Olympia-Terror 1972 – Nur eine Minute

1
Opfer des palästinensischen Terroranschlags auf die israelische Olympiamannschaft in München im September 1972. Foto IFCJ
Opfer des palästinensischen Terroranschlags auf die israelische Olympiamannschaft in München im September 1972. Foto IFCJ
Lesezeit: 3 Minuten

Vierzig Jahre lang bemühte sich Ankie Spitzer beim Internationalen Olympischen Komitee (IOK) vergeblich um eine Schweigeminute für die 1972 an der Olympiade in München von palästinensischen Terroristen ermordeten israelischen Sportler, unter denen auch ihr Ehemann, der Fechttrainer André Spitzer war.

Trotz einer über 100’000 Stimmen starken, von Barack Obama unterstützten Petition und einem persönlichen Brief von Hillary Clinton, lehnte der damalige IOK-Präsident Jacques Rogge auch 2012 eine Schweigeminute anlässlich des 40. Jahrestags des Mordanschlags kategorisch ab. Die Spiele seien unpolitisch und Schweigeminuten im Protokoll der Eröffnungszeremonie nicht vorgesehen.

Rogge war wohl entfallen, dass der langjährige IOK-Präsident Juan Samaranch bei der Eröffnungsfeier der Sommerspiele 1996 über den Krieg in Bosnien gesprochen hatte und die Winterspiele 2002 mit einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlags von 9/11 in New York eröffnet wurden.

Trotz dem Mord an den elf israelischen Sportlern wurden die Spiele 1972 fortgesetzt. «The games must go on», verkündete Avery Brundage, der Mann, der als Leiter des Amerikanischen Olympischen Komitees schon bei der Berliner Nazi-Olympiade von 1936 eine judenfeindliche Rolle gespielt hatte.

Die deutsch-jüdischen Sportler, denen die Teilnahme an den Spielen von 1936 verweigert wurde, tröstete er mit dem zynischen Hinweis, in seinem Sportclub in Chicago würden auch keine Juden zugelassen.

Während 1972 die ermordeten Sportler ihre letzte Reise antraten, wurden in München lakonisch Sieger gekürt, weil ihr israelischer Kontrahent nicht mehr antreten konnte.

Der wahre Grund, weshalb das IOK sich 2012 so hartnäckig gegen eine Ehrung der israelischen Terroropfer wehrte, war die Angst der Funktionäre, die zahlreichen arabischen Sponsoren der Londoner Spiele zu brüskieren. So hatte die arabische Delegation angedroht, bei einer Schweigeminute das Stadion zu verlassen.

Fatah-Mitglied Jibril Rajoub, Vorsitzender des Palästinensischen Olympischen Komitees und als ehemaliger Sicherheitschef der Palästinensischen Autonomiebehörde selbst an terroristischen Aktivitäten beteiligt, dankte dem IOK in einem Brief für dessen ablehnende Haltung.

2013 wurde der deutsche Thomas Bach in Buenos Aires zum neuen Präsidenten des IOK gewählt. Sollte sich Ankie Spitzer anhand dieser Wahl Hoffnung auf einen Richtungswechsel im IOK gemacht haben, währte diese nur kurz.

Denn auch der frisch gewählte IOK-Präsident Bach, ein deutscher Wirtschaftsanwalt mit besten Beziehungen in den arabischen Raum, hatte 2012 als IOK-Vizepräsident die Verweigerung einer Schweigeminute für die ermordeten Israelis unterstützt.

Bachs Kandidatur geriet durch die massive Parteinahme für Bach durch den ehemaligen Sicherheitsminister Kuwaits, Scheich Ahmad al-Sabah, selbst IOK-Mitglied, in den Fokus der IOK-Ethikkommission. 

Bach war zudem bis zu seinem IOK-Amtsantritt Präsident der arabisch-deutschen Handels- und Industriekammer, Ghorfa (Slogan: Ihre Brücke in den arabischen Markt). Die als gemeinnütziger Verein in Deutschland domizilierte Ghorfa war 1976 von arabischen Staaten gegründet worden, um den Handelsboykott gegen Israel voranzutreiben.

Thomas Bach hätte die Chance gehabt, den olympischen Gedanken zu verteidigen, seine Unabhängigkeit von autokratischen arabischen Regimes zu demonstrieren und sich für Fairness gegenüber Israel in der Sportlergemeinschaft einzusetzen: Er hätte für die olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro eine Schweigeminute ankündigen können.

Er tat es nicht. Es dauerte weitere neun Jahre, bis 2021 in Tokyo eine Schweigeminute für die 1972 auf deutschem Boden ermordeten jüdischen Sportler abgehalten wurde. Neunundvierzig Jahre zu spät.

1 Kommentar

  1. „Opfer“ sind wohl mehr wert, wenn die mutmaßlichen „Täter“ Serben, Russen, Chinesen oder Juden sind …

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.