch müssen einige Versuchsreihen abgeschlossen werden – darunter eine Untersuchung mit 56 Patienten, die bereits im Gange ist. Die Firma hofft, noch vor Ende 2018 das CE-Kennzeichen der Europäischen Union zu beantragen; der Antrag an die FDA zur Genehmigung in den USA soll folgen.

Das nächste Ziel: Depression

Neurolief begann mit dem Kampf gegen Migräne, weil klinische Ergebnisse vom Gebrauch implantierter Geräte bereits gezeigt haben, das Neuromodulation auf diesem Gebiet wirkt. Diese Neuromodulationstechnik lässt sich indes auch bei anderen Indikationen einsetzen. Als Nächstes steht daher die Depression auf der Behandlungsliste von Neurolief. Amit Dar berichtet von „beachtlichen Ergebnissen“ aus einer klinischen Versuchsreihe in einer psychiatrischen Klinik in Israel. Das Anti-Depressionsgerät von Neurolief könnte daher bereits 2020 auf den Markt kommen.

Auch andere Firmen arbeiten an der Gehirnstimulation zur Behandlung von Depression – die meisten nutzen dafür Magnete. „Das sind jedoch grössere Maschinen, die nur in Kliniken eingesetzt werden können“, sagt Dar. „Wir wollten etwas entwickeln, dass sich zur Selbstbehandlung und zu Hause anwenden lässt.“

„Wenn wir so weit sind, werden wir eine Lösung für eine Vielzahl von Indikationen anbieten können – auch wenn jede ein eigenes Gerät und die dafür notwendige behördliche Zulassung erfordert“, sagt Dar.

In der Zwischenzeit bleibt die Firma beharrlich auf dem Weg, die Migräne aus Ihrem Kopf zu vertreiben. Für weitere Informationen klicken Sie hier.

Brian Blum ist Journalist und Unternehmer im High-Tech-Bereich. Auf Englisch zuerst erschienen bei Israel21c.

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