Vor 80 Jahren verliessen die “Nazisti” das besetzte Rom

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Amerikanische Truppen in Rom am 5. Juni 1944. Foto IMAGO / Photo12
Amerikanische Truppen in Rom am 5. Juni 1944. Foto IMAGO / Photo12
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Von den Bomben des Zweiten Weltkriegs blieb Rom einigermassen verschont – bis auf einen alliierten Angriff. Grössere Verwüstungen in den Seelen der Römer hinterliessen die deutschen Besatzer. Am 4. Juni vor 80 Jahren zogen die “Nazisti” ab.

von Roland Juchem

Anfangs waren sie Verbündete – das faschistische Königreich Italien unter dem “Duce” Benito Mussolini und das nationalsozialistische Deutsche Reich unter dem “Führer” Adolf Hitler. Gemeinsam bildeten sie die Achsenmächte. Als sich Italien in Nordafrika immer mehr militärische Niederlagen einhandelte und im Sommer 1943 die Alliierten auf Sizilien landeten, zerbrach die Achse.

Am 25. Juli 1943 wurde Mussolini von König Viktor Emanuel III. entlassen und gefangengesetzt. Mussolini war über Zwischenstationen ins Hotel “Campo Imperatore” in den Abruzzen gebracht worden, von wo ihn deutsche Fallschirmjäger am 12. September 1943 befreiten und nach Deutschland brachten. Später bildete der “Duce” in Norditalien eine Marionettenregierung von Deutschlands Gnaden.

Zuvor hatte die Nachfolge-Regierung unter Marschall Pietro Badoglio am 1. September einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen. Wodurch für Berlin der “Fall Achse” eintrat: Sollte Italien die Seiten wechseln, würde es besetzt. Am 10. September marschierten deutsche Truppen in die Ewige Stadt ein; die war von Italiens neuer Regierung vier Wochen zuvor zur “offenen Stadt” erklärt worden, sollte also nicht militärisch verteidigt werden.

“Rom, offene Stadt” (Roma citta aperta) heisst auch der Film, der am besten zeigt, wie die deutsche Besatzung von den Römern erlebt wurde. Gedreht nur sieben Monate nach dem Abzug der Nazis aus Rom, während in Norditalien noch der Krieg tobt, zeigt Regisseur Roberto Rosselini die römische Seelenlage in bis dahin ungekanntem Realismus und Differenziertheit.

Weswegen der Film sowohl als Geburt des Neorealismus im Kino gilt wie als Gründungsmythos des modernen, republikanischen und antifaschistischen Italiens. Das Drehbuch, inspiriert durch tatsächliche Begebenheiten, stammt vom kommunistischen Drehbuchautor Sergio Amidei und dem katholischen Journalisten Alberto Consiglio sowie dem jungen Federico Fellini.

In Rom wie im gesamten besetzten Italien taten die Deutschen alles, was ihnen bis heute andauerndes Misstrauen einbrachte: Sie nahmen über 400.000 italienische Soldaten gefangen, steckten rund 130.000 in deutsche Internierungslager – und verübten Massaker, meist als Vergeltung für Partisanenanschläge.

Deutsche Gefangene am Strand von Anzio, südlich von Rom, im Februar 1944. Foto IMAGO / Everett Collection

Kaum vier Wochen nach ihrer Besetzung Roms trieben die Nazis am 16. Oktober 1943 gut 1.000 römische Juden zusammen und deportierten sie nach Auschwitz; nur 16 überlebten. Wie viele Hundert oder gar Tausend jüdische Italiener überleben konnten, weil sie in kirchlichen Häusern versteckt wurden, ist eine nach wie vor nicht ganz geklärte Frage. Wie auch das Verhalten Papst Pius’ XII. und sein Verhältnis zu den Deutschen. Spätestens seitdem sich der Bischof von Rom am 19. Juli 1943 nach einem alliierten Bombenangriff in das schwer getroffene Arbeiterviertel San Lorenzo begeben hatte, war er für die Römer ein Held.

Eine bis heute eiternde Wunde im italienisch-deutschen Verhältnis ist das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen am 24. März 1944. Wenige Hundert Meter neben den wichtigsten antik-christlichen Katakomben erschossen die Deutschen unter Leitung des Kommandeurs der Sicherheitspolizei, Herbert Kappler, 335 Zivilisten. Als Vergeltung für einen tags zuvor verübten Partisanenanschlag im römischen Zentrum, bei dem 33 Soldaten eines Südtiroler Regiments starben.

Kappler hatte sein Hauptquartier in der Via Tasso, inklusive eines Folterzentrums. In “Rom, offene Stadt” zeigt Rosselini wie ein Gefangener zu Tode gequält wird. Derweil geht nebenan der deutsche Verwaltungsapparat ungerührt weiter, während ein Offizier Zweifel am Herrenmenschentum der Nazis äussert. Sein Fazit: Der Krieg habe nur dazu geführt, dass das deutsche Volk von ganz Europa gehasst werde. Heute ist in der Via Tasso 145/155 das “Museo storico della Liberazione” untergebracht.

Nachdem alliierte Truppen im Frühjahr 1944 an der Küste südöstlich von Rom gelandet waren, ging der verlustreiche Kampf in Richtung Rom weiter. Die Ewige Stadt war vor allem als psychologisches Kriegsziel wichtig.

Um die vor Zerstörung zu schützen, warb der Papst mit Unterstützung einzelner Deutscher wie Ernst Freiherr von Weizsäcker dafür, Rom erneut zur offenen Stadt zu erklären. Generalfeldmarschall Albert Kesselring, oberster deutscher Kommandant in Italien, willigte ein und verliess mit deutschen Truppen Anfang Juni die Stadt. Am 4. Juni 1944 marschierten die Alliierten in Rom ein. Von einer grossenteils verelendeten und traumatisierten Bevölkerung wurden sie begeistert begrüsst.

KNA/rju/sba/aps

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