Israel an den Verhandlungstisch! tachles-Chef Kugelmanns Kumbaya-Plan für den Judenstaat

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Hamas-Führer Yahya Sinwar bei einer Kundgebung in Gaza-Stadt im Mai 2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Hamas-Führer Yahya Sinwar bei einer Kundgebung in Gaza-Stadt im Mai 2021. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Lesezeit: 4 Minuten

Israel müsse an den Verhandlungstisch, doziert tachles-Chefredaktor Yves Kugelmann in seinem letzten Editorial. Sein Text ist ein Paradebeispiel dafür, was passiert, wenn man seine Verblendung über alles stellt.

Ein Kommentar von Lukas Joos

«Ist Israel ein Kolonialstaat?», fragt Yves Kugelmann im Titel seines letzten tachles-Editorials. Diese Frage liesse sich mit fünf Anschlägen abschliessend beantworten («Nein.»). Kugelmann braucht elftausend. In seiner Überlänge dehnt er sich auf allerhand aus, unter anderem auf rostige Opel Corsas mit aufgelötetem Mercedesstern wie diesen:

«Das mit dem Katechismus-Verweis religiös aufgeladene Erinnerungskonzept steht einem solchen Projekt entgegen und konstruiert eine Ideologie, die das vielleicht gescheiterte Israel-Projekt in einen postkolonialen Kontext stellt, in dem es nie zu finden war, aus dem es aber durch diesen Diskurs nicht mehr herauskommt, wie der Zugriff vieler auf das Thema nicht auch zuletzt an der Documenta gezeigt hat.»

Was er hingegen nirgends fordert oder auch nur legitimiert, ist die Vernichtung der Hamas durch Israel. Und das ist entscheidend, denn er schliesst seinen Text wie folgt:

«Das Kolonie-Argument führt in eine wortreiche Sackgasse, welche die im Teilungsplan von 1947 beschlossene Zweitstaatenlösung negiert. Denn weder die Palästinenser noch die Israeli werden aus ihren Heimaten, aus Israel und Palästina verschwinden. Wenn die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schreibt, die Geiselnahme auch der unschuldigen Palästinenser, für deren Befreiung die Terroristen zu kämpfen behaupten, nimmt ihnen alles, was sie jemals erreichen könnten, dann ist auch klar: Nach der Barbarei gibt es keinen Ausweg, keinen Plan B, keine Alternative mehr [sic!] zum Verhandlungstisch.»

Geschmacks- und Tatsachen

«Sackgassen», die «Zweistaatenlösungen negieren», sind wie Elfriede Jelinek Geschmackssache. Eine Tatsache hingegen ist, dass man nur mit dem verhandeln kann, der das Sagen hat. Eine zweite Tatsache ist, dass in Gaza noch die Hamas das Sagen hat – und es haben wird, bis sie vernichtet ist. Eine dritte Tatsache ist, dass die Hamas auch nach dem 7. Oktober nicht das geringste Interesse an Koexistenz besitzt. Eine vierte Tatsache ist, dass – wie verschiedene Umfragen zeigen – grosse Teile der Palästinenser den genozidalen Judenhass der Hamas teilen. Eine fünfte und letzte Tatsache ist, dass es nur dann «keinen Ausweg, keinen Plan B, keine Alternative» gibt, wenn man ausserstande oder ungewillt ist, in Szenarien zu denken: Die Vorstellung, Israel sei nun gezwungen, mit antisemitischen Barbaren rumzureden, ist dementsprechend lächerlich.

Wie also kann Kugelmann auf die Idee kommen, ausgerechnet nach dem 7. Oktober habe der Judenstaat keine andere Option mehr als Verhandlungen?

Im Juli 1940 veröffentlichte Mahatma Gandhi einen «Rat an alle Briten». Für den Fall, dass Nazideutschland eine Invasion Grossbritanniens versuchte, riet er den Briten, keinen Widerstand zu leisten. Besser sei es, «Herr Hitler und Signor Mussolini einzuladen, zu nehmen, was sie wollen.» Und sollte es zum Äussersten kommen, dann sei wie folgt vorzugehen: «Lassen sie sich abschlachten, Mann, Frau und Kind, aber weigern Sie sich, den Treueid zu leisten.»

Non-violence first, survival second

So geistesgestört diese Ratschläge sind: Sie liefern keinen Grund zur Annahme, dass Gandhi die Briten hasste. Sie zeigen nur, dass Gandhi sein Steckenpferd des gewaltlosen Widerstandes über alles stellte. Den Briten gestand er so viel Raum zu, für ihr Überleben zu sorgen, wie das möglich war, ohne dieses Steckenpferd in Gefahr zu bringen.

Für Kugelmanns Verhandlungstisch-Plädoyer gilt dasselbe. Es kann nicht als Beleg dafür herangezogen werden, der tachles-Chef sei antijüdisch oder antiisraelisch eingestellt. Es zeigt nur, wie sehr er sich an eine schlaffe Kumbaya-Ideologie klammert, gemäss welcher «Gewalt noch nie ein Problem gelöst hat», der Gescheitere immer nachgibt und Kompromisse selbst mit denen möglich sind, deren Minimalziel die Ermordung der Gegenpartei ist. Hamas-Führer Yahya Sinwar gab Ende November zu Protokoll, der 7. Oktober sei nur eine Probe gewesen. Am Tag der Veröffentlichung von Kugelmanns Editorial gab es acht Raketenalarme in Israel. Aber der Judenstaat muss an den Verhandlungstisch, denn etwas anderes als Verhandlungstische darf es nicht geben.

Kugelmann ist nicht gegen Israel. Nur scheint es ihm nicht ganz so nahe zu sein wie sein Peacenik-Lebensgefühl. Wie Gandhi vor ihm verlangt er von der Realität, sich seinen Verblendungen anzupassen – und disqualifiziert sich damit als ernstzunehmende Stimme genauso sehr, wie der pseudoweise Inder das tat.

Lukas Joos ist Sicherheitsexperte und Kolumnist.

2 Kommentare

  1. He he… Gut geschrieben. Vielen Dank.
    „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
    Friedrich Schiller

  2. Gandhi hatte in seiner Zeit in Südafrika große Sympathien für faschistisches Gedankengut. Immerhin war er Brahmane und als solcher natürlich allen anderen überlegen. Auch seine nationalistischen Gedanken zeigen, dass er sich nicht wirklich von diesen Sympathien gelöst hat. Insofern sind seine Vorstellungen verständlicherweise äußerst seltsam.
    Bei Herrn Kugelmann scheint dagegen nicht angekommen zu sein, dass die Moslembrüderschaften der islamistische Zweig der NSDAP sind und daher Judenmord als wichtigsten Programmpunkt haben.

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