Start International Grossbritannien: Antisemitismus auf hohem Niveau – Anschläge verstärken den Hass

Grossbritannien: Antisemitismus auf hohem Niveau – Anschläge verstärken den Hass

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Anschlag vor der Synagoge in Manchester am 03. Oktober 2025 mit Toten und Verletzten. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Anschlag vor der Synagoge in Manchester am 03. Oktober 2025 mit Toten und Verletzten. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Lesezeit: 3 Minuten

Auch 2025 lag der Antisemitismus im Vereinigten Königreich auf extrem hohem Niveau. Laut dem Jahresbericht des Community Security Trust (CST) wurden landesweit 3.700 antisemitische Vorfälle registriert. Dies ist ein Anstieg um 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der zweithöchste je gemessene Wert.

Nur das Jahr 2023 lag noch höher – unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober in Israel. Bemerkenswert ist dabei: Der damalige Anstieg begann bereits vor dem militärischen Vorgehen Israels gegen die islamistische Terrororganisation.

Ein Muster zeigt sich dabei besonders deutlich: Gewalt gegen Juden führt nicht zu gesellschaftlicher Abgrenzung vom Antisemitismus, sondern zu zusätzlichem Antisemitismus.

So wurden am Tag des Terroranschlags auf die Heaton-Park-Synagoge in Manchester im Oktober 40 antisemitische Vorfälle registriert, am folgenden Tag nochmals 40. Mehr als die Hälfte davon nahm direkt Bezug auf den Anschlag, bei dem die beiden Gemeindemitglieder Adrian Daulby und Melvin Cravitz ermordet wurden, oder feierte ihn.

Ein ähnlicher, wenn auch kleinerer Anstieg wurde nach einem antisemitischen Angriff auf Juden während der Chanukka-Feiern am Bondi Beach in Sydney beobachtet.

Die Schlussfolgerung des Berichts ist eindeutig: Grosse antisemitische Angriffe bremsen den Judenhass nicht, sondern befeuern ihn.

Vom Internet auf die Strasse

Die Mehrheit der Vorfälle bestand aus Beschimpfungen, Drohungen und Schmierereien. Gleichzeitig dokumentierte der Bericht eine besorgniserregend hohe Zahl körperlicher Angriffe – der Hass bleibt also nicht verbal.

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Foto Screenshot Community Security Trust.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Internet: In den sozialen Medien werden Verschwörungstheorien, Holocaustleugnung und extremistische Propaganda verbreitet, die häufig in reale Einschüchterung übergehen.

Besonders betroffen: Jüdische Kinder und Gemeinden

Zu den häufigsten Zielen gehören jüdische Schulen, Synagogen und Gemeindezentren. Bedrohungen ereignen sich regelmässig zu Schulbeginn und Schulende, was auf gezielte Einschüchterung jüdischer Familien hindeutet.

61 Prozent aller Vorfälle konzentrieren sich auf London und Manchester, doch antisemitische Taten wurden in jeder Polizeiregion Grossbritanniens registriert.

Der CST-Direktor Mark Gardner spricht deshalb von zwei Jahren intensiven Judenhasses, die in einem jihadistischen Synagogenanschlag gipfelten – und anschliessend weiteren Antisemitismus auslösten.

Die im britischen Bericht beschriebene Dynamik lässt sich nahezu deckungsgleich in Europa und auch der Schweiz beobachten.

Seit dem 7. Oktober 2023 verzeichnen die Sicherheitsorganisationen der jüdischen Gemeinden einen sprunghaften Anstieg antisemitischer Vorfälle. Das Spektrum reicht – wie im Vereinigten Königreich – von verbalen Drohungen über Demonstrationsparolen bis zu konkreten Angriffen.

Ähnliche Entwicklung in der Schweiz

In Zürich kam es mehrfach zu antisemitischen Vorfällen im öffentlichen Raum. Dazu gehörten Beschimpfungen und Bedrohungen gegenüber sichtbar jüdischen Personen sowie antisemitische Schmierereien an Gebäuden. Besonders auffällig war, dass solche Vorfälle häufig im Umfeld von Demonstrationen oder nach internationalen Ereignissen im Zusammenhang mit Israel auftraten – exakt das Muster, das auch der britische CST-Bericht beschreibt: Ereignisse im Nahostkonflikt wirken als unmittelbarer Verstärker lokaler Feindseligkeit.

Auch jüdische Einrichtungen wurden verstärkt geschützt. Synagogen und Schulen mussten ihre Sicherheitsmassnahmen ausbauen; Polizeipräsenz wurde zur Normalität. Eltern berichteten, dass Kinder auf dem Schulweg beschimpft wurden. Die Einschüchterung richtet sich damit nicht abstrakt gegen Politik, sondern konkret gegen jüdisches Alltagsleben.

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel bot Anfang 2026 die Inbetriebnahme des Eruv in Zürich. Diese kaum sichtbare religiöse Einrichtung – im Wesentlichen dünne, zwischen bestehenden Pfosten gespannte Leitungen – ermöglicht orthodoxen Juden innerhalb eines definierten Gebiets am Sabbat etwa Kinderwagen zu schieben oder Schlüssel zu tragen. Sie wurde in Zusammenarbeit mit Behörden und Gemeinden realisiert und greift weder in Eigentumsrechte noch in die Nutzung des öffentlichen Raums ein.

Die öffentliche Reaktion fiel dennoch ungewöhnlich scharf aus. In den Kommentarspalten von Schweizer Medien wie etwa Watson, erschienen zahlreiche herabwürdigende und offen feindselige Beiträge gegenüber dem jüdischen Religionsleben, die teilweise bis heute dort stehen.

Politisch zugespitzt wurde die Debatte zusätzlich durch den zum Islam konvertierten Genfer Ständerat Mauro Poggia (MCG/GE), der den Eruv öffentlich als «Ghetto» bezeichnete. Poggia sitzt in der SVP-Fraktion und hatte sich zuvor auch gegen ein Verbot der Hamas ausgesprochen.

Hinzu kommen Vorfälle rund um «politischen Aktivismus». Bei sogenannten Pro-Palästina-Demonstrationen wurden wiederholt Parolen gerufen, die das Existenzrecht Israels bestritten oder Gewalt legitimierten. In einzelnen Fällen wurden Massaker relativiert oder offen gefeiert. Solche Äusserungen erzeugen regelmässig eine Zunahme antisemitischer Übergriffe im Alltag.

1 Kommentar

  1. Ein Blick schon vor 30 Jahre nach Molenbeek, Belgien, hätte gereicht, um zu sehen, wie die Zukunft der europäischen Städte aussehen wird.

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