Die italienischen Behörden werfen dem 30-jährigen Italiener marokkanischer Herkunft, Youssef Siher, vor, nach den Mailänder Krawallen über über das «Movimento 17 ottobre» zu Unruhen aufgerufen zu haben und ermitteln gegen ihn.
Siher wurde am Samstag, 24. Oktober, in Mailand festgenommen. Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Anstiftung zu Straftaten, verschärft durch eine terroristische Zielsetzung und den Einsatz digitaler Mittel. Hinzu kommt der neue Tatbestand der organisierten Gewalt bei öffentlichen Kundgebungen, der zwei bis fünf Jahre Haft vorsieht. Gegen seine Ehefrau Sagia Hammoud wird wegen derselben Delikte ermittelt, sie wurde aber nicht festgenommen. Am Dienstagmorgen begann im Mailänder Gefängnis San Vittore die Haftprüfung vor Ermittlungsrichterin Tiziana Landoni. Die Staatsanwaltschaft verlangt Untersuchungshaft wegen Flucht- und Wiederholungsgefahr, die Richterin entscheidet voraussichtlich bis Mittwoch.
Anleitung für den Strassenkampf
Am 17. und 18. Oktober waren Demonstrationen gegen die hohen Lebenskosten im Zentrum von Mailand in Strassenschlachten und Plünderungen umgeschlagen. Dabei wurden 14 Polizisten verletzt. Am zweiten Tag wurden in Mailand über 200 Personen ins Polizeipräsidium gebracht, fast alle minderjährig. Die Behörden werfen Siher vor, den Telegram-Chat und die Profile des «Movimento 17 ottobre» in den sozialen Medien betrieben und darüber genaue Anweisungen für Unruhen verbreitet zu haben. Der Chat zählte laut Vidino rund 10’000 Nutzer. Siher soll auch ein Dokument mit dem Titel «Rivoluzione, istruzioni per l’uso» (Revolution, Gebrauchsanweisung) verbreitet haben, das sich frei an ein Handbuch der ägyptischen Revolution von 2011 anlehnt. Vidino bezeichnet es als Anleitung für den Strassenkampf, deren Taktiken bei den Mailänder Krawallen breit angewendet worden seien.
Die Staatsanwaltschaft nennt die Botschaften des Kanals eine fortgesetzte Kriegserklärung, die die Bevölkerung einschüchtern sollte. Innenminister Matteo Piantedosi sagte über Siher in der Rai-Sendung «Cinque minuti», der Aufruf zu neuen Protesten am 24. Oktober sei «sicher ihm zuzuordnen». Ziel sei gewesen, die Ereignisse vom 17. Oktober zu wiederholen. In den Telegram-Chats hätten sich «Anleitungen für den gewalttätigen Demonstranten» gefunden.
Bestens integriert
Lorenzo Vidino leitet das Program on Extremism der George Washington University in Washington und gilt als einer der besten Kenner der Muslimbruderschaft in Europa. In einer ersten Analyse für den Newsletter seines Instituts hält er fest, dass für Siher zwar die Unschuldsvermutung gilt und es viel zu früh sei, die Vorwürfe zu beurteilen. Bemerkenswert sei aber das Profil, das sich in den letzten Tagen abzeichne. Siher sei zumindest beruflich gut in die italienische Gesellschaft integriert gewesen. Er stammt aus der Provinz Brescia, ist eingebürgerter Italiener mit marokkanischen Wurzeln und studierte an der Staatlichen Universität Mailand Kommunikation und Politikwissenschaft mit Schwerpunkt politischer Islam. Während des Studiums gründete er einen Verband muslimischer Studenten. Er schrieb für die Zeitung «Il Fatto Quotidiano» und war kurze Zeit bei der Beobachtungsstelle für den Nahen Osten und Nordafrika des ISPI tätig, Italiens bekanntestem aussenpolitischem Think-Tank. Vidino leitete dort vor fast zehn Jahren selbst die Beobachtungsstelle für Terrorismus. Er kenne die Denkweise am Institut gut, schreibt er, und Sihers Stelle dort überrasche ihn «nicht im Geringsten». Das ISPI erklärte nach der Festnahme, Siher habe 2024 ein Praktikum absolviert und seither nicht mehr mit dem Institut zusammengearbeitet. Zuletzt war er laut Vidino beim amerikanischen KI-Unternehmen Mercor angestellt. Die Behörden gehen davon aus, dass er sein Wissen über künstliche Intelligenz beim Aufbau des «Movimento 17 ottobre» einsetzte.
Laut dem «Corriere della Sera» war Siher der Polizei bisher unbekannt und nicht vorbestraft. Aufgefallen sei er als glühender pro-palästinensischer Aktivist, vor allem durch seine organisatorische Rolle bei den Giovani palestinesi d’Italia (Junge Palästinenser Italiens) und im Internet. Die Nachrichtendienste hätten 2024 auf seine Gruppe Organizzazione Alba nascente (Organisation Aufgehende Morgenröte) hingewiesen. Sie koordiniere pro-palästinensische Kundgebungen und vertrete eine Haltung, die jener der Terrororganisation Hamas entspreche. Den Verein, dessen Präsident Siher seit Januar 2024 ist, hält die Staatsanwaltschaft laut La Verità für «der Praxis der Muslimbruderschaft nahestehend».
«Ein revolutionärer Akt der Dekolonisierung»
Noch deutlicher als der Lebenslauf sind Sihers eigene Texte. Vidino verweist auf einen Essay mit dem Titel «Islam e sinistre occidentali: falsi amici?» (Islam und westliche Linke: falsche Freunde?). Siher veröffentlichte ihn zuerst im September 2024 auf der Plattform Voice Over und im August 2025 erneut auf seinem Substack. Darin schreibt er, im Westen hätten am 7. Oktober 2023 nur wenige die «Operation Al-Aqsa-Flut» ohne Wenn und Aber als das verstanden, was sie gewesen sei: «ein revolutionärer Akt der Dekolonisierung». Die Kämpfer aus Gaza hätten sich damit aus dem «Konzentrationslager» befreit, in dem sie eingesperrt gewesen seien. Dekolonisierung bringe zwangsläufig Umwälzungen, soziale Unruhen und Konflikte mit sich. In einem Abschnitt mit dem Titel «Der Islam, der grosse Albtraum des Westens» beschreibt Siher den Islam als zentrales Element im antikolonialen Kampf der Palästinenser.
Der «woke» Islamismus
In Sihers Schriften erkennt Vidino deutliche Zeichen dessen, was oft als rot-grüne Allianz bezeichnet wird, also das Zusammengehen von radikaler Linker und Islamismus. Bereits im Januar 2022 beschrieb Vidino in einem Essay für das Hudson Institute den Aufstieg eines «woken» Islamismus im Westen. Vieles davon finde sich im Fall Siher wieder, so Vidino. Eine neue Generation islamistischer Aktivisten habe oft nur lose formale Verbindungen zu den etablierten islamistischen Strukturen. Sie verwende islamistische Begriffe selten und spreche stattdessen die Sprache von Diskriminierung, Antirassismus, Intersektionalität und postkolonialer Theorie. Weil diese Aktivisten islamistische Motive weitgehend ablegten und progressive Anliegen übernähmen, fänden sie einen Zugang zu Politik, Medien und Zivilgesellschaft, von dem ihre Vorgänger nur träumen konnten. Sie kandidierten für Parteien, schrieben Gastbeiträge in grossen Zeitungen, gingen Bündnisse mit progressiven Organisationen ein und erhielten Gelder von angesehenen Stiftungen und staatlichen Stellen.
Spur nach Genua
Parallel prüft die Staatsanwaltschaft Genua laut Tgcom24, ob Siher Kontakte zu Personen hatte, die im Verfahren um eine mutmassliche Finanzierung der Hamas aus Italien verhaftet wurden. Im Zentrum dieses Verfahrens steht Mohammad Hannoun, Präsident der Associazione dei Palestinesi in Italia, der am 27. Dezember 2025 verhaftet wurde. Die Staatsanwaltschaft hält ihn für den Kopf der italienischen Zelle der Hamas und wirft dem Netzwerk vor, über angeblich wohltätige Vereine mehr als sieben Millionen Euro an die Hamas geleitet zu haben. Das amerikanische Finanzministerium hatte Hannoun bereits im Oktober 2024 mit Sanktionen belegt. Nachdem das Kassationsgericht im Oktober einen zweiten Rekurs abgewiesen hat, sitzt er weiterhin im Hochsicherheitsgefängnis von Terni.


























