Am 22. Dezember 2025 widmete das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) in der Sendung Echo der Zeit – es ist nicht das erste Mal – einen Beitrag dem Palästinenser Marwan Barghouti. Der Beitrag trug den Titel «Marwan Barghouti – Palästinas grösster Hoffnungsträger» und präsentierte einen Mann, der von einem israelischen Gericht wegen mehrfachen Mordes und Terrorismus zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, als möglichen Friedensbringer und künftigen palästinensischen Präsidenten.
von Hanspeter Büchi
Diese Darstellung ist nicht nur einseitig, sondern stellt auch eine gravierende journalistische Verzerrung dar. Sie reiht sich in eine Serie von SRF-Beiträgen ein, die systematisch zentrale Fakten ausblenden und einen verurteilten Terroristen zu einem politischen Hoffnungsträger umdeuten.
Wer ist Marwan Barghouti?
Marwan Barghouti sitzt seit 2002 in israelischer Haft. Er war führender Funktionär der Fatah und gilt als Anführer der Terrororganisation Tanzim, die Mitte der 1990er Jahre unter Jassir Arafat gegründet wurde. Internationale Bekanntheit erlangte die Gruppe während der sogenannten Zweiten Intifada (ab Herbst 2000), einer von Arafat initiierten Terrorkampagne, bei der hunderte israelische Zivilisten durch Selbstmordanschläge, Schusswaffen- und Sprengstoffattentate ermordet wurden.
Barghouti spielte dabei eine zentrale Rolle. Sein Neffe und damaliger enger Mitarbeiter Ahmed Barghouti sagte vor Gericht aus, dass Marwan Barghouti einzelne Anschläge persönlich genehmigte. Ahmed Barghouti wurde selbst zu lebenslanger Haft verurteilt; seine Aussagen sind im Urteil ausführlich dokumentiert und wurden von weiteren Beweismitteln gestützt. Zudem gilt Marwan Barghouti als Gründer und operativer Kommandant der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden, einer weiteren Fatah-nahen Terrororganisation. Als Führungsfigur trug er Verantwortung für sämtliche von diesen Gruppen verübten Morde.
Ein israelisches Gericht verurteilte Barghouti 2004 wegen fünffachen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation zu fünfmal lebenslänglich sowie zusätzlichen Haftstrafen. Grundlage waren unter anderem Zeugenaussagen, abgefangene Kommunikation und Barghoutis Rolle als operativer Befehlshaber bewaffneter Fatah-Strukturen. Das vollständige Urteil des Bezirksgerichts Tel Aviv liegt öffentlich vor und wurde mehrfach international ausgewertet. Barghouti sitzt nicht wegen politischer Meinungsäusserung, sondern wegen nachgewiesener Beteiligung an Terrorverbrechen.
Was SRF verschweigt
Im SRF-Beitrag wird Barghoutis Rolle auf die Formel reduziert, er sei «Fatah-Anführer während der zweiten Intifada» gewesen. Dass diese Intifada eine jahrelange Terrorkampagne gegen jüdische Zivilisten darstellte, bleibt unerwähnt. Ebenso fehlen Hinweise auf die von Barghouti autorisierten Anschläge, seine Führungsrolle in bewaffneten Terrorgruppen sowie das rechtsstaatliche Gerichtsverfahren, das zu seiner Verurteilung führte.
Stattdessen wird ein Narrativ aufgebaut, das Barghouti als charismatischen «Mann des Volkes», als Dialogbereiten und als Hoffnungsträger stilisiert.
Die Dramaturgie des Beitrags
Bereits in der Einführung gibt Moderator Matthias Kündig die Richtung vor und macht aus dem Terroristen Barghouti einen «palästinensischen Fatah-Politiker. Barghouti werde als von «vielen Israelis» zwar als Terrorist gesehen, von «vielen Palästinensern» jedoch als Hoffnungsträger. Er wird als Brückenbauer beschrieben, der an Dialog und Zweistaatenlösung glaube. Sogar Vergleiche mit Nelson Mandela werden bemüht.
Die anschliessende Reportage von Anna Trechsel aus dem Westjordanland stützt sich ausschliesslich auf Aussagen von Muqbel Barghouti, dem Bruder des Inhaftierten. Kritische Stimmen, israelische Opferangehörige, Gerichtsdokumente oder unabhängige Sicherheitsexperten kommen nicht zu Wort.
Das Ergebnis ist ein durchgehend positives und einseitiges Porträt: Barghouti als integer, glaubwürdig, standhaft, vom Volk geliebt, als Favorit für künftige Wahlen. Seine Haft wird als moralische Ungerechtigkeit dargestellt, seine angebliche Misshandlung im Gefängnis wird unhinterfragt übernommen.
Politisches Lobbying statt Journalismus
Diese Art der Berichterstattung erfüllt die Kriterien anwaltschaftlichen Journalismus. Der Beitrag verfolgt erkennbar das Ziel, politischen Druck zur Freilassung Barghoutis aufzubauen. Hinweise auf internationale Unterstützer, Hollywood-Prominente oder angebliche Interventionen westlicher Politiker dienen der emotionalen Aufladung, nicht der sachlichen Information.
Dass Barghouti kein politischer Gefangener, sondern ein rechtskräftig verurteilter Terrorist ist, wird systematisch relativiert.
Warum Barghouti kein Friedensbringer ist
Die Vorstellung, Barghouti könne einen nachhaltigen Frieden mit Israel herbeiführen, ignoriert grundlegende Realitäten. Die Geschichte der Oslo-Verträge zeigt, dass die palästinensische Führung unter Arafat wiederholt Verpflichtungen brach und den Terror fortsetzte.
Noch 1996 erklärte Arafat in einer Rede vor arabischen Diplomaten in Stockholm offen, man plane langfristig die Eliminierung Israels. Das Zitat ist dokumentiert und wurde unter anderem von MEMRI und westlichen Medien archiviert. Die Charta der PLO, die zur Vernichtung Israels aufruft, wurde bis heute nicht geändert. Gleichzeitig werden palästinensische Kinder in Schulen systematisch im Hass auf Juden und Israel erzogen. In ihren Schulbüchern gibt es kein Israel.
Es gibt keinerlei Anzeichen, dass Barghouti mit dieser Ideologie gebrochen hätte. Im Gegenteil: Seine politische Sozialisation und seine Taten sprechen dagegen.
Begriffe und Narrative
Der SRF-Beitrag übernimmt unkritisch Begriffe wie «Besatzung» oder «besetztes Westjordanland», ohne deren völkerrechtliche Komplexität zu erläutern. Die Oslo-Abkommen (1993/1995), die auch von der Schweiz unterstützt wurden, regelten explizit eine Aufteilung des Westjordanlands in Verwaltungszonen (A, B und C) mit abgestufter palästinensischer Selbstverwaltung in A und B – ohne konkrete Aussichten auf einen palästinensischen Staat, gegen den sich Ministerpräsident Rabin ausgesprochen hatte. Die Zone C wird allein von Israel verwaltet.
Auch die Darstellung, israelische Siedlungen seien Hauptursache gescheiterter Friedensbemühungen, greift zu kurz. Der gewaltsame Aufstand der Zweiten Intifada begann unabhängig von Siedlungsfragen und wurde massgeblich von der palästinensischen Führung gesteuert.
Medienverantwortung und Folgen
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich in vielen westlichen Medien eine Berichterstattung etabliert, die israelische Selbstverteidigung delegitimiert, Israel zum Täter stempelt und terroristische Gewalt relativiert. Übrigens anerkennen über 80% der Palästinenser die Existenz Israels nicht und betrachten den 7. Oktober 2023 als legitime Aktion «des Widerstandes» (Adrew G. Bostom) – ein Kontext, der in westlichen Medienberichten regelmässig fehlt. Diese Einseitigkeit trägt zur Normalisierung von Israelhass und Antisemitismus bei, was leider – oft erschreckend – auch auf die Sprache abfärbt.
Online-Kommentare, Demonstrationen und Angriffe auf jüdische Einrichtungen zeigen, dass mediale Narrative reale Konsequenzen haben. Ombudsstellen und interne Medienkontrollen erweisen sich dabei oft als wirkungslos.
Der SRF-Beitrag über Marwan Barghouti ist kein Ausrutscher, sondern ein weiteres Beispiel für strukturelle Schlagseite in der Nahost-Berichterstattung. Ein verurteilter Terrorist wird zum Hoffnungsträger verklärt, zentrale Fakten werden verschwiegen, kritische Perspektiven ausgeblendet.
Öffentlich-rechtlicher Journalismus hat den Auftrag zur Information, nicht zur politischen Imagepflege. Wer Terror relativiert und Täter zu Friedensikonen stilisiert, verfehlt diesen Auftrag – mit Folgen weit über den Medienbetrieb hinaus.
























