Zum jüdischen Fest Purim verkleiden sich nicht nur Kinder. Warum das nichts mit Karneval zu tun hat, erklärt der Präsident eines jüdischen Karnevalsvereins aus Köln. Manche feiern allerdings auch „Karneval de Purim“.
von Leticia Witte
Einige setzen sich ein Hütchen auf, vor allem Kinder erscheinen im kompletten Kostüm. Immer wieder wird Purim als jüdischer Karneval bezeichnet, auch wenn das Fest vom Ursprung her nichts mit Karneval, sondern mit der jüdischen Religion zu tun hat. Gleichwohl verkleiden sich Menschen, um zu feiern – in der Synagoge und auf Partys. Einer, der sich mit dem Brauchtum beider Feste auskennt, ist Aaron Knappstein. Er ist Jude und Präsident des nach seinen Angaben weltweit einzigen jüdischen Karnevalsvereins „Kölsche Kippa Köpp“ aus Köln, einem der Hotspots der Fünften Jahreszeit.
Während für viele Christen am Aschermittwoch die Fastenzeit beginnt und Schluss ist mit Kamelle und Kostümen, geht es für Knappstein und andere jüdische Karnevalisten noch ein bisschen weiter – wenn auch aus anderen Gründen. Purim wird meist kurz nach der närrischen Zeit gefeiert, beginnt in diesem Jahr am Montagabend und dauert bis Dienstag. Knappstein sagt, er finde den Ausdruck „jüdischer Karneval“ nicht so schlecht: Wegen gewisser Parallelen – Kostüme, Partys, Alkohol – könne man das jüdische Fest im Rheinland besser erklären. Kurz: „Man feiert eben.“
Purim geht auf das biblische Buch Esther zurück. Darin wird berichtet, dass Haman, Minister am Hof des persischen Königs, aus Rache alle Juden töten wollte. Königin Esther, die ihre jüdische Abstammung verborgen hielt, konnte dies jedoch verhindern. Wenn in der Synagoge an dem Fest aus der Estherrolle gelesen wird, schlagen Kinder und auch Erwachsene mit Rasseln Krach, sobald der Name des Judenfeindes Haman vorkommt. Purim voraus geht ein Fasttag.
Knappstein erinnert an Wilhelm Salomon, der vor der Schoah einst Vizepräsident des „Kleinen Kölner Klubs“ war und in dessen Tradition sich der Verein „Kölsche Kippa Köpp“ sieht. Salomon habe, als er vor den Nazis ins damalige Palästina floh, sein Wissen über den Bau von Karnevalswagen mitgenommen und dort für Purim-Umzüge eingesetzt und weiterentwickelt. Knappstein verweist auf zeitgenössische Paraden in Tel Aviv und Holon mit Wagen und Fusstruppen: „Das erinnert schon an Karnevalsumzüge.“

In Berlin steigt aus Anlass von Purim die Club-Partyreihe „Karneval de Purim“. Im Kostüm kann dort jeder durch die Nacht tanzen, egal ob jüdisch oder nicht. „Wer ist eingeladen? Jeder menschenliebende Mensch – unabhängig von Herkunft, Pass oder Papieren“, schreiben die Veranstalter in Sozialen Medien. Für Samstag ist die Party geplant, was keine Selbstverständlichkeit ist.
Denn nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg stellten sich Teile der Clubszene gegen Israelis und auch gegen Juden allgemein, beispielsweise wurden DJs ausgeladen. Es gab Absagen, als die „Karneval de Purim“-Macher in der Vergangenheit eine Lokalität für die Party suchten. Schliesslich fanden sie eine. Auch in diesem Jahr kommt die Veranstaltung nicht ohne Sicherheitskräfte aus.
Apropos Anfeindungen: Ist es ratsam, bereits im Purim-Kostüm den Weg zur Synagoge oder Party anzutreten? „Ich glaube, das ist eine sehr persönliche Angelegenheit“, sagt der Kölner Knappstein. Aus seiner Sicht muss man keine so grossen Sorgen deswegen haben, denn er bezweifelt, dass Antisemiten überhaupt von Purim und den damit verbundenen Traditionen wissen. Seine Erfahrung aus dem katholisch geprägten Köln: „Die Leute schauen schon etwas komisch, wenn manche Menschen nach Aschermittwoch im Kostüm unterwegs sind.“
Auch wenn die Lage in Nahost weiter angespannt und der Antisemitismus gross ist: „Wenn wir erst dann feiern würden, wenn die Lage wieder besser wäre, kämen wir gar nicht erst dazu“, betont Knappstein. „Purim zeigt, dass wir eine verhinderte Vernichtung der Juden feiern. Es ist immer gut, die Frage zu stellen, ob man feiern sollte oder nicht, meine Antwort ist: Wir müssen.“ Kriege, Konflikte und die Schoah seien immer Teil des Lebens von Jüdinnen und Juden. Daher: „Wir müssen das Überleben des jüdischen Volkes feiern.“
Purim
Kostüme, Gebäck und Lärm: Purim ist ein fröhliches jüdisches Fest - mit ernstem Hintergrund rund um eine Errettung der Juden mithilfe einer starken Frau.
Purim ist ein fröhliches jüdisches Fest, an dem sich Menschen verkleiden, Süßes essen und Alkohol trinken. Bedürftige sollen beschenkt werden. Purim voraus geht ein Fasttag. Es gehört zu den populärsten jüdischen Festen. In diesem Jahr beginnt es am Montagabend und dauert bis Dienstag.
Das biblische Buch Esther berichtet, dass Haman, Minister am Hof des persischen Königs, aus Rache alle Juden töten wollte. Königin Esther, die ihre jüdische Abstammung verborgen hielt, konnte dies jedoch verhindern.
Wenn in der Synagoge an dem Fest aus der Estherrolle gelesen wird, schlagen Kinder und auch Erwachsene mit Rasseln Krach, wenn der Name des Judenfeindes Haman vorkommt. Traditionell werden zu Purim sogenannte Hamantaschen gebacken: ein dreieckiges Gebäckstück, das zum Beispiel mit Mohn oder Pflaumenmus gefüllt ist.
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