Wolffsohn: Holocaust-Gedenken geht auch Migranten etwas an

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Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert
Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert
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Der Historiker Michael Wolffsohn fordert ein Ende der herkömmlichen deutschen „Erinnerungskultur“ an den Holocaust. Angesichts der demografischen Entwicklung – immer mehr Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund – mahnt er in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Montag) zu einer neuen Form des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, das auch Zuwanderer und ihre Nachkommen einbezieht.

Bislang sei dieses Gedenken „ausschliesslich germanozentrisch“, richte sich also nur an die Nachfahren der damaligen Deutschen. Damit grenzten die „Volkserzieher“ zum einen Menschen nichtdeutscher Herkunft aus, so der deutsch-jüdische Historiker, der an der Universität der Bundeswehr in München lehrt. „Das ‚Ihr habt damit nichts zu tun‘ enthält zugleich eine zweite Dimension, nämlich diese: ‚Ihr gehört nicht zum deutschen Wir.‘ Zu jedem Wir einer Gesellschaft gehört nun einmal nicht nur ihre Schokoladenseite.“ Es sei kein Wunder, dass sich die neudeutschen Bevölkerungsgruppen mit einem ‚Geht mich nichts an‘ abwenden'“.

Zum anderen gehört es nach Wolffsohn auch zur Wahrheit, dass die Täter des Holocaust in vielen deutsch besetzten Ländern und im Nahen Osten Komplizen fanden – Ländern, aus denen heute viele Migranten stammen. „Führende arabische und islamische Akteure haben mit Hitler-Deutschland freiwillig kooperiert. Etwa der Judenhasser und -bekrieger Amin el-Husseini, Grossmufti von Jerusalem.“ Auch unter Polen, Balten, Ukrainern und Weissrussen habe es viele Kollaborateure gegeben. „Zweifellos kam der Tod aus Deutschland, doch er hatte im Herrschaftsgebiet der Wehrmacht, mit Ausnahme der jüdischen Opfer, zahlreiche willige Gesellen.“ Der Holocaust gehe deshalb „auch die meisten Neudeutschen sehr wohl und mehr als nur etwas an“.

Darüber hinaus kritisiert Wolffsohn in seinem Beitrag die Erinnerungsrituale in Deutschland als versteinert und abstrakt. Schon der Begriff „Erinnerungskultur“ passe nicht, weil sich die meisten als Nachgeborene gar nicht „erinnern“ könnten. „Sie ist mehr inflationiertes Ritual als Kultur und hat deshalb jeglichen Respekt verloren.“ Wer hierzu den „Schlussstrich“ verlange, gehöre daher keineswegs automatisch zur Gruppe der Ewiggestrigen oder Unbelehrbaren.

KNA/mit

1 Kommentar

  1. Den Einbezug von Kollaboration und Kooperation mit Faschisten und rechtskonservativen hätten wir vor Jahrzehnten herstellen können und müssen. Jede Chance wird aber durch den Beschluss des Bundestag zum 130 Meinungsfreiheit und die Resolution, in der die Hungerkatastrophe politisch instrumentalisiert wird, vertan. Hier warte ich noch immer auf Protest von Herrn Wolfssohn.

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