Warum rührt Teheran die Kriegstrommel?

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Kioumars Heydari. Foto Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115001507
Kioumars Heydari. Foto Tasnim News Agency, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115001507
Lesezeit: 5 Minuten

In der iranischen Mythologie, die sich teilweise in Ferdowsis Shahnameh, dem Nationalepos, widerspiegelt, wird jungen Männern, die grosse Krieger werden wollen, der Rat gegeben, niemals ihre Strategie zu verraten und prahlerische Reden zu vermeiden. Rustam, Gudarz, Geeve, Bahman und andere Helden der iranischen Literatur verraten niemals ihre Kriegspläne oder rühmen sich damit, den Feind vom Angesicht der Erde zu tilgen.

von Amir Taheri

In der alten iranischen Mythologie wird hohle Prahlerei zu einem Fluch („fogor“), der den tapfersten Kämpfer („yalan“) zur Niederlage verdammt.

Mehr als vier Jahrzehnte, nachdem die Khomeini-Revolution begonnen hat, den Iran von seinem nationalen Erbe abzubringen und, in den Worten des ehemaligen iranischen Aussenministers Muhammad-Javad Zarif, „sich für ein anderes Leben zu entscheiden“, scheint diese Lektion vergessen zu sein.

Der alte Ratschlag lautete: „Zweihundert Gespräche sind nicht besser als eine halbe Aktion!“

Die aufstrebenden Helden der „islamischen Revolution“ sind jedoch Meister der prahlerischen Geschwätzigkeit.

Sie sprechen ständig davon, „Amerika zu vernichten“ und Israel von der Landkarte zu tilgen. Bis zu einem gewissen Punkt mögen ihre Prahlereien leicht amüsant sein. Es kann auch ein Zeichen ihrer Angst sein – der Angst vor dem Unbekannten, die uns an Nosrat Rahmanis Gedicht über einen Mann erinnert, der nachts durch eine dunkle Strasse geht und pfeift, um sich Mut zu machen.

Es ist natürlich keine Überraschung, dass die selbst ernannten Helden des Khomeinismus nichts von den Ratschlägen der epischen iranischen Helden wissen. Schliesslich waren Rustam und seinesgleichen „Ungläubige“ („kuffar“), die ihrem Land Iran („mihan“) und nicht einem selbsternannten „Obersten Führer“ ergeben waren.

Unter bestimmten Umständen könnten jedoch leere Prahlereien, die als „rajaz-khani“ bekannt sind, eine Bedrohung für die nationale Sicherheit Irans darstellen.

So erklärte der Befehlshaber der Landstreitkräfte, Brigadegeneral Kioumars Heydari, letzte Woche auf einer Pressekonferenz, dass das Militär der Islamischen Republik eine neue Generation von Drohnen namens Arash-2 entwickelt habe, die speziell für „Angriffe auf Tel Aviv und Haifa“ in Israel bestimmt seien.

Heydari fügte hinzu, dass der Oberbefehlshaber der Armee, Generalmajor Abdul-Rahim Mussavi, die Aktivierung der Arash-2 befohlen habe, die sofort einsatzbereit sei.

Die neue Drohne hat eine Reichweite von 2.000 Kilometern, lang genug, um nicht nur Israel, sondern alle Länder des Nahen Ostens und Teile Nordafrikas zu erreichen. Die 2.000-Kilometer-Reichweite wurde gewählt, um die Zusage Teherans an die „Grossmächte“ einzuhalten, keine Raketen oder Drohnen zu entwickeln, die eine grössere Reichweite haben als die beiden äussersten Punkte des iranischen Territoriums zwischen der Grenze zur Türkei im Nordwesten und der Grenze zu Pakistan im Südosten.

Es ist nicht klar, ob die neue Drohne in der Lage ist, nukleare Sprengköpfe zu verwenden.

Interessanterweise ist die Drohne nach einem anderen mythologischen Helden Irans benannt, Arash Kamangir (Arash der Bogenschütze), der sich seinen Platz im persischen Walhalla verdiente, indem er einen Pfeil von Amol am Kaspischen Meer nach Marv in Zentralasien schoss und damit die Grenze zwischen Iran und dem Land der Turanier festlegte.

Brigadegeneral Heydaris eigener Vorname, Kioumars, ist ein altpersischer Name und anderthalb Meilen von Khomeinis „reinem Islam“ entfernt.

Aber genug der khomeinistischen Verwirrung über persische Namen. Heydaris Kriegsrede verdient aus einer Reihe von Gründen Aufmerksamkeit.

Zunächst einmal erwähnte der General mit keinem Wort den „Obersten Führer“ Ali Khamenei, der angeblich der letzte Entscheidungsträger in allen wichtigen Fragen ist, insbesondere in Bezug auf Krieg und Frieden. Khamenei hat immer gesagt, dass er Israel gerne „vom Angesicht der Erde getilgt“ sehen würde. Aber er hat nie gesagt, dass seine eigene Islamische Republik in einen direkten Krieg ziehen wird, um „das zionistische Gebilde“ zu zerstören. Vor fast 10 Jahren prophezeite er, dass Israel innerhalb von 25 Jahren verschwinden würde. In der Zwischenzeit unternimmt seine Islamische Republik jedoch keine direkten Aktionen gegen Israel, sondern nutzt libanesische und palästinensische Stellvertreter in einem Stellvertreterkrieg von geringer Intensität.

In den letzten sechs Jahren hat Israel iranische Stellungen in Syrien angegriffen und sogar Ziele innerhalb Irans getroffen, ohne daraufhin angegriffen zu werden. Nach Schätzungen der Märtyrer-Stiftung starben im Jahr 2020 rund 5.000 iranische Militärangehörige und ihre libanesischen, afghanischen, pakistanischen und syrischen Stellvertreter bei israelischen Luftangriffen.

Die Frage ist nun einfach: Hat sich die “ Politik des Lächelns und Ertragens“ geändert?

Müssen wir davon ausgehen, dass das iranische Militär jetzt in solch risikoreichen Fragen das Sagen hat? Traditionell war das Militär im Iran verpflichtet, die Regel „Schweigen ist Gold“ zu befolgen. Selbst nach der Machtergreifung der Mullahs wurde diese Tradition weitgehend eingehalten. Die Militärs hielten zwar prahlerische Reden, drohten aber nie einem Land mit einem bestimmten Vorgehen.

Die Drohung kam nur 24 Stunden, nachdem David Barnea, der Leiter des israelischen Geheimdienstes Mossad, davor gewarnt hatte, dass im Falle eines Angriffs von Teherans Stellvertretern auf den jüdischen Staat der Iran selbst als Vergeltung angegriffen würde.

Indem Heydari öffentlich ankündigt, dass ein Angriff auf Tel Aviv und Haifa geplant ist, gibt er Israel einen Grund, sich auf das „Recht auf Selbstverteidigung“ oder einen „Präventivkrieg“ zu berufen, falls es sich zu einem militärischen Vorgehen gegen die Islamische Republik entschliessen sollte. Müssen wir also davon ausgehen, dass Heydari und sein Chef Mussavi dem Mossad-Chef dabei behilflich sind, die Kriegstrommeln zu rühren?

Heydaris rajaz-khani (Prahlereien) enthalten weitere problematische Aspekte.

Nach seinen Angaben ist Arash-2 in der Lage, die geschätzte Entfernung von 1.100 Kilometern zwischen einer Abschussrampe nahe der iranisch-irakischen Grenze und Tel Aviv in 90 Minuten zurückzulegen, lange genug, damit Israels Raketenabwehrnetz sie über Syrien oder dem Libanon zerstören kann.

Die unverantwortliche Prahlerei kommt zudem zu einem kritischen Zeitpunkt in den heiklen Verhandlungen zur Wiederbelebung von Obamas „Atomabkommen“ (JCPOA) und signalisiert die vermeintlich friedlichen Absichten der Islamischen Republik.

Haben Teile des khomeinistischen Establishments das Drehbuch für das Heydari-Puppentheater geschrieben, um die Bemühungen von Präsident Joe Biden, die Iran-Politik von Donald Trump rückgängig zu machen, zu vereiteln? Ist sich dieselbe Fraktion nicht der Tatsache bewusst, dass es in der iranischen Bevölkerung keine Unterstützung für einen Krieg aus rein ideologischen Gründen gibt und geben wird?

Oder ist das Rühren der Kriegstrommeln ein Trick, um von den wirtschaftlichen, diplomatischen und sozialen Misserfolgen des Regimes abzulenken?

Glauben die beiden Generäle, dass sie einen grossen Krieg im Nahen Osten provozieren können, ohne dass andere Nationen, deren Sicherheit durch einen regionalen Krieg beeinträchtigt würde, reagieren?

Die weitaus wichtigere Frage ist, ob die khomeinistische Führung das Ausmass und die Folgen eines direkten Angriffs auf Israel durchdacht hat und wirklich davon ausgeht, dass es keine Vergeltung geben würde, wenn Arash-2 Drohnen das Zentrum Israels abfackeln?

Amir Taheri war von 1972 bis 1979 Chefredakteur der Tageszeitung Kayhan im Iran und ist seit 1987 Kolumnist bei Asharq Al-Awsat. Er war der Vorsitzende von Gatestone Europe. Dieser Artikel wurde ursprünglich von Asharq al-Awsat veröffentlicht. Übersetzung Audiatur-Online.

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