Die Notwendigkeit des Holocaust-Gedenkens – aber wie erinnern?

Darüber, wie an die Schoah-Opfer erinnert werden soll, scheiden sich mitunter die Geister. Auch daran, wie das Gedenken nach dem Tod der Zeitzeugen aussehen kann. Aspekte einer Debatte - und ein Blick aus Israel darauf.

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8. November 2018, Berlin: Gedenken an die Reichspogromnacht. Foto IMAGO / IPON
8. November 2018, Berlin: Gedenken an die Reichspogromnacht. Foto IMAGO / IPON
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Wie wird in Deutschland an die Opfer des Holocaust erinnert? Und ist die Art und Weise angemessen? Diese und ähnliche Fragen treiben Menschen immer wieder um, unter anderem zum 9. November, dem Jahrestag der gegen Jüdinnen und Juden gerichteten NS-Novemberpogrome von 1938. Damals wurden nach unterschiedlichen Schätzungen im damaligen Reichsgebiet bis zu 1.300 Menschen getötet oder in den Suizid getrieben. Die Nazis verschleppten ausserdem rund 30.000 Juden in Lager. Hinzu kamen zerstörte oder verwüstete Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe.

von Leticia Witte

Die Debatte über die Erinnerungskultur hat mehrere Aspekte. So gibt es Stimmen, die das Gedenken als richtig und notwendig erachten, aber die Art und Weise als zu routiniert kritisieren: zu viele offizielle immergleiche Worte, die abseits von Gedenktagen angesichts von gegenwärtigem Antisemitismus und Gewalt wenig bewirkten. Moniert wird mitunter auch ein mangelnder Einbezug jüdischer Perspektiven – und dass Jüdinnen und Juden ausschliesslich auf eine Opferrolle reduziert würden, ohne ihr Leben und Wirken in der Gegenwart zu betrachten.

So richtet etwa der Historiker Michael Wolffsohn in der aktuellen Ausgabe der „Jüdischen Allgemeinen“ folgende Bitte an Politiker und Gesellschaft: „nie wieder ‚Nie wieder!‘ hinausposaunen, sondern statt schöner Worte endlich einmal wirksame Taten“. Der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, Maram Stern, warnte in der „Zeit“, dass das Gedenken nicht ausreiche, um vor neuen Katastrophen zu bewahren.

Ein anderer Aspekt ist, dass hochbetagte Überlebende nicht mehr lange über auseinandergerissene Familien, Flucht, Folter und Tod berichten können. Künftig wird dies vermittelt geschehen müssen: indem Jüngere Erzählungen weitertragen, Interviews mit Zeitzeuginnen und -zeugen in Datenbanken zur Verfügung stehen oder über Hologramme. Dabei beantworten 3D-Projektionen von interviewten Überlebenden, einem Algorithmus folgend, Fragen.

Gerade letzteres Unterfangen stösst durchaus auf Widerstand: „Ich bin entschieden dagegen, dass gleichsam digitale Gespenster als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Geschichte ist Geschichte, und man kann das Geschehene nicht elektronisch wieder auferstehen lassen“, sagte der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Wenn es um eine mediale Vermittlung gehe, könne er sich Filme wie Claude Lanzmanns „Shoah“, in dem Überlebende zu Wort kommen, sehr viel besser vorstellen.

Und Brumlik setzt auf gut vor- und nachbereitete Pflichtbesuche in KZ-Gedenkstätten. „Was mich bisher am meisten überzeugt hat, ist, wenn es gelingt, Jugendlichen die Lebensgeschichten von Insassen der Lager nahezubringen, und sie diese nachvollziehen können.“ So, wie es auch die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem praktiziert, indem dort Geschichte auch über Einzelschicksale vermittelt wird.

Dazu sagt Uriel Kashi, der an der Internationalen Schule für Holocaust-Studien in Yad Vashem mehrere Jahre für die Fortbildung von Lehrkräften zuständig war, der KNA: Die Beschäftigung mit Zeitzeugenberichten sei in den Jahren nach der Staatsgründung Israels zunächst eine Überforderung für den jungen jüdischen Staat gewesen. Denn auch in Israel habe es nach dem Zweiten Weltkrieg unter Eingewanderten eine „Zeit des Schweigens“ gegeben: Ihnen sei vonseiten der bereits im Land lebenden Juden suggeriert worden, man solle nach vorne schauen, den Staat aufbauen und gegebenenfalls verteidigen.

Ein Wendepunkt sei der Eichmannprozess gewesen, in dem Überlebende erstmals öffentlich von ihren traumatischen Erlebnissen erzählten. Auch der für Israel siegreiche Sechs-Tage-Krieg 1967 habe der Gesellschaft Selbstbewusstsein und Kraft gegeben, sich individuellen Geschichten von Holocaust-Überlebenden zuzuwenden, so Kashi.

Und wie blickt der in Jerusalem lebende Pädagoge und Historiker auf die Debatte in Deutschland? „Obwohl das Holocaustgedenken vielen Menschen ein ehrliches Anliegen ist, ist es Deutschland in den letzten Jahrzehnten kaum wirklich gelungen, eine eigene Sprache der Erinnerung zu finden.“ Der Holocaustgedenktag spiele zwar auf politischer Ebene eine Rolle, für die meisten Menschen unterscheide er sich jedoch nicht von anderen Tagen im Jahr. Schulklassen, die Gedenkstätten besuchten, seien zwar inhaltlich an den Geschehnissen interessiert. Vorschläge, den Besuch mit einer Gedenkzeremonie zu verbinden, löse aber oft Unbehagen aus.

KNA/lwi/joh

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