Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

Sehr geehrter Herr Landesbischof Dr. Fischer,

wie wir einer Presseerklärung der Badischen Landeskirche vom 17. 2. 2012 entnehmen, haben Sie sich „erfreut darüber gezeigt“, dass an Pfarrer Dr. Mitri Raheb, Bethlehem, der „Deutsche Medienpreis“ verliehen wurde. Zugleich haben Sie „diffamierende Vorwürfe“ gegen Herrn Raheb zurückgewiesen. Ihre Stellungnahme zugunsten von Pfarrer Raheb erfolgte mithin in Kenntnis der zum Teil schwerwiegenden Vorwürfe, die gegen seine politischen und theologischen Äusserungen zum Nahostkonflikt erhoben worden sind. Unter denen, die sich gegen die Verleihung dieses Preises ausgesprochen haben, befinden sich so ehrwürdige Institutionen wie das Simon-Wiesenthal-Center und der Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Daneben haben viele Persönlichkeiten, die sich seit Jahrzehnten für den christlich-jüdischen Dialog einsetzen, diese Preisverleihung aus unterschiedlichen Gründen kritisiert. Sie bezeichnen alle diese kritischen Stellungnahmen pauschal als „diffamierende Vorwürfe“. Ihre pauschale Abwertung von Menschen, die anderer Meinung sind als Sie, ist enttäuschend. Womit haben Menschen, für die es eine Lebensaufgabe war und ist, die Judenfeindschaft zu überwinden, Ihre bischöfliche Herabsetzung verdient?

Ebenso gravierend ist: Die KritikerInnen der Preisverleihung an Raheb haben sich die Mühe gemacht, für ihre Ablehnung Argumente beizubringen, denn darauf beruhte ja überhaupt ihre öffentliche Stellungnahme gegen diese Preisverleihung. Sie dagegen nennen für Ihre pauschale Verurteilung dieser Menschen nicht ein einziges inhaltliches Argument. Warum eigentlich nicht? Warum sagen Sie nicht, was Sie an den Vorwürfen gegen Pfarrer Raheb für ungerecht oder unzutreffend halten? Vor allem: Warum sind diese Vorwürfe Ihrer Meinung nach diffamierend?

Oder haben Sie sich auf eine inhaltliche Auseinandersetzung gar nicht erst eingelassen, weil es auf der sachlichen Ebene schwer fällt, Rahebs Theologie und politische Position zu verteidigen? Die einschlägigen Äusserungen von Raheb sind schwer zu verteidigen, ohne in die unangenehme Nähe seiner unangenehmen Theologie zu geraten. Sie sagen nur, dass Raheb kein Antisemit oder kein Feind Israels ist, doch Sie verlieren keinen einzigen Satz zu dessen inkriminierten Äusserungen.

Lassen Sie uns darum noch einige inhaltliche Fragen aufwerfen – in der Hoffnung, dass Sie sich die Mühe machen, darauf eine Antwort zugeben, anstatt uns pauschal zu verurteilen:

1. Warum sollte es eine Diffamierung Rahebs sein, wenn man die folgende Äusserung für rassistisch hält?

„Ich bin sicher, wenn wir einen DNA-Abgleich von David, der aus Bethlehem war, und Jesus, der in Bethlehem geboren wurde, sowie Mitri machen, der gegenüber von dort geboren wurde, wo Jesus geboren wurde, dann bin ich sicher, dass die DNA zeigen wird, dass es eine Spur gibt. Aber wenn man König David, Jesus und Netanyahu abgleicht, wird man nichts finden, denn Netanyahu kommt aus einem osteuropäischen Stamm, der im Mittelalter zum Judentum übertrat.“ (Quelle: http://www.christatthecheckpoint.com/lectures/Mitri_Raheb.pdf)

Er setzt hier offenkundig den Mythos der Abstammung der (gegenwärtigen) Juden von den sog. Chasaren voraus. Darüber hinaus scheint er, der Palästinenser, sich für den genetischen Nachfahren von David und Jesus zu halten. Einem Sarrazin haben wir ähnliche Formulierungen nicht erlaubt! Seit Jahrzehnten nehmen wir die „Arisierung“ Jesu durch Grundmann oder andere Nazi-Theologen nur noch mit Entsetzen wahr. Sind sie jetzt wieder hoffähig?

2. Wir möchten Sie daran erinnern, dass nach Art. 3 der Grundordnung der Evangelischen Landeskirche in Baden Mitri Raheb sicher nie die Anstellungsbedingungen als Pfarrer in Baden erfüllen würde. Er verurteilt nicht nur nicht, wie die Grundordnung fordert, „alle Formen der Judenfeindlichkeit“. Er vertritt vielmehr eine rassistisch-judenfeindliche Auffassung über Jesus Christus. Kein Pfarrer und keine Pfarrerin in der Landeskirche könnte öffentlich von Jesus sagen, er sei kein Jude, sondern Palästinenser oder Arier gewesen, ohne dass Sie als oberster Dienstherr zum Schutz der grundlegenden Werte, die die Grundordnung formuliert, einschreiten müssten. Uns würde sehr interessieren, wie Sie es begründen, einen Pfarrer öffentlich zu rechtfertigen, der rassistische Äusserungen über Jesus Christus gemacht hat. Und wie dies mit der Grundordnung der Badischen Landeskirche vereinbar sein soll.

3. Zum Kairos-Dokument, für das Raheb massgebliche Verantwortung trägt, möchten wir Sie fragen, wie Sie das Votum Ihrer eigenen Synode beurteilen. Wir zitieren dazu eine Zusammenfassung auf der Homepage der Mecklenburgischen Kirche (http://www.kirche-mv.de/Mitri-Raheb.20818.0.html):

„Raheb hatte im Oktober 2010 an einem Studientag der badischen Synode mitgewirkt, die sich auch mit dem Kairos-Papier befasste. Als Ergebnis stellte das Kirchenparlament unter anderem fest, dass der Nahost-Konflikt nicht durch eine vereinfachende und einseitige Analyse auf die israelische Besatzung reduziert werden dürfe. Die Ideologie der das Existenzrecht Israels bestreitenden Hamas werde ebenso wenig erwähnt wie Raketenangriffe auf israelische Städte und Attentate. Einzelne Formulierungen rückten den Zionismus in die Nähe des Rassismus und den israelischen Staat in die Nähe eines Apartheidstaats. Ausdrücklich wandte sich die Synode gegen einen Boykott israelischer Waren. Zugleich begrüsste sie den eindringlichen Appell, Extremismus abzuschwören, und die Aufforderung zum interreligiösen Dialog.“

Wir sehen in diesen Sätzen eine differenzierende Wahrnehmung der Situation der Palästinenser, wie sie bei Mitri Raheb nicht zu finden ist. Wie passt diese kritische synodale Stellungnahme zum Kairos-Papier mit Ihrer Verteidigung eines massgebenden Unterzeichners eben jenes Dokuments zusammen? Stellen Sie sich mit der Rechtfertigung Rahebs nicht gegen diese Synodalerklärung?“

4. Wir haben den Eindruck, dass Sie – gewollt oder ungewollt – mit Ihrer  Parteinahme für Mitri Raheb und seine Arbeit auch seine theologische Grundlage, nach der den Juden ihre bleibende Erwählung als „Volk Gottes“ abgesprochen wird, bestätigen.

Wir fragen Sie als Bischof: In der Erklärung der badischen Landessynode von 1984, der Änderung der Grundordnung der badischen Landeskirche in diesem Sinne und in den Studien „Christen und Juden“ der EKD werden und bleiben wir gemeinsam aufgefordert, das jüdische Volk als bleibend erwählt zu achten und alle Formen der Judenfeindlichkeit zu verurteilen. Wie können Sie Ihre öffentliche Unterstützung von Mitri Raheb und seiner Theologie gegenüber dem Judentum und dem Volk Israel damit vereinbaren?

 

In der Hoffnung auf eine klärende Antwort verbleiben wir mit freundlichen Grüssen

gez. Albrecht Lohrbächer, SchD i.R.

gez. Ekkehard Stegemann

gez. Wolfgang Stegemann

gez. Johannes Riegger, Petra Marzinzig und Eva Vöhringer für den Vorstand des Freundeskreises Kirche und Israel in Baden e.V.

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  • Harald Goebel

    Schlimm genug, dass so ein Brief überhaupt erforderlich ist – aber das sind wenigstens klare, geradlinige, furchtlose und gerade darin "Liebe-volle" Worte, an einen Hirten, der sich zurzeit offenbar nicht wie einer verhält! Jetzt ist Gelegenheit für Herrn Fischer zur Klärung. Tut er dies nicht, so bleibt wenigstens die klare Ermahnung. In Zeiten, in denen das Tragen eines kirchlichen Titels häufig kein Garant mehr für geistliche Tiefe ist, scheint mir dies immer häufiger nötig zu werden. Und auch die Konsequenzen für die Mutigen nähern sich leider immer mehr denen an, mit denen in alter Zeit ein Jeremia konfrontiert war…