Eine Podiumsdebatte über Olympia 72, das Attentat und die Folgen

Historische Aufarbeitung hätte früher beginnen müssen

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Anlässlich des 50. Jahrestages der Olympischen Spiele in München 1972, der vom Nationalen Olympischen Komitee (NOCNSF) organisiert wurde, fand eine Schweigeminute statt und die Flagge wurde auf Halbmast gehisst. Foto IMAGO / ANP
Anlässlich des 50. Jahrestages der Olympischen Spiele in München 1972, der vom Nationalen Olympischen Komitee (NOCNSF) organisiert wurde, fand eine Schweigeminute statt und die Flagge wurde auf Halbmast gehisst. Foto IMAGO / ANP
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Einen Tag vor dem Gedenkakt für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 lud die Israelitische Kultusgemeinde in München zu einem Podiumsgespräch. Zeit für Erinnerungen, eine Bestandsaufnahme und Fragen zur Sicherheit.

von Barbara Just

Es muss wohl im April 1966 gewesen sein, als Charlotte Knobloch am Münchner Flughafen zufällig auf Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel traf. „Ich fahre nach Rom und bringe die Olympischen Spiele mit“, habe der SPD-Politiker selbstsicher zu ihr gesagt, erzählte die heutige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern am Sonntagnachmittag bei einer Podiumsdiskussion in München. Und in der Tat bekam die bayerische Landeshauptstadt damals auf der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees den Zuschlag für die XX. Sommerspiele 1972.

Als es dann endlich so weit war, habe eine „verrückte Stimmung“ in der Stadt geherrscht, erinnert sich Knobloch, die im Oktober 90 Jahre alt wird: Überall waren diese bunten Farben zu sehen, vor allem aber herrschte grosse Freude bei den Menschen. Alt und Jung seien begeistert gewesen. Dann kam der 5. September. In den frühen Morgenstunden drangen palästinensische Terroristen ins Quartier der israelischen Olympia-Mannschaft. Sie töteten zwei Israelis und nahmen neun weitere als Geiseln. Mit der blutigen Aktion wollte die Gruppe „Schwarzer September“ Gesinnungsgenossen aus der Haft freipressen.

„Das hat sich keiner vorstellen können“, so Knobloch. Für ihre Familie sei es ein doppelter Schock gewesen. Ihre Tochter sei damals als Olympia-Hostess im Einsatz gewesen: „Wir wussten nicht, wo sie ist“, berichtete die Präsidentin. Fröhlich sei die junge Frau aus dem Haus gegangen und völlig verstört zurückgekommen. Shlomo Levy, damals Dolmetscher des israelischen Olympiateams, entkam den Terroristen nur durch Zufall. Er blieb aber im Olympischen Dorf. Vom vierten Stock des gegenüberliegenden Hauses dokumentierte er von 7.15 bis 22.30 Uhr mit seiner Kamera die Entwicklungen, bis die Terroristen per Hubschrauber ausgeflogen wurden.

Heute werde grossräumig der Ort des Geschehens abgesperrt, wenn ein Anschlag passiere, erläuterte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Damals übertrugen TV-Kameras auf einmal statt Sportwettkämpfen die bunten Bilder der Geiselnahme in der Connollystrasse in alle Welt, berichtete Roman Deiniger. Der Journalist hat mit seinem Kollegen Uwe Ritzer das Buch „Die Spiele des Jahrhunderts“ geschrieben. Ein umfassend recherchiertes Werk, das auch Herrmann lobte. Zwar sei es immer gefährlich, 50 Jahre später „gscheid“ daherzureden; aber längst sei offensichtlich, dass eine Reihe von Dingen damals schiefgelaufen und die Sicherheitskräfte blauäugig vorgegangen seien.

Olympia Attentat 1972. Bewaffnete Polizei in Zivil im olympischen Dorf. Foto IMAGO / Sammy Minkoff 

Die Polizei habe keinerlei Scharfschützen gehabt, solche seien erst im Nachhinein ausbildet worden, führte Herrmann aus. Genauso wie die spätere Eliteeinheit GSG 9. Deren heutige Generation hat zuletzt wieder mit Kollegen aus Israel trainiert. Mittlerweile stehe auch ausser Frage, dass Bundeswehr und Polizei zusammenarbeiten würden, international gebe es gleichfalls bessere Abstimmungen. Im September 1972 dagegen missglückte am Ende der Versuch, die Geiseln auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck zu befreien. Alle kamen ums Leben, ein Polizist starb. Auch fünf der acht Terroristen wurden getötet; jene drei, die überlebt hatten, wurden infolge einer Flugzeugentführung schon im Oktober desselben Jahres nach Libyen freigelassen.

Noch bis vor wenigen Tagen war unsicher, ob die Hinterbliebenen der Opfer an der Gedenkfeier an diesem Montag, dem Jahrestag, teilnehmen würden. Nach nunmehr 50 Jahren gelang es quasi in letzter Minute, zwischen ihnen und der Bundesregierung eine Einigung zu erzielen. 28 Millionen Euro wurden den Familien zugesprochen. Vor allem aber sollen die Geschehnisse durch eine Kommission deutscher und israelischer Historiker aufgearbeitet werden. Auch die rechtskonforme Freigabe von Akten wurde angekündigt.

Buchautor Ritzer monierte, dass eine solche Aufarbeitung viel früher auf Bundesebene und in Bayern hätte angegangen werden müssen. Doch nichts sei passiert. Dabei verwies er darauf, dass es nach wie vor gesperrte Dokumente gebe, an die auch die beiden Journalisten nicht herangekommen seien. Auch da dürfte sich nun etwas tun. Der Justizminister jedenfalls bat um Details und versprach, sich zu kümmern.

KNA/baj/sky

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