Irans tickende Umweltbombe

Lesezeit: 4 MinutenIrans Atomprogramm halten viele Experten für eine tickende Zeitbombe. Sie mögen Recht haben; aber das Atomprogramm des islamischen Regimes ist nicht die einzige Bombe, die im Iran tickt. Nahezu unbemerkt von der internationalen Gemeinschaft könnte sich die Umweltpolitik Irans als genauso verheerend erweisen wie sein Atomprogramm.

Vergangenen Monat lehnte das iranische Parlament ein Dringlichkeitsgesetz über die Umleitung von Wasser aus dem Fluss Aras zum Urmiasee im Nordwesten Irans ab. Mit einer Fläche von 2.200 Quadratmeilen ist der Urmiasee der grösste See im Nahen Osten. Dieser Salzwassersee ist eine seltene ökologische Kostbarkeit; bis vor Kurzem beherbergte er 212 Vogelarten, 41 Arten von Reptilien, sieben von Amphibien und nicht weniger als 27 von Säugetieren. Doch der Bau von Staudämmen an 13 Flüssen, die den See mit Wasser versorgen, hat die dem See jährlich zufliessende Wassermenge deutlich verringert. Dadurch stieg der Salzgehalt im Urmiasee, was dazu führte, dass er Tausende Zugvögel nicht mehr beherbergen kann und viele seiner eigenen Bewohner verloren hat.

Der Niedergang des Urmiasees geht zurück auf die iranische Revolution von 1979, als die neue betriebsame islamische Regierung den Bau einer Strasse anordnete, die mitten durch den See verläuft. Damals schon warnten Umweltschützer, dass der Teil des Sees südliche der Strasse abgeschnitten würde und austrocknen könnte, da die meisten in den See mündenden Flüsse auf der Nordseite liegen. Doch die Revolutionsregierung wusste es besser. Schon bald begann der südliche Teil zu schrumpfen.

Die traurige Geschichte des Urmiasees ähnelt der des Aralsees, wo die unseligen „Entwicklungspläne“ der allwissenden Sowjetunion in den 1940er-Jahren Bewässerungskanäle schufen, die 70 Prozent des Wassers, das vormals in den See geflossen war, umleiteten. In den 1960er-Jahren begann der Aralsee zu schrumpfen. Doch anstatt einen Kurswechsel einzuschlagen, entschieden die sowjetischen Planer, die beiden in den Aralsee mündenden Flüsse, der südliche Amudarja und der Syrdarja im Nordosten umzuleiten, um die Wüste zu bewässern, wo Reis, Melonen, Getreide und Baumwolle angebaut werden sollten. Diese grossartige Idee bedeutete faktisch das Todesurteil für den Aralsee. Heute ist vom einst prächtigen Aralsee nur wenig geblieben: Der See ist auf zwei Fünftel seiner ursprünglichen Grösse geschrumpft, sein Becken hat sich in eine Salzwüste verwandelt; alle 20 bekannten Fischarten des Aralsees sind inzwischen ausgestorben, da sie nicht in der Lage waren, im toxischen Salzschlamm zu überleben.

Genau wie die Sowjetunion ist die iranische Regierung dabei, das Problem zu verschlimmern, anstatt es zu lösen. Ein Jahrzehnt nach dem Bau der Strasse entschied die islamische Regierung, Staudämme an den Mündungsflüssen des Urmiasees zu bauen, um den Ertrag der Landwirtschaft in der Region zu steigern. Trotz wiederholter Warnungen und gegen den Widerstand von Experten wurden in den vergangenen 20 Jahren 50 solcher Staudämme gebaut; sie riegeln die Flüsse geradezu ab, die dem See vormals Wasser zuführten. Der Dammbaubranche ging es gut. Milliarden von Dollar wurden für öffentliche Aufträge an iranische Behörden ausgegeben. Doch die Dämme waren auch das Todesurteil für den See und ein vernichtender Schlag für über fünf Millionen Menschen, die in seiner Nachbarschaft leben.

Die Ablehnung des Dringlichkeitsgesetzes – seinerseits eine halbherzige Massnahme mit unbekannten Folgen – verärgerte gleichwohl die ansässige Bevölkerung. Eine Woche nach der Abstimmung gingen Sicherheitskräfte am 24. August gegen 30 Umweltaktivisten vor und verhafteten sie – sie waren dabei gewesen, einen friedlichen Protest zu organisieren, um der scheinbar unvermeidbaren Umweltkatastrophe Einhalt zu gebieten.

Doch das harte Durchgreifen hatte nicht die gewünschte Wirkung. Vergangenen Samstag strömten Demonstranten zu Tausenden auf die Strassen von Urmia und brachten lautstark ihre Wut und Frustration über die Politik der Regierung und deren Fehlen eines Planes zur Rettung des Sees zum Ausdruck. Auch Bürger anderer Städte in der Region schlossen sich rasch den Protesten an. Bald tauchten Videoclips von Strassenkämpfen zwischen Demonstranten in Urmia und Täbris und Sicherheitskräften auf.

So traurig die Geschichte des Urmiasees ist, sie ist leider nicht die einzige Umweltkatastrophe, die im Iran droht und die von der Habgier und Gleichgültigkeit islamischer Behörden den Warnungen von Experten gegenüber verschuldet wurde. Die Gotvand-Talsperre, ein Staudamm am Fluss Karun in der Provinz Chuzestan, ist ein weiteres Beispiel. Experten sind der Meinung, die Lage des Staudammes sei schlecht gewählt, da die weite Fläche hinter dem Staudamm Milliarden von Tonnen Salz enthält. Der See hinter dem Staudamm wird das Salz allmählich auflösen und sich in einen Salzwassersee verwandeln, der einen verheerenden Effekt auf das Ökosystem des Flusses Karun haben wird.

Es bleibt abzuwarten, ob die kleine Gruppe von Umweltaktivisten Erfolg damit haben wird, die iranische Regierung von einem überlegten Handeln zu überzeugen. In der Zwischenzeit wird der See weiter austrocknen; Dutzende von Aktivisten bleiben weiter in Haft. Diese traurige Geschichte ist eine weitere Erinnerung daran, mehr Druck auf das islamische Regime zu machen …

Nir BOMS und Shayan ARYA – Strategic Outlook

 

Nir Boms ist Mitbegründer der CyberDissidents.org. Shayan Arya ist ein iranischer Aktivist und Mitglied der Constitutionalist Party of Iran (freiheitlich-demokratisch). Beide sind Mitglieder der „Iran: all rights reserve? Coalition“.

Originalversion: Iran’s Environmental ticking bomb by Nir Boms und Shayan Arya, Strategic Outlook, September 15, 2011

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