Doppeltes Tabu: Islamkritik und Antisemitismus

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"Pro-Palästinensische" Demonstration in Madrid am 21. Oktober 2023. Foto IMAGO / ZUMA Wire
"Pro-Palästinensische" Demonstration in Madrid am 21. Oktober 2023. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Kürzlich gab der Politikwissenschaftler und Islamologe Bassam Tibi der Nachrichten-Agentur KNA ein Interview. In Deutschland, so erklärte er, herrsche ein starker ideologischer Widerstand gegen die Erkenntnis vor, dass eine Gesellschaft eine klare Identität und Werteorientierung brauche, um Zugewanderte zu integrieren. Die Werte der Aufklärung würden nicht selbstbewusst vertreten. Deutschland arrangiere sich mit Polygamie und Kinderehen und nehme es hin, dass Streitigkeiten im Clan-Milieu von Friedensrichtern nach der Scharia geregelt würden.

Die Kritik trifft einen wunden Punkt im Verhältnis Westeuropas zum Islam. Es ist nicht nur so, dass linksdominierte Medien oder Politiker eine offene Gesellschaft mit offenen Grenzen und Anpassung des Westens an die Zugewanderten verwechseln. Sondern alle, die versuchen, den Islam mit den Werten der Aufklärung kritisch zu beurteilen, werden als islamophob aus dem Diskurs gedrängt.

Nach dem Massaker der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 hatte sich die mediale Grosswetterlage etwas verändert. Einzelne Stimmen wagten es, die religiöse Dimension der Gewalt zu thematisieren, in Abgrenzung zum Islam unter dem Begriff „Islamismus“. Inzwischen ist die Stimmung aber wieder mehrheitlich gegen Israel, weil das Land es wagt, seinen barbarischen Gegner auszuschalten. Und eine eigentliche Debatte über das Sonderproblem Islam wird nach wie vor verhindert. Das besondere Verhältnis des Islam zur Gewalt führt nicht zu islamkritischen Fragen, ob in den Medien, in der Politik oder an der Universität. Ist es aus Sicht des Propheten Mohammed und der klassischen Quellen des Islam, unabhängig von einzelnen Extremistengruppen, grundsätzlich erlaubt, den muslimischen Glauben gewaltsam zu verbreiten? Ist es aus Sicht des Propheten und der klassischen Quellen erlaubt oder sogar geboten, einen säkularen, nicht-muslimischen Rechtsstaat zu verachten und unterminieren? Wenn ja: was bedeutet das für die westliche Innen- und Aussenpolitik?

Diese Fragen sind Tabu. So wie auch der islamische Antisemitismus, der in Europa zunimmt. Lieber stellt man den «Islamismus» als Reaktion auf den westlichen Imperialismus und Rassismus dar. Ein wokes Narrativ, das die seit Jahrhunderten existierende Gewalt aus dem Islam jedoch nicht erklären kann, der selber imperialistisch ist und bereits Unterwerfungskriege führte, lange bevor es den Westen in der heutigen Form überhaupt gab. Auch der seit Jahrhunderten existierende Hass auf Juden kann damit nicht erklärt werden.

Mehr Polizei, Metalldetektoren und Integrationsbeauftragte sind nicht ausreichend

Gleichwohl wagt kaum ein Politiker öffentlich zu sagen, dass muslimische Terroristen nicht wegen Buddha, Jesus oder Karl Marx töten, sondern wegen Mohammed und Allah. Sie foltern, vergewaltigen, verbrennen und köpfen nicht Juden oder steuern Flugzeuge in Hochhäuser, weil der Westen es verpasst hat, ihnen bessere Territorien, Jobs und Wohnungen zu geben. Sie sprengen nicht Flughafenhallen und U-Bahnstationen, weil sie die sozialistische oder kapitalistische Weltherrschaft anstreben, sondern die islamische.

Warum ist es verboten, so etwas öffentlich zu sagen? Wieso werden die geistigen Grundlagen tabuisiert, die schon zum Tod von Zehntausenden von unschuldigen Zivilisten geführt haben? Will man Judenhass und Terror um keinen Preis im Islam verorten, um friedliche Muslime in Europa vor Diskriminierung zu schützen? Aber wollen friedliche Muslime, dass keine Aufklärung über die religiösen Grundlagen des Terrors betrieben wird? Haben sie kein Interesse an einer Reform des Islam im Sinne der Aufklärung und der Neuorientierung an den Menschenrechten?

Klar ist: Eine Gesellschaft, die nicht verstehen will, warum sie angegriffen wird und in welchem religiösen Denken der Hass gegen liberale Werte grossgezogen wird, kann sich nicht dagegen wappnen. Mehr Polizei, Metalldetektoren und Integrationsbeauftragte sind nicht ausreichend gegen einen Hass, zu dem die systematische Vernichtung aller Juden und die Verachtung der Freiheit gehört.

Es braucht eine ehrliche Debatte nicht zum „Islamismus“, sondern zum Islam. Es geht um die Sicherheit nicht nur von Israel, sondern von Millionen Menschen in Europa und den USA, die als friedliche, loyale Bürger leben und nicht mit ihrem Blut für die Ignoranz ihrer Regierung zahlen sollen. Es geht darum, eine Entwicklung zu verhindern, wie sie der Literatur-Nobelpreisträger Imre Kertész pessimistisch vorausgesagt hat. 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit, schrieb Kertész im Buch „Letzte Einkehr” (2015): «Europa wird bald wegen seines Liberalismus untergehen, der sich als kindlich und selbstmörderisch erwiesen hat (…) Es endet immer auf dieselbe Weise: Die Zivilisation erreicht eine Reifestufe, auf der sie nicht nur unfähig ist sich zu verteidigen, sondern auf der sie in scheinbar unverständlicher Weise ihren eigenen Feind anbetet.»

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (54) ist Schriftsteller und Kommunikationsberater und Mitglied im Stiftungsrat der Audiatur-Stiftung. Sein neuer Roman «Auschlöschung» (Fontis Verlag, 2024) handelt von Islamisten, die einen Kulturanlass in Berlin stürmen und den Terror live ins Internet streamen.

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2 Kommentare

  1. Es gibt eine wunderbare Satiresendung aus Israel. In diesen Beiträgen wird auch auf die Kraft des Geldes und der Korruption sowie auf den eklatanten Mangel an Bildung hingewiesen. Katar finanziert europäische Fussballmannschaften, Katar gehören dicke Aktienpakete der europäischen Schlüsselenergien und die Mehrheit oder die Masse der “Linken” glaubt tatsächlich, dass ein reaktionärer Gottesstaat mit Sklaverei und Frauenhass die bessere Alternative zu Europa wäre. Das ist so dämlich, dass sie alle eigentlich vor Dummheit umfallen müssten aber vermutlich hat diese Dummheit ein Niveau erreicht, in der sich sich darin verstecken können.

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