Historiker: documenta-Debatte offenbart tiefgreifende Probleme

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21. Juni 2022, Kassel, documenta fifteen. Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt. Foto IMAGO / Hartenfelser
21. Juni 2022, Kassel, documenta fifteen. Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt. Foto IMAGO / Hartenfelser
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Die Debatte über Antisemitismus rund um die Kunstschau documenta offenbart nach Worten des Historikers Martin Cüppers tiefgreifendere Probleme. Es habe sich einmal mehr gezeigt, dass eine eindeutige Haltung gegenüber Spielarten des Antisemitismus nicht selbstverständlich sei, sagte der wissenschaftliche Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart am Montag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Am Sonntag war die documenta in Kassel zu Ende gegangen. Sie wurde von monatelangen Debatten über Antisemitismus begleitet.

Cüppers betonte: „Nach Jahrzehnten intensiver Beschäftigung mit dem Thema Antisemitismus sollten wir routinierter fähig sein, eindeutig Position zu beziehen und darüber, wie im Fall documenta, mit den Kuratoren auch einen substanziellen Dialog führen können.“ Bedauerlicherweise sei dieser Dialog kaum zustande gekommen.

Der Historiker sprach im Zusammenhang mit der Entstehung derartiger Debatten von einer verzerrten und historisch häufig wenig fundierten Sicht auf den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Viele Menschen in Deutschland und weltweit hätten zwar eine Haltung dazu, historisches Wissen zu Ursachen und Zusammenhängen fehle aber oft, monierte Cüppers. Die in Kassel bei der documenta kritisierten Objekte spiegelten das wider.

Angesichts der Geschichte des Nahostkonflikts sei es „vollkommen unangemessen“, die palästinensische Seite ausschliesslich als Opfer wahrzunehmen, sagte Cüppers. Seit Jahrzehnten habe die palästinensische Führung vielmehr ihre Verantwortung für eine Konfliktlösung kontinuierlich negiert. Cüppers sprach von einem „katastrophalen Versagen“.

Die Debatten um Antisemitismus rund um die documenta zeigten, dass ein reflektierter Umgang mit Geschichte dringend gefragt sei. „Wir sollten den Mut haben, vermeintliche Gewissheiten unserer Erinnerungskultur beständig zu hinterfragen, um zu verhindern, dass daraus blosse Symbolpolitik wird, die kommunikativ gar nicht mehr zu vermitteln ist“, sagte Cüppers. „Ein bewusster Umgang kann uns als Gesellschaft eben auch in die Lage versetzen, sich wirkungsvoll gegen Rassismus und Antisemitismus zu stellen.“ Der Historiker sprach von Vorurteilsmustern, „die eine Grundlage unseres Zusammenlebens, nämlich den Universalismus, das Prinzip ‚alle Menschen sind gleich‘ in unerträglicher Weise bedrohen“.

KNA/afr/lwi

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