«Ein tapfrer Jud, gleich Wilhelm Tell»

Endlich wurden die Memoiren des Gustloff-Attentäters im deutschen Original veröffentlicht. Sie sind faszinierend.

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David Frankfurter. Foto Screenshot Cover "Ich tötete einen Nazi" Marix Verlag 2022
David Frankfurter. Foto Screenshot Cover "Ich tötete einen Nazi" Marix Verlag 2022
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Am 4. Februar 1936 kommt es in Davos zu einem der aufsehenerregendsten und bedeutsamsten Ereignisse der Schweizer Zwischenkriegsgeschichte. Der Rabbinersohn und Medizinstudent David Frankfurter erschiesst Wilhelm Gustloff, den höchsten Nazi-Kader in der Schweiz. Zehn Monate später wird Frankfurter von einem Bündner Gericht wegen Mordes zu achtzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Durch seinen Prozess erfährt die breite Schweizer Öffentlichkeit detailliert über die Entrechtung der Juden im Dritten Reich, was die nazifeindliche Haltung der Schweizer Mehrheitsgesellschaft verstärkt. 1945 wird Frankfurter begnadigt und lebenslänglich des Landes verwiesen. Er wandert nach Palästina aus.

In Palästina schreibt er in Zusammenarbeit mit einem deutschsprachigen Journalisten seine Memoiren nieder. Diese erscheinen sodann in hebräischer Übersetzung. Kürzere Ausschnitte werden ins Englische übertragen. Doch das deutsche Originalmanuskript bleibt der Öffentlichkeit jahrzehntelang vorenthalten. Mit der Publikation von «Ich tötete einen Nazi» hat sich das nun unlängst geändert.

Frankfurters Memoiren geben nicht nur einen faszinierenden Einblick in seine Persönlichkeit, seine Motive und die Rechtfertigung seiner Tat. Vielmehr bieten sie auch einen äusserst interessanten Blick auf den Sonderfall Schweiz kurz vor und während des Zweiten Weltkrieges. Die dicht und anschaulich geschriebenen Aufzeichnungen sind lesenswert für alle, die sich für die Geschichte des Judentums in der Schweiz, die Frage der moralischen Gewalt und/oder den Sonderfall Schweiz interessieren.

«Christliche Kameraden» und «jüdische Ehre»

David Frankfurter wird 1909 in Daruvar (heutiges Kroatien, damaliges Österreich-Ungarn) als Sohn eines Rabbiners geboren. 1916 erkrankt er an einer Knochenentzündung, an der er beinahe stirbt und die ihn immer wieder über längere Zeit ans Bett fesselt. In seiner sozialen Abgeschiedenheit verliert er sich in der Beschäftigung mit der Torah. Es kommt zu einer ausgeprägten Identifikation — oder vielleicht Überidentifikation — mit deren Heldenfiguren. Zeitlebens wird ihn der Schutz der «jüdischen Ehre» umtreiben, ein Begriff, der in seinen Aufzeichnungen zig Male vorkommt.

Bei all seiner Religiosität und seinem zuweilen dünnhäutigen Stolz geniesst Frankfurter aber auch den Umgang mit Nichtjuden und schätzt die bemerkenswerte religiöse Toleranz, inmitten derer er offenbar aufwächst. So schreibt er, mit seinen «christlichen Kameraden» sei er «aufs Beste ausgekommen». Über seinen Vater erfährt man, dass er Ehrengast bei katholischen Veranstaltungen gewesen sei und seinen Morgenspaziergang zusammen mit dem reformierten Pastor des Ortes absolviert habe.

Gegen «Kadavergehorsam» und «Führerprinzip»

Nach Abschluss des Gymnasiums geht Frankfurter 1930 nach Leipzig, um Zahnmedizin zu studieren. Die deutsche Mentalität, ihr «Kadavergehorsam» und ihr «Führerprinzip» widern ihn von Beginn weg an. Auch das deutsche Judentum, das er als matt, unterwürfig und kompromittiert empfindet, stösst ihn ab. An seiner Universität agitieren nazitreue Studentenbünde. Statt zu studieren besucht er Nazi-Anlässe, beschäftigt sich obsessiv mit Politik und wird wieder ernsthaft krank. Im Juli 1933 verlässt er Deutschland und reist nachhause.

Im Winter 33/34 immatrikuliert er sich an der Universität Bern, der alma mater seines Vaters. Im Gegensatz zu Deutschland mag er die Schweiz und die Schweizer überaus. Doch trotz günstiger äusserer Voraussetzungen kann er sich nicht mehr auf das Studium konzentrieren: «40 Zigaretten am Tag und Unmengen schwarzen Kaffees waren Symptome meiner gesteigerten Nervosität.» Zur dauernden Zeitungs- und Politlektüre kommt ein verstärktes Interesse an moralphilosophischen Fragestellungen.

Die «beiden kategorischen Imperative Gottes»

Monatelang schlägt er sich mit dem Dilemma zwischen «den beiden kategorischen Imperativen Gottes – nicht zu töten und doch das Böse zu vernichten» — herum. Um die Jahreswende 35/36 kommt es in einem Berner Café zu einem schicksalshaften Zufall: Ein jüdischer Mitstudent zeigt Frankfurter die kleine Pistole, die er sich gekauft hat, um sich vor Nazi-Schergen schützen zu können. Frankfurter erfährt, dass er in Bern weder Erwerbs- noch Tragschein braucht — dass beim Waffenkauf nicht einmal sein Name registriert wird.

Frankfurter realisiert sofort die staatspolitische und gesellschaftliche Tragweite dieser damaligen Schweizer Besonderheit (die heute weitgehend geleugnet beziehungsweise tabuisiert wird): «Für Menschen, die aus Deutschland kamen, war das geradezu unvorstellbar. Schon in der Vor-Hitler-Zeit war es dort nur mit einer von der Polizei ausgestellten Bescheinigung möglich, auf legalem Weg eine Waffe zu erwerben. Man musste bei der Behörde zuerst Dringlichkeit und eigene einwandfreie Führung nachweisen, um in den Besitz eines derartigen Dokumentes zu kommen. Hier, in der freien Schweiz, war von all diesen Komplikationen eines Polizeistaates gar nicht die Rede (…). Das ist alte schweizerische Tradition. Man denke nur etwa an Gottfried Kellers Novelle «Das Fähnlein der sieben Aufrechten», in welche[r] der Schneidermeister Hediger sein Gewehr als grösstes, unantastbares Heiligtum im Hause hütet.» Aber Frankfurter spürt auch: Wenn er sich bewaffnet, dann muss er handeln. Nach weiterem Grübeln kauft er sich schliesslich eine Taschenpistole aus dem spanischen Bürgerkrieg. Wenige Woche später reist er nach Davos.

David Frankfurter spricht auf einer Pressekonferenz in Tel Aviv anlässlich seiner Einwanderung nach Israel im Jahr 1945. Foto לא ידוע – תמונה זו נסרקה מחוברת “הגלגל” שיצאה לאור עד 1948., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12386935

Nach der Tat stellt er sich der Polizei. Während er auf seinen Prozess wartet, wird er psychologisch untersucht. Die Experten unterstellen ihm, der politische Mord sei eine Ersatzhandlung für den Selbstmord am Ende eines gescheiterten Lebens gewesen. Ohne ein Körnchen Wahrheit dürfte diese These nicht gewesen sein. Aus seinen Memoiren kann tatsächlich nicht geschlossen werden, dass er für seine Tat ein besonders glückliches oder gelungenes Leben hingab. Andererseits ist aber auch offensichtlich, dass Frankfurter mit seiner Überzeugung «Gegen Gewalt gibt es nur: Gewalt» in Bezug auf das Nazi-Regime richtig lag. Dementsprechend kann seine Tat auch als Zeugnis einer besonderen Bescheidenheit betrachtet werden: Wenn er nichts Besseres war als seine Mitmenschen, warum sollte gerade er von der Pflicht befreit sein, die nötige Gewalt gegen das Böse auszuüben und die daraus folgenden Konsequenzen zu tragen?

«Welch ein Unterschied zwischen dem Nazireich und der freien Schweiz»

So sehr Frankfurter die Deutschen anwidern, so zugetan ist er den Schweizern: «Welch ein Unterschied zwischen dem Nazireich und der freien Schweiz! Der einfache Mann auf der Strasse war hier wirklich Demokrat, gewohnt [,] in Fragen des Staates und der Gesellschaft nicht nur selbst mitzudenken, sondern auch geradeheraus mitzureden.» Mit seinen ersten Vermietern, der «urschweizerischen Familie von Känel», jasst er und geht auf Wanderungen. Seine zweite und letzte Vermieterin, «eine gläubige Protestantin» namens Linny Steffen, wird ihm zur «schwesterlichen Freundin»

Frankfurter identifiziert sich derart mit der Schweiz, dass ihm ihr Schutz vor dem Nazi-Regime zu einem zusätzlichen Motiv für seine Tat wird: «Zu den beiden treibenden Motiven, die geschändete jüdische Ehre wieder zu retten und der Welt ein Fanal zu geben, gestellte sich nun noch ein drittes: Ich wollte die freie Schweiz, die mir Gastrecht gewährte und in der ich wahrhaft demokratische Menschen kennen gelernt hatte, vor dem Schicksal der Nazifizierung und von der endlichen Einverleibung ins Nazi-Höllen-Reich bewahren.» Er sieht Parallelen zwischen dem Schicksal der Schweizer und dem der Juden: «Überall in der Geschichte der Juden und der Griechen, der Schweizer, der Serben und der anderen freien Völker zeigte sich die Unabweisbarkeit der Gewalttat gegen die allzu freche Gewalt.» Als er von Bern nach Davos fährt, um seine Tat auszuführen, beginnt ein Kondukteur ein Gespräch über Nazideutschland mit ihm. Der Bahnangestellte entpuppt sich als dezidierter Nazigegner. Seine Worte erscheinen Frankfurter nicht nur als Stimme des Schweizer Volkes, sondern auch als Stimme Gottes.

«Hoch klingt das Lied vom braven Mann»

Als Frankfurter sich nach der Tat der Polizei stellt, ist er überrascht über die «Korrektheit und Höflichkeit», ja die «offene Sympathie» der Beamten. Sie legen ihm nicht einmal Handschellen an. Als er 1940 vom Gefängnis Chur ins Gefängnis Orbe verlegt wird, lädt ihn der für seinen Transport verantwortliche Polizist im Bahnhofsrestaurant Yverdon zu einem Mittagessen und einer Flasche Wein ein, «um auf eine frohere Zukunft anzustossen». Er lässt Frankfurter unbewacht, ungefesselt und in Zivilkleidung am Tisch, als er auf die Toilette geht.

Während Frankfurter auf seinen Prozess wartet, erhält er immer wieder «Blumen und Konfekt» in die Zelle. Der Prozess selbst führt zu zahllosen Briefen, in denen ihm Sympathie und Solidarität bekundet wird. Ein im Staatsarchiv Graubünden erhaltenes Gedicht an ihn beginnt mit den Zeilen: «Hoch klingt das Lied vom braven Mann, / Der uns befreit’ von dem Tyrann, / Ein tapfrer Jud, gleich Wilhelm Tell, / Macht ganze Arbeit auf der Stell’». Schon vor seiner Tat vermutet Frankfurter mit einer gewissen Bitterkeit, die Schweizer würden ihn «vielleicht vorbehaltloser verstehen als die Mehrzahl meiner eigenen jüdischen Brüder, deren Empfinden durch die Jahrhunderte der Galut verbogen worden war.» Als die Nazis Polen überfallen, bittet er den Regierungsrat, im Fall der Fälle im aktiven Widerstand sterben zu dürfen, etwa auf einer Mission zur Sprengung von Brücken. Seine ehemalige Vermieterin gründet derweil mit gemeinsamen Bekannten die Widerstandsgruppe «David Frankfurter», die sich bewaffnet und auf eine deutsche Invasion vorbereitet.

Nicht ohne Tiefpunkte

Während Frankfurter in vielen Passagen geradezu schwärmerisch über die Schweiz schreibt, scheint er sie dennoch nicht zu idealisieren. Über den Bundesrat, der gegen die Nazi-Aktivitäten in der Schweiz nicht durchgreift, äussert er sich genauso scharf wie über nazifreundliche, antisemitische oder einfach nur selbstherrliche Behördenmitglieder, mit denen er über die Jahre in Kontakt kommt. Tiefpunkte gibt es einige: ein Gefängnisverwalter etwa, der ihm Kontakt zu seinem Anwalt verweigert (und den er darauf mit Fäusten traktiert); ein christlich-missionarischer Wärter, der ihn nach einem gescheiterten Bekehrungsversuch als «schlimmsten Saujuden» beschimpft und drangsaliert (und gegen den der Bündner Regierungsrat erst etwas unternimmt, als Frankfurter in den Hungerstreik tritt); ein Bündner Polizeikommandant, der jüdischen Flüchtlingen droht, er werde sie wieder über die Grenze schaffen lassen, wenn sie Frankfurter ein Geschenk zukommen liessen…

Ein Schild über David Frankfurter in der Frankfurter Strasse in Petach Tikwa, wenige Kilometer östlich von Tel Aviv. Foto Avi1111 Dr. Avishai Teicher, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67116821

Volle Churer Strassen

Nichtsdestotrotz wird Frankfurters Sympathie für die Schweiz von einem sehr wesentlichen Teil der Schweizer Gesellschaft erwidert worden sein. Als er anfangs Juni 1945 aus dem Churer Gefängnis entlassen wird, weisen ihn die Behörden an, sich auf direktem Weg zum Bahnhof zu begeben und abzureisen. Der Grund: Die Strassen sind voll von Leuten, die ihm applaudieren und viel Glück wünschen wollen. Weil Frankfurter trotz seiner Religiosität Sympathien für den Sozialismus hat, befürchtet die Stadtregierung, linke Organisationen könnten eine Art sozialistisches Volksfest veranstalten, wenn er im Ort bliebe.

1969 hebt die Bündner Regierung den Landesverweis auf. Von da kehrt Frankfurter mehrmals in die Schweiz zurück. Sein allererster Besuch gilt dem Ehepaar Tuena: jenem Gefängnisverwalter, den er dreissig Jahre zuvor an eine Zellenwand schleuderte («Es hat nicht immer harmoniert zwischen uns»), und seiner Frau, deren «Güte mir über die düstersten Stunden hinweggeholfen hat.»

Epilog: Vom Sonderfall zum Sonderfällchen?

Die Schweiz der Dreissiger- und Vierzigerjahre war keine Schweiz von Engeln. Das zeigen Frankfurters Memoiren unzweideutig. Genauso klar belegen sie aber auch, dass die damalige Schweizer Mentalität nicht einfach eine Light-Version der nazideutschen war. Im Gegenteil: Es bestand ein offensichtlicher, grundsätzlicher Unterschied, und zwar der Unterschied zwischen Zivilisation (egal, wie imperfekt sie gewesen sein mag) und Barbarei.  

Ob die Schweizer von heute noch dieselbe Kraft hätten, gegenüber einem übermächtigen Totalitarismus auf ihrem Anti-Totalitarismus zu bestehen? Dass diese Frage weder auf der linken noch auf der rechten Seite des politischen Spektrums gross diskutiert wird, dürfte die Antwort mehr oder weniger vorwegnehmen.

David Frankfurter: "Ich tötete einen Nazi" (erzählt und bearbeitet von Schalom Ben-Chorin); ISBN 978-3-7374-1202-5, Matrix Verlag, Wiesbaden 04.10.2022, 320 Seiten

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