Der US-Luftfahrtkonzern Boeing hat das israelische Technion – Israel Institute of Technology – als strategischen Partner für die Entwicklung nachhaltiger Flugtreibstoffe ausgewählt. Ziel der Zusammenarbeit ist die Entwicklung sogenannter Sustainable Aviation Fuels (SAF), die den CO₂-Fussabdruck der globalen Luftfahrtindustrie deutlich reduzieren sollen.
Wie die Times of Israel berichtet, steht die Zusammenarbeit vor dem Hintergrund wachsender internationaler regulatorischer Vorgaben zur Emissionsreduktion sowie steigenden Drucks auf die Luftfahrtindustrie, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Boeing verfolgt eigenen Angaben zufolge das Ziel, bis 2030 Verkehrsflugzeuge auszuliefern, die vollständig mit nachhaltigem Treibstoff betrieben werden können.
Strategische Partnerschaft mit nationaler Bedeutung
Technion-Präsident Prof. Uri Sivan bezeichnete gegenüber israelischen Medien die Kooperation mit Boeing als eine „historische Zusammenarbeit von nationaler Bedeutung“ für Israels Wirtschaft, Energiesicherheit und zivile Luftfahrt. Laut Sivan übernehmen die Technion-Forscher im Rahmen der Partnerschaft die Aufgabe, Technologien zur Herstellung sauberer Treibstoffe mittels nachhaltiger Prozesse zu entwickeln – mit Auswirkungen nicht nur auf die Luftfahrt, sondern auch auf Umwelt- und Gesundheitsfragen.
Im Zentrum der Zusammenarbeit steht die Entwicklung von wettbewerbsfähigem und kommerziell nutzbarem nachhaltigem Treibstoff aus verschiedenen Ausgangsstoffen. Dazu zählen unter anderem Wasserstoff und Kohlendioxid. Gegenüber herkömmlichem Kerosin hat Sustainable Aviation Fuel den Vorteil, dass es nicht aus fossilen Brennstoffen, sondern aus alternativen Rohstoffen wie landwirtschaftlichen Abfällen, Hausmüll oder gebrauchten Speiseölen gewonnen wird.
Nachhaltiger Flugtreibstoff kann die CO₂-Emissionen der Luftfahrt im Vergleich zu herkömmlichem Treibstoff um bis zu 80 Prozent senken. Allerdings bleibt die Verfügbarkeit gering und der Preis hoch. Derzeit liegen die Kosten dafür zwei- bis dreimal über denen von fossilem Kerosin.
Ein Bericht der International Air Transport Association (IATA) zeigt die Dimension des Problems: Im Jahr 2025 machte nachhaltiger Flugtreibstoff lediglich 0,6 Prozent des weltweiten Flugtreibstoffverbrauchs aus. Für die Luftfahrtindustrie bedeutete dies dennoch zusätzliche Kosten in Höhe von rund 3,6 Milliarden US-Dollar.
Technion als zentraler Akteur
Boeing-Global-Präsident Dr. Brendan Nelson erklärte während eines Besuchs am Technion in Haifa, Israel sei – angeführt vom Technion – besonders geeignet, die Emissionsprobleme der zivilen Luftfahrt zu lösen. Er bezeichnete das Technion ausdrücklich als das „israelische MIT“. Boeing sehe die Partnerschaft als Beitrag zur Stärkung der israelischen Luft- und Raumfahrtindustrie.

Der Präsident von Boeing Israel, Generalmajor a. D. Ido Nehushtan, erklärte laut Times of Israel, die Kooperation werde den Weg für die Entwicklung fortschrittlichster israelischer Technologien ebnen, die künftig in globale Luftfahrtsysteme integriert werden könnten.
Millionenförderung und langfristige Perspektive
Die finanziellen Details der Zusammenarbeit wurden offiziell nicht veröffentlicht. Prof. Gidi Grader von der Wolfson-Fakultät für Chemieingenieurwesen des Technion erklärte jedoch, dass sich Boeing zu einer mehrjährigen Unterstützung in Millionenhöhe über einen Zeitraum von drei Jahren verpflichtet habe. Ziel der kommenden Jahre sei die Entwicklung eines kontinuierlichen Produktionsprozesses für die grossindustrielle SAF-Herstellung.
Fokus auf CO₂ und Wasserstoff
Ein zentrales Element der Forschung ist die Nutzung von Kohlendioxid und Wasserstoff als Ausgangsstoffe. Prof. Grader erläuterte, dass insbesondere grüner Wasserstoff langfristig eine Schlüsselrolle spielen könne. Dieser wird durch Elektrolyse von Wasser mit Hilfe erneuerbarer Energiequellen wie Solarstrom gewonnen.
Grader wies darauf hin, dass die Kosten für grünen Wasserstoff künftig ähnlich stark sinken könnten wie jene für Solarzellen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Aus seiner Sicht sind Wasserstoff und CO₂ die am besten geeigneten Rohstoffe für eine spätere grossskalige industrielle Produktion, wenn auch nicht kurzfristig, sondern erst in einem Zeithorizont von etwa 25 Jahren.
Laut israelischen Medienberichten plant das Technion, innerhalb der kommenden drei Jahre eine experimentelle Testanlage für Flugtreibstoffe in Betrieb zu nehmen. Diese Anlage wäre weltweit erst die zweite ihrer Art. Derzeit arbeiten insgesamt elf Fakultätsmitglieder sowie Dutzende Doktoranden aus fünf verschiedenen Fakultäten an Fragen der Treibstoffproduktion, Katalyse, Verbrennung, Sicherheit und industriellen Skalierung.
Erweiterte Kooperationen mit Israel
Parallel zur Partnerschaft im Bereich Sustainable Aviation Fuels kündigten Boeing und die Ben-Gurion-Universität des Negev die Einrichtung eines Forschungszentrums für Cybersicherheit im Bereich der nächsten Generation von Luft- und Raumfahrtsystemen an. Boeing wies dabei auf die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung moderner Flug- und Raumfahrtsysteme hin.

























