Die Ukraine mit Flugabwehrsystemen ausstatten? Moment mal!

Israel sollte, bevor es Partei ergreift, die Situation der Juden in der Ukraine und in Russland berücksichtigen

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Der israelische Premierminister Yair Lapid spricht mit Generalleutnant Aviv Koschawi, Generalstabschef der israelischen Verteidigungskräfte. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Der israelische Premierminister Yair Lapid spricht mit Generalleutnant Aviv Koschawi, Generalstabschef der israelischen Verteidigungskräfte. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Lesezeit: 4 Minuten

Soll Israel sich mit dem Westen verbünden und die Ukraine im Kampf gegen die laufende russische Invasion unterstützen? Oder soll Israel neutral bleiben, weil es sich mit Russland in Syrien abstimmen muss, um Israels Nordgrenze zu verteidigen? Die wahrscheinlich wichtigste Frage ist jedoch, soll Israel bei seiner Entscheidung die Situation der Juden und Israels in der Ukraine und in Russland mitberücksichtigen?

von Gary Schiff

Die Ukraine hat, gelinde gesagt, eine problematische Bilanz in Bezug auf das jüdische Volk und Israel. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Viertel der im Holocaust ermordeten Juden innerhalb der heutigen Grenzen der Ukraine umgebracht, viele von ihnen durch einzelne ukrainische Bürger. Darunter waren etwa 1,5 Millionen Juden, die im so genannten „Kugelholocaust“ ermordet wurden. Das Massaker von Babi Yar – die Ermordung von 33.000 Juden in einer einzigen Schlucht in der Nähe von Kiew – wurde von den Nazis in Zusammenarbeit mit Ukrainern durchgeführt.

Dies war nicht das erste Mal, dass Ukrainer an der Massentötung von Juden beteiligt waren. Einige hundert Jahre zuvor hatte der ukrainische Kosakenführer Bohdan Chmelnyzkij versucht, das ganze Land von seiner jüdischen Bevölkerung zu befreien, indem er Zehntausende ermordete.

Wie sieht es heute aus? Die jüdischen Weisen vertraten die Ansicht, dass man Kinder nicht für die Sünden ihrer Eltern verantwortlich machen sollte, vor allem, wenn diese Kinder ihre Einstellung geändert haben. Empfindet die Ukraine eine Art nationale Reue über ihr Verhalten gegenüber den Juden? Laut der weltweiten Antisemitismus-Studie 2019 der Anti-Defamation League steht die Ukraine an der Spitze der antisemitischen Länder, wobei fast die Hälfte der Bevölkerung (46 %) eine antijüdische Einstellung hat. Dieser Prozentsatz nimmt zu. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 15 % und die USA bei 10 %.

Ausserdem hat die Ukraine heute eine offiziell genehmigte Brigade in ihren Streitkräften, die Armbänder mit Hakenkreuz ähnlichen Zeichen trug. Eine Statue von Bohdan Chmelnyzkij hat einen Ehrenplatz in Kiew und ein grosser Boulevard ist nach ihm benannt.

Hat die Ukraine möglicherweise beschlossen, sich mit seinen historischen Verbrechen auseinanderzusetzen, indem es jetzt Israel unterstützt? Leider nein. Die Ukraine hat bei 95 von 122 Resolutionen der Vereinten Nationen für die Feinde Israels gestimmt. Kürzlich stimmte das Land für eine Resolution, in der Israel dafür kritisiert wurde, sich gegen den Raketenbeschuss der Hamas zu verteidigen. Gleichzeitig verlangte die Ukraine, dass Israel dem Land in seinem Krieg mit Russland intensiver hilft.

Was ist mit Russlands Verbrechen an den Juden? Vor etwas mehr als einem Jahrhundert lebten fast drei Viertel des Weltjudentums im damaligen Russischen Reich. Aufgrund von Pogromen unter den Zaren und der Vertreibung der Juden in sibirische Lager unter den Sowjets waren Millionen von Juden gezwungen, ihr Land zu verlassen, ihren Glauben aufzugeben oder ermordet zu werden. Aus jüdischer Sicht ist Russlands einzige rettende Gnade, dass es zumindest geholfen hat, die Nazis zu besiegen.

Nach Angaben der ADL hat heutzutage jeder dritte Russe (31 %) eine antisemitische Einstellung. Was Israel betrifft, so ist die Bilanz – abgesehen von Russlands UN-Stimme für die Gründung eines jüdischen Staates – nicht besonders positiv. In der Tat liefert Russland weiterhin umfangreiche Rüstungsgüter an Israels Feinde und stimmt in der UNO praktisch nie für Israel.

Sollte also Israel ein Land mit einer langen Geschichte von antijüdischen Gräueltaten unterstützen, in dem die Hälfte der Bevölkerung antisemitisch ist und dessen Regierung Israels Feinde unterstützt? Oder sollte Israel ein Land mit einer langen Geschichte antijüdischer Gräueltaten unterstützen, in dem ein Drittel der Bevölkerung antisemitisch ist und dessen Regierung die Feinde Israels unterstützt?

Vielleicht ist die einzige mögliche Antwort: keine Antwort. Dies könnte eine gute Gelegenheit für Israel sein, weiterhin das zu tun, was es am besten kann: Helfen, wo es aus humanitärer Sicht kann, und sich aus den politischen Auseinandersetzungen heraushalten. Es könnte auch eine Gelegenheit sein, sowohl der Ukraine als auch Russland unter vier Augen oder öffentlich mitzuteilen, warum das Land nicht Partei ergreift, und ihnen zu vermitteln, dass wir erwarten, dass sich die Einstellung ihrer Völker gegenüber den Juden und ihre Unterstützung für den jüdischen Staat bessert.

Gary Schiff lebt in Israel lebt und schreibt unter anderem für den „American Thinker“ und die „Times of Israel“. Er lebt mit seiner Familie im östlichen Teil Jerusalems, der an mehrere arabische Dörfer grenzt. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

10 Kommentare

  1. Wie immer kommt von den Putin-Fans (diesmal „Johannes“) kein Wort der Kritik am Schurkenstaat Russland. Dafür viel Propaganda-Sprech von einer angeblich „monatelangen Hetze deutscher Politiker und der EU-Spitze“, ergänzt um den grammatikalischen Rohrkrepierer einer „kriegslüsternden [sic!] Uschi [sic!] vd Leyen“.

    Nicht fehlen dürfen abschließende billige Tipps zu einer „Verhandlungslösung“. Wie eine solche jedoch mit einem Kriegsverbrecher wie Putin dauerhaft aussehen könnte, der sich nur nach Lust und Laune an Verträge hält, darüber schweigt der Schreiber.

  2. Ein ausgewogener Beitrag von Gary Schiff!

    Für ISRAEL ist eine Entscheidung problematisch. Sie könnte sich erübrigen, wenn Deutschland und die EU mit der kriegslüsternden Uschi vd Leyen endlich zur Vernunft zurückkehrten: Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine, die Deutschland zu einem Kriegsteilnehmer werden ließen und einen atomaren Schlag Russlands auslösen könnte.
    Heute hat der sächsische CDU-Ministerpräsident Kretschmer (Sachsen) endlich öffentlich gefordert: Schluss mit dem Krieg und Beginn mit Verhandlungen, die eine annehmbare und dauerhafte dauerhafte Lösung des Konflikts bringen.

    Dann sollte Deutschland auch wieder in vollem Umfang preisgünstiges Gas aus Russland beziehen!

    Nach der monatelangen Hetze deutscher Politiker und der EU-Spitze (u.a. vdL, Stoltenberg) gegen Russland, sollte nun zur Tat geschritten werden, nachdem gerade auch für Deutschland durch völlig falsche links-grüne Politik unter schweigender Begleitung der CDU eine prekäre Situation entstanden ist.

    Dabei könnte folgender Weg eingeschlagen werden:
    Waffenstillstand (evtl. Überwachung durch UN), Friedensverhandlungen, hinsichtlich umstrittener Gebiete Volksabstimmungen über zukünftige Zugehörigkeit, Aufbau freundschaftlicher Beziehungen (das war sogar nach dem II. WK möglich!) durch vertrauensbildende Maßnahmen, Wiederaufbauhilfe sowohl an Ukraine als auch an Russland, Wiederherstellung der Gasleitungen und ungestörte Belieferung an die früheren Abnehmer, normale wirtschaftliche Beziehungen, Verzicht der Ukraine auf eine Mitgliedschaft in der NATO, Mitgliedschaft in der EU höchstens als assoziiertes Mitglied (also keine Vollmitgliedschaft), gleiches sollte auch Russland angeboten werden.
    Die EU bedarf dringend einer neuen Führungsspitze, die eine neue Politik des Friedens und der Versöhnung vorantreibt.

    ISRAEL ist in eine solche Politik mit einzubinden und wäre damit auch der anfangs geschilderten Problematik enthoben.

  3. Ja, es stimmt: Ukraine hat in der UNO in der Vergangenheit immer wieder gegen Israel gestimmt. Das ist ekelhaft. Hat Deutschland übrigens auch – CDU, Grüne und vor allem die SPD hatten da nie Skrupel.

    Und Russland? Wann hat Russland zuletzt in der UNO für Israel gestimmt? Da schweigen die Putin-Fans, genau wie sie zu der Wagner-Gruppe schweigen. Bei deren Chef schauen die SS-Runen bekanntlich schon zum Hemdkragen heraus. Anlass zur Kritik? Wieder schweigen die Russland-Hörigen, lieber verweisen sie auf judenfeindliche Exzesse in der Ukraine während des Zweiten Weltkrieges.

    Nein, es gibt nichts zu beschönigen am Antisemitismus in Ukraines Vergangenheit. Dennoch ist der heutige Präsident Selensky ein Jude, der aus dieser Tatsache kein Hehl macht.

    Tatsache heute ist: Die Ukraine wurde von einem faschistoiden Aggressor namens Russland überfallen. Deren Standardstrategie, gezielt die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, ist bislang voll aufgegangen. Die Ukraine sollte von Israel baldmöglichst mit Defensivwaffen ausgestattet werden, die dafür sorgen, dass es unter Zivilisten weniger Tode gibt. Und noch ein Gesichtspunkt: Dem zweifellos noch vorhandenen Antisemitismus in der Ukraine (wo gibt es ihn eigentlich nicht?) könnte damit ganz nebenbei ein nachhaltiger Schlag versetzt werden.

    Israel sollte das Gesetz des Handelns in die Hand nehmen und sich dabei von strategischen UND humanitären Erwägungen leiten lassen.

  4. Keine Waffenlieferungen irgendwelcher Art sind für Israel im Fall Ukraine das Einzig Richtige und bezüglich offiziell in Emblemen ausgedrücktem Antisemitismus ist die Ukraine im Ranking sowieso vor Russland und den tief verwurzelten individuellen Antisemitismus als Entscheidungsgrund beiziehen zu wollen, ist untauglich. Israel’s Priorität sollte die mit dem Abraham-Abkommen eingeläutete Annäherung der arabischen Staaten sein und wer anders als Russland hält da wohl das Störfeuer von Hisbollah in Grenzen durch Carte blanche an Israel’s Luftwaffe über Syirien und wer anders als die EU schwacht durch verdeckte Unterstützung von illegaler Landnahme durch die PA Israel’s Handlungsfreiheit bzw gibt der BDS ungehinderten Zugang für die Hetze?
    Und wer wird wohl Israel je Danke sagen, wenn der Krieg durch Irondome noch etwas verlängert wird? Aber all diese Antworten sollte jeder Jude eigentlich schon kennen, oder ???

  5. Der erste vernünftige Kommentar, den ich im jüdischen Umfeld und darüber hinaus zu diesem Thema gelesen habe! Der Herr Selensky, der weitgehend im Alleingang und zu Gunsten der USA handelt, sollte nicht – wie dies auch in der BRD geschieht – reflexhaft aufs Gutmenschen/Sieger Podest gestellt werden. Ich erinnere nur an den unsäglichen „David“ (Selensky) gegen den russischen „Goliath“ Vergleich in einem Kommentar (WELT), der auf nichts anderem als Denkfaulheit beruht: es ist bequemer die „Hitler“ der Vergangenheit heranzuziehen, als selbst über die vielfältigen Ursachen aktueller politischer Konflikte etc. nachzudenken !

  6. Es geht im Artikel nicht um „Rache“, sondern um eine objektive Beurteilung, wie Israel auf die Anfrage um militärische Hilfe reagieren sollte. Statistiken sind immer problematisch und zeigen oft eine verzerrte Sicht der Dinge. Fakt aber ist, dass es in der Ukraine einen gewaltigen Antisemitismus und Korruptionsproblem gibt. Der gewählte Präsident Wolodymyr Selenskyj ist einziges Sprachrohr ohne Mitwirkung des Parlamentes. Israel leistet weltweit eine sehr effiziente humanitäre Hilfe, dies wird medial fast nie erwähnt. Der eingeschlagene Weg von Israel als Friedensstifter und Linderer menschlicher Not, ist der richtige Weg.

  7. Dies ist eine merkwürdige Bewertung einer lebensbedrohlichen Notsituation, an sich flankiert vom Völkerrecht gestützten Recht auf Selbstverteidigung. Kein Wort von der Völkerrechtswidrigkeit des Krieges Putins, der inzwischen Ursache für mehr als 100 000 Tote – ukrainische wie russische – geworden ist. Nirgendwo ein Ausdruck der Empathie für das Leid auf ukrainischer Seite. Nichts weiter als eine Aufrechnung irgendwelcher unbewältigter historischer Vorgänge. Hilfeverweigerung aus Rachsucht? Eine von Israel verhängte Kollektivstrafe für ein ganzes Volk, deren Strafmaß der Tod sein soll? Nein, ich will nicht übersehen, dass es in diesem Artikel immerhin zum Angebot der Hilfe für humanes Sterben gereicht hat. Ich will auch nicht übersehen, dass ein Drittel der Bevölkerung der Ukraine der Behauptung in dem Artikel nach antisemitisch sein soll. Was aber ist mit den anderen beiden Dritteln? Die haben dann wohl nur in einem Anfall von Vergesslichkeit gegenüber der angeblich antisemitischen Grundhaltung des Staates den jüdischen Mitbürger Wolodymyr Selenskyj zum Staatspräsidenten gewählt.

  8. Ich finde es nur richtig, das Israel weder die Ukraine noch Russland militärisch unterstützen will. Humanitäre Hilfe, ja.

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