Ab wann fördert der Ruf nach Waffenstillstand Antisemitismus?

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Shruti Ganguly mit dem Wort "Waffenstillstand" auf ihrem Arm bei der 96. jährlichen Verleihung der Academy Awards in Los Angeles, Kalifornien, am Sonntag, 10. März 2024. Foto IMAGO / UPI Photo
Shruti Ganguly mit dem Wort "Waffenstillstand" auf ihrem Arm bei der 96. jährlichen Verleihung der Academy Awards in Los Angeles, Kalifornien, am Sonntag, 10. März 2024. Foto IMAGO / UPI Photo
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Je länger der Krieg gegen die Hamas dauert, desto populärer wird der Ruf nach Waffenstillstand. Politiker, Akademiker, Medienschaffende und Promis aus der Kulturszene, wie kürzlich an der Oscar-Verleihung, inszenieren sich als geschockte Pazifisten angesichts der Opfer des Krieges. Israel soll mit der Gewalt aufhören und Verhandlungen führen – statt mit der Antisemitismus-Keule jede Kritik an Israel zu delegitimieren.

Zur Klarstellung: Kritik an der Regierung Israels oder am Krieg muss jederzeit möglich sein, ohne sich als Antisemit beschimpfen lassen zu müssen. Auf der anderen Seite muss auch klar sein, wo Antisemitismus beginnt. Es muss klar sein, in welcher Weise Politiker, Medienschaffende und Kultur Promis, wenn sie nach Waffenstillstand rufen, eine israelfeindliche oder antisemitische Stimmung fördern.

Antiisraelismus und Judenhass lässt sich nicht nur schüren, wenn man antisemitische Sichtweisen äussert, sondern auch, wenn man wichtige Aspekte verschweigt oder ignoriert. Wer sich öffentlich zu diesem Krieg äussert und durch das Ausblenden relevanter Tatsachen den Eindruck erweckt, die Schuld an den menschlichen Kosten des Krieges liege hauptsächlich bei Israel (oder diese Kosten könnten zumindest von Israel minimiert werden), der fördert Antisemitismus. Relevante Tatsachen:

  • Die Hamas könnte jederzeit den Krieg beenden, wenn alle Geiseln freigelassen werden.
  • Israel hat am 21. November einem Waffenstillstand, der den Austausch aller am 7. Oktober entführten Geiseln und die Einstellung des Raketenbeschusses auf Israel durch die Hamas vorsah, zugestimmt. 15 Minuten nach Inkrafttreten des Waffenstillstands feuerte die Hamas Raketen auf Israel.
  • Die Hamas ist eine Terrororganisation, die Methoden gutheisst wie das Abschlachten von Babys, Massenvergewaltigung bis zum Tod, Verbrennung bei lebendigem Leib, Abschneiden von Brüsten, um damit Fussball zu spielen. Kein europäisches Land würde mit barbarischen Gruppen dieser Art «Verhandlungen» führen oder ein anderes europäisches Land zu Verhandlungen mit solchen Gruppen drängen.
  • Die Hamas ist Ursache dieses Krieges, den Israel nicht gesucht hat, nun aber führen muss, damit der Frieden in der Region wieder eine Chance hat.
  • Seit fast 20 Jahren stellt die Hamas im Gazastreifen die Regierung und wurde von der Mehrheit gewählt. Die Regierungsdoktrin ist festgelegt in der Gründungscharta, Artikel 11. Israel soll vernichtet werden, kein Frieden.
  • Ein Waffenstillstand mit Israel ist kein Ziel und war nie ein Ziel der Hamas.
  • In den letzten Jahrzehnten wurde den Palästinensern fünf Mal ein eigener Staat angeboten. Sie haben ihn stets abgelehnt, denn sie akzeptieren keinen jüdischen Staat.
  • Auf dem heutigen Gebiet Israels gab es in den letzten 3‘000 Jahren nur zwei unabhängige Staaten: beide waren jüdisch, und beide wurden von Invasoren zerstört. Es gab dort zu keiner Zeit einen arabischen oder muslimischen Staat.

Zusammenfassend: Wer für einen Waffenstillstand eintritt und öffentlich den Eindruck erweckt, Israel habe die moralische Pflicht und die realpolitische Macht, den Krieg zu beenden, der fördert Antisemitismus. Wer öffentlich den Eindruck erweckt, Israel könne den Judenhass auf der arabischen Seite besänftigen und sei, wenn der Hass fortdauert, im Grund selber schuld, der fördert Antisemitismus. Wer öffentlich verschweigt, dass die Hamas keinen Frieden will und der Krieg morgen vorbei sein könnte, wenn die Geiseln freigelassen werden, der fördert Antisemitismus.

Über Giuseppe Gracia

Giuseppe Gracia (54) ist Schriftsteller und Kommunikationsberater und Mitglied im Stiftungsrat der Audiatur-Stiftung. Sein neuer Roman «Auschlöschung» (Fontis Verlag, 2024) handelt von Islamisten, die einen Kulturanlass in Berlin stürmen und den Terror live ins Internet streamen.

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4 Kommentare

  1. Die unschuldigen Opfer auf beiden Seiten brauchen unser Mitgefühl. Die Hamas ist eine bestialische Organisation und muss vernichtet werden. Die Ultra rechtsextreme Regierung von Netanyahu , die keinen Frieden mit den Palästinensern will, muss abtreten.

  2. Giuseppe Gracia hat mit Vielem recht, mit seinem Hauptargument wahrscheinlich nicht. Denn Israel hat zwei deklarierte Hauptkriegsziele: Die Freilassung der Geiseln und die Vernichtung der Hamas. Und an diesem zweiten Ziel hat Israel bisher stets festgehalten (obwohl es bei vernünftigem Hinsehen illusorisch ist, weil die Häupter der Hamas eben nicht im Gazastreifen leben, sondern in Golfstaaten, von denen sie auch finanziert werden). Zudem ist die Vermutung, dass für Netanjahu die Freilassung der Geiseln ein nachrangiges Problem ist, nicht ganz aus der Luft gegriffen und auch in Israel weit verbreitet.

  3. Acht bedenkenswerte Bausteine zu Antworten auf propalästinensisch geführte Argumenta-tionen.

  4. Danke für diese sehr gute Zusammenfassung, die mir bei Diskussionen sehr hilfreich sein wird!

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