Wie die iranische Bedrohung zu verstehen ist

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Iranische Demonstrantinnen halten Porträts von Irans Oberstem Führer Ayatollah Ali Khamenei während einer Anti-Israel-Demonstration in der Teheraner Innenstadt am 9. August 2022. Foto IMAGO / NurPhoto
Iranische Demonstrantinnen halten Porträts von Irans Oberstem Führer Ayatollah Ali Khamenei während einer Anti-Israel-Demonstration in der Teheraner Innenstadt am 9. August 2022. Foto IMAGO / NurPhoto
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In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg gab es nur wenige Stimmen, die bereit waren, öffentlich Stellung zum Ausmass der Herausforderung zu beziehen, die der Welt bevorstand. Die berühmteste britische Stimme war natürlich Winston Churchill, der in dem Jahrzehnt, bevor er Premierminister wurde, im britischen Parlament mit den neuesten Daten über Deutschlands militärische Aufrüstung auftrat, die sogar mit den Informationen des britischen Kabinetts konkurrierten.

von Dore Gold

In den 1930er Jahren floss ein Grossteil dieses Materials nach Chartwell, Churchills Landsitz, wo er sich mit britischen Offizieren, Beamten und Diplomaten traf. Er war mit Informationen über das Wachstum der deutschen Luftstreitkräfte und die Anschaffung neuer U-Boote ausgestattet, die die Überlegenheit der britischen Marine untergraben könnten. Churchills Vermächtnis ist heute aktueller denn je. Am vergangenen Wochenende gab ein israelischer F-35-Pilot, der nur als Oberst „T.“ bekannt ist, der israelischen Zeitung „Israel Hayom“ ein Interview, in dem er seine Analyse der aktuellen iranischen Militäraufrüstung offenlegte.

Normalerweise konzentrierten sich Offizielle, die zu Wort kommen durften, auf das iranische Atomprogramm oder alternativ auf die Unterstützung schiitischer Terrormilizen im gesamten Nahen Osten. Die Schlussfolgerungen von Oberst T. hatten einen anderen Schwerpunkt und waren es wert, sehr genau studiert zu werden: „Neben uns entsteht eine regionale Supermacht, die die grösste Bedrohung für den Staat Israel darstellt und das israelische Sicherheitskonzept für viele Jahre in Frage stellt.“ Er sprach von einem „dramatischen Sprung nach vorne in ihren militärischen Fähigkeiten“.

Die Tatsache, dass Oberst T. der Leiter der Abteilung für Strategie des Generalstabs der IDF ist, macht ihn noch glaubwürdiger. Mit anderen Worten, es ist seine Aufgabe, Empfehlungen für das Vorgehen Israels im Falle eines Durchbruchs Teherans und eines Atomtests abzugeben. Seine Warnungen gingen über die atomare Bedrohung hinaus. Es gab iranische Aktionen im Roten Meer und in Afrika, die überwacht werden mussten.

Kürzlich hat der Iran Drohnen an Russland verkauft, um die Ukraine zu bekämpfen. In der Vergangenheit verkauften Grossmächte wie Russland ihre modernsten Waffen an den Nahen Osten, doch nun begann sich die Richtung dieser Verkäufe umzukehren, indem eine iranische Militärindustrie Russland belieferte. Dies zeugt davon, wie weit der Iran fortgeschritten ist.

Der Iran hat eindeutig einen langfristigen Ansatz gewählt. Im Jahr 2004 sprach der jordanische König Abdullah erstmals von einem „schiitischen Halbmond“, der den Nahen Osten von der iranischen Grenze über den Irak und Syrien bis zur Mittelmeerküste durchqueren würde. Wenn man die letzten zwei Jahrzehnte betrachtet, war dies mehr als eine Nachschubroute für die Bewaffnung der Hisbollah.

Was will der Iran?

Der Iran wollte den Nahen Osten umgestalten. Er hatte schiitische Stellvertreterarmeen mit ihren Familien nach Syrien entsandt, um die Demografie der Region umzugestalten und Syrien in einen schiitischen Staat zu verwandeln. Ähnliche Methoden wurden auch andernorts eingesetzt, um die schiitische Bevölkerung in der Osttürkei zu stärken. Nimmt man all diese Aktivitäten der letzten Jahre zusammen, ist es nicht verwunderlich, dass Oberst T. zu dem Schluss kam, dass sich hier eine Bedrohung von einem Ausmass entwickelt, wie wir es noch nie erlebt haben.

In Damaskus drangen 2008 schiitische Milizen in die berühmte Umayyaden-Moschee, eines der Symbole der sunnitischen Vorherrschaft in Syrien, ein, um dort zu beten. Im Jahr 2015 wurden Fälle gemeldet, in denen irakische und libanesische schiitische Milizen in die Umayyaden-Moschee eindrangen und Gebete sprachen, die Sunniten als blasphemisch betrachteten. Schiitische Milizen werden rund um schiitische Heiligtümer in und um Damaskus eingesetzt.

Und schliesslich nutzt der Iran Syrien als Standort für neue Produktionsanlagen für Raketen, insbesondere für präzisionsgelenkte Langstreckenraketen. In einigen Fällen versuchte der Iran, einige dieser Anlagen unterirdisch zu errichten. Kurz gesagt, Syrien entwickelte sich zu einem Teil von Irans strategischem System in der Region. Dies geschah nicht in einem Vakuum.

Die Iraner haben eine historische Tradition, die sie mit Syrien und den umliegenden Staaten verbindet. Als die Safawiden-Dynastie 1501 den schiitischen Glauben als Staatsreligion in Persien einführte, umfasste das Safawidenreich den heutigen Iran, Irak und grosse Teile Syriens. Die Rückgewinnung verlorener Gebiete wurde zu einem Merkmal der Politik der Safawiden und ihres grossen Rivalen im Westen, des Osmanischen Reichs. In diesem Zusammenhang ist es leicht zu verstehen, woher die iranischen Ambitionen für regionalen Expansionismus kamen.

Israel kann mit der neuen iranischen Herausforderung trotz ihres Ausmasses umgehen. Der gefährlichste Aspekt der iranischen Bedrohung kommt von denjenigen in der internationalen Gemeinschaft und manchmal auch in Israel, die das Gesamtbild dessen, was der Iran vorhat, nicht sehen.

Das Vorgehen gegen einen Aggressor ist in erster Linie eine militärische Aufgabe. Aber es ist auch eine diplomatische Operation, die parallel dazu durchgeführt werden muss. Das war es, was Churchill vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs anspornte, und das ist es vielleicht auch, was in letzter Zeit diejenigen beeinflusst, die derzeit für Israel sprechen. Zweifellos wird die nächste israelische Regierung keine andere Wahl haben, als in dieser Hinsicht noch intensiver und konsequenter zu handeln.

Dore Gold ist der ehemalige israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen und derzeitiger Präsident des Jerusalem Center for Public Affairs. Dieser Artikel erschien ursprünglich in der Jerusalem Post vom 25. September 2022. Übersetzung Audiatur-Online.

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