Antisemitismus: Zurück an den Anfang?

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Die Reichspogromnacht war ein Pogrom gegen Juden in ganz Nazi-Deutschland und Österreich, der am 9. und 10. November 1938 stattfand. Foto IMAGO / UIG
Die Reichspogromnacht war ein Pogrom gegen Juden in ganz Nazi-Deutschland und Österreich, der am 9. und 10. November 1938 stattfand. Foto IMAGO / UIG
Lesezeit: 6 Minuten

Die Beobachtung und Analyse des zeitgenössischen Antisemitismus, mit der ich regelmässig zu tun habe, ist oft eine frustrierende Erfahrung, aber nie so sehr wie jetzt. Bei all der Tinte, die auf das Wiederaufleben des Judenhasses in den letzten 20 Jahren in unzähligen Ländern und Kontexten verschwendet wurde, ist man versucht, zu dem Schluss zu kommen, dass die jüdische Gemeinschaft keinerlei Fortschritte bei der Erklärung gemacht hat, wie man Antisemitismus überhaupt erkennt, geschweige denn bekämpft.

von Ben Cohen

Einige Leser werden vielleicht sagen, dass ich übertreibe; schliesslich wurde eine ganze länderübergreifende Infrastruktur geschaffen, um das Problem zu bekämpfen. In den Vereinigten Staaten gibt es im US-Aussenministerium eine Stelle auf Botschafterebene, die sich mit der Bekämpfung des Antisemitismus befasst, während die Regierungen in Deutschland, Spanien und dem Vereinigten Königreich ähnliche Stellen geschaffen haben. Während sich gewählte Politiker vor 20 Jahren kaum Gedanken über Antisemitismus machten, vergeht heute kaum eine Woche, in der nicht ein Parlamentarier oder ein Kabinettsminister eine Verurteilung ausspricht. „Es gibt keinen Impfstoff gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte UN-Generalsekretär António Guterres im Januar 2021 zu den antisemitischen Verschwörungstheorien, die auf dem Höhepunkt der COVID-19-Pandemie grassierten. „Aber unsere beste Waffe bleibt die Wahrheit.“

Dennoch fällt es scheinbar intelligenten, rationalen und besonnenen Menschen ausserordentlich schwer, die grundlegendsten Aspekte dieser Wahrheit zu begreifen. Fast 80 Jahre nach dem Holocaust, mit zahllosen Filmen, Dokumentationen und Büchern auf dem Markt und Holocaust-Gedenkmuseen, die sowohl in Provinzstädten als auch in Grossstädten entstanden sind, könnte man meinen, dass Karikaturen von Juden mit Hakennasen und schmierigen Gesichtsausdrücken oder Kommentare über die „Juden“, die eine bestimmte Tätigkeit oder einen bestimmten Sektor besitzen und kontrollieren, schnell und unproblematisch als antisemitisch erkannt würden.

Nein.

Leider gibt es eine Fülle von Beispielen, mit denen ich meinen Standpunkt veranschaulichen könnte, daher werde ich zwei der jüngsten herausgreifen. Erstens findet in Deutschland in der Stadt Kassel derzeit die 15. Ausgabe des renommierten Documenta-Festivals für moderne Kunst statt; das diesjährige Thema ist der „Globale Süden“ und der Kurator ist ein Künstlerkollektiv aus Indonesien namens ruangrupa. Während der Vorbereitung des Festivals in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es erhebliche Bedenken, weil ruangrupa die antizionistische BDS-Kampagne unterstützt, die Israel von der internationalen Gemeinschaft isolieren will. Doch als das Festival eröffnet wurde, wichen diese Bedenken bald der viel schärferen Erkenntnis, dass hier Antisemitismus im Stil der Nazis zur Schau gestellt wurde. Ein grosses Wandgemälde im Zentrum Kassels mit dem Titel „Volksjustiz“ zeigte eine Schurkengalerie von Figuren, die angeblich mit der Suharto-Diktatur in Indonesien in Verbindung gebracht werden, darunter ein orthodoxer Jude mit einer Hakennase und einem Filzhut mit der Aufschrift „SS“ sowie ein israelischer Soldat mit dem Gesicht eines Schweins und einem Helm mit der Aufschrift „Mossad“. Etwa zwei Wochen nach dem Skandal um das Wandbild entdeckte ein Besucher der Ausstellung ähnlich antisemitische Karikaturen in einer Broschüre, in der die Solidarität von Frauen in Algerien mit den Palästinensern gefeiert wurde.

21. Juni 2022, Kassel, documenta fifteen. Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt. Foto IMAGO / Hartenfelser
21. Juni 2022, Kassel, documenta fifteen. Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit eindeutig antisemitischen Darstellungen wird abgehängt. Foto IMAGO / Hartenfelser

Subtil? Ungefähr so subtil wie mein zweites Beispiel, bei dem es um Miloon Kothari geht, ein Mitglied der frecherweise so benannten „Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission (COI) für die besetzten palästinensischen Gebiete, einschliesslich Ost-Jerusalem, und Israel“, der Ende Juli in einem Interview mit einer stark antizionistischen Website meinte, dass die negativen Reaktionen in den sozialen Medien auf die Kommission das Ergebnis des Besitzes und der Kontrolle von Social-Media-Plattformen durch die „jüdische Lobby“ seien.

So wie bei dem in Deutschland ausgestellten Wandbild der Antisemitismus nicht extra kodiert wurde, verschwendete auch Kothari keine Zeit mit Euphemismen wie „Zionisten“ oder „mächtige pro-israelische Interessen“, um eine Aussage über Juden zu machen. Und so wie das Leitungsteam der Documenta theatralisch um die Frage rang, wie man den Schmerz und die Wut der jüdischen Gemeinde in Deutschland anerkennen kann, ohne die indonesischen Kollegen zu verärgern, was zu so qualifizierten Entschuldigungen führte, dass sie keine wirklichen Entschuldigungen waren, so können auch Kotharis eigene, etwas pompöse Bedauernsbekundungen in der vergangenen Woche auf ähnliche Weise beurteilt werden.

Gefährliche antisemitische Stereotypen

Sabine Schormann, die Leiterin des Documenta-Festivals, die kurz darauf unter dem Eindruck des Skandals zurücktrat, räumte ein, dass das Wandbild Juden beleidige, bat aber um Verständnis für die Schöpfer, die sich „aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung unter Generalverdacht gestellt, diffamiert und manchmal auch bedroht“ fühlten. Kothari verfasste unterdessen einen langen Brief an den Vorsitzenden des UN-Menschenrechtsrats, in dem er sein Bedauern über seine Wortwahl zum Ausdruck brachte, ohne jemals anzuerkennen, dass diese Worte antisemitisch waren. Sie seien „falsch, unangemessen und unsensibel“ gewesen, sagte er, aber der wirklich bedeutsame Schritt – die Identifizierung dieser Worte als getreue Darstellung der uralten antisemitischen Trope der „jüdischen Macht“ – wurde nie unternommen. Die Documenta wie auch Kothari konnten nicht erkennen, dass beide mit ungeschminkten, gefährlichen antisemitischen Stereotypen handelten.

Ja, natürlich wurden sowohl die Documenta als auch Kothari auf breiter Front verurteilt, zum grossen Teil von Nicht-Juden. Aber so begrüssenswert diese Stimmen auch sind, sie ändern nichts an der Tatsache, dass das Documenta-Festival immer noch ausstellt und dass niemand nach den strengen deutschen Gesetzen wegen antisemitischer Verhetzung angeklagt wurde, während die UN-Kommission trotz zahlreicher Forderungen nach ihrer Schliessung weiter tätig ist. Das Einzige, was sich geändert hat, ist, dass der Antisemitismus heute häufiger und umfassender verurteilt wird – aber es gibt ja auch genug Vorfälle, die zu verurteilen sind.

Wenn wir keinen hieb- und stichfesten Konsens darüber herstellen können, dass Karikaturen von Juden mit Hakennasen nicht nur antisemitisch sind, sondern auch das Gewaltpotenzial der Nazizeit in sich tragen, oder dass beiläufige Verweise auf die „jüdische Lobby“ dieselben Tendenzen wieder aufleben lassen, dann werden wir niemals erfolgreich sein, wenn es um die verschlüsselteren Ausdrucksformen des Antisemitismus geht. Leider müssen sich jüdische Pädagogen jetzt darauf konzentrieren, die engen Verbindungen zwischen den antisemitischen Karikaturen des letzten und des aktuellen Jahrhunderts aufzuzeigen. Wir können nicht mehr davon ausgehen, dass Grundkenntnisse über den Holocaust immunisierend wirken, zumal das nationalsozialistische Vernichtungsprogramm immer mehr in den Hintergrund rückt.

So wie der Kampf gegen den Rassismus damit beginnt, seine hässlichsten und unehrlichsten Behauptungen zu identifizieren und zu isolieren (Schwarze als „natürliche“ Sexualstraftäter, Roma und Sinti als „natürliche“ Diebe und so weiter), so ist es auch mit dem Antisemitismus (Juden als „natürliche“ Ausbeuter, die zynisch die Interessen anderer Menschen schädigen, während sie ihre eigenen verfolgen). So schwer es auch einzugestehen ist, brauchen wir immer noch eine grundlegende Aufklärung darüber, wie wir den transparenten, unkomplizierten Antisemitismus, der in der Documenta-Ausstellung und in Miloon Kotharis Kommentaren zu sehen ist, erkennen und richtig darauf reagieren können. Solange wir diese grundlegende Aufgabe nicht bewältigt haben, besteht die Gefahr, dass all die Botschafter und Abgesandten und Parlamentsmitglieder, die sich anschicken, den Antisemitismus zu verurteilen, als blosse Augenwischerei abgetan werden.

Ben Cohen ist ein in New York City ansässiger Journalist und Autor. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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