In Galiläa hält eine winzige tscherkessische Gemeinschaft ihr Erbe lebendig

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Die nur 5.000 Personen zählende tscherkessische Gemeinschaft in Israel ist stolz darauf, zugleich sunnitisch als auch israelisch zu sein.

von Diana Bletter

Hani Madaji sagt, er träume auf Tscherkessisch, bete auf Arabisch, lerne auf Hebräisch und reise auf Englisch.

Als Tscherkesse ist Madaji, 50, stolz auf sein Volk. Nachdem er als Offizier der israelischen VArmee in den Ruhestand getreten war, beschloss er, sich von nun einer neuen Aufgabe zu widmen. Er will die Israelis über die Tscherkessen unterrichten, „weil niemand etwas über uns weiss“.

„Die Leute fragen immer: ‚Seid ihr Drusen?‘ ‚Seid ihr Christen?‘ ‚Was genau seid ihr?‘, und ich will immer die Geschichte meines Volkes erklären“, sagt Madaji.

Jeden Tag kommen Touristen nach Kfar Kama, einem der beiden tscherkessischen Dörfer in Israel, um das Circassian Heritage Center zu besuchen. In dem anderen tscherkessischen Dorf, Rihaniya, besuchen die Touristen das tscherkessische Museum im Restaurant Nalchik.

Madaji, ein Einwohner von Rihaniya, steht neben lebensgroßen Modellen in traditioneller Kleidung sowie antiken Möbeln und Haushaltsgegenständen, während er die Geschichte der Tscherkessen erzählt.

Die Region des Kaukasusgebirges gilt seit jeher als natürliche Grenze zwischen Europa und Asien, wo Ost und West aufeinandertreffen. Die Tscherkessen waren ursprünglich Heiden, die zum Christentum und dann im 15. Jahrhundert zum Islam konvertierten. Gemäss Madiji, seien Besucher oft überrascht, wenn sie hörten, dass Tscherkessen sunnitische Muslime seien.

Die Tscherkessen, die zwischen der Türkei und Russland, dem Schwarzen Meer im Osten und dem Kaspischen Meer im Westen leben, waren jahrhundertelang Eindringlingen wie den Mongolen und Osmanen ausgesetzt.

„Wir waren immer gute Kämpfer“, sagt Madaji. „Das mussten wir auch sein.“

„Die Jungen lebten nur bis zu ihrem sechsten Lebensjahr bei ihren Familien“, erklärt Madaji. „Dann wurden sie zu einer anderen Familie geschickt, wo sie lernten, nicht verwöhnt zu werden und zu kämpfen. Sie bekamen Pferde, mit denen sie trainieren konnten. In unserer Sprache, der Adyghe, ist das Wort für Pferd und Bruder dasselbe, see-shu. So sehr war jeder Kämpfer mit seinem Pferd verbunden.“

Die Tscherkessen wehrten sich 100 Jahre lang gegen russische Invasoren, die den Kaukasus kolonisieren wollten. In den letzten Jahren dieses Kriegs, der 1864 endete, töteten die Russen mehr als eine Million Tscherkessen und brannten Dörfer nieder. Die Überlebenden flohen durch das Osmanische Reich und liessen sich 1878 in der Türkei, in Jordanien und in Israel nieder.

Heute leben etwa 5.000 Tscherkessen in Israel. Seit dem Unabhängigkeitskrieg 1948 hat die Gemeinschaft an der Seite Israels gekämpft, und es gibt eine Wehrpflicht für tscherkessische Männer, die in der israelischen Armee dienen.

„Wir sind in allem Israelis“, betont er.

„Wir sind eine eingeschworene Gemeinschaft“, sagt Madaji. „Wir haben keine spirituellen Führer, also stellt sich immer die Frage, wie wir unsere Kultur bewahren können. Hier kommt Adyghe Xabze ins Spiel, ein Verhaltenskodex, der bestimmt, wie wir uns verhalten, und fder unsere Tradition und Kultur bewahrt.“

Hani Madji im tscherkessischen Museum. Foto: Diana Bletter

Madaji sagt: „Wir gehen keine Mischenehen ein, wir heiraten nur unter Tscherkessen. Wenn junge Männer und Frauen einander begegnen und sich verabreden, müssen sie bis zur Hochzeit zwei Meter Abstand voneinander halten. Und wenn eine junge Frau beschliesst, die Hochzeit abzusagen, auch nur eine Stunde vorher, kann sie das tun. So wird die Ehre der Frauen gewahrt.“

Da die Zahl der in Frage kommenden Singles in Israel so klein ist, sponsern die Gemeinden ein sogenanntes „Sommercamp“, bei dem mehrere hundert junge Tscherkessen aus Jordanien, der Türkei und den Niederlanden nach Israel kommen, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Madaji und andere lokale Familien nehmen die jungen Erwachsenen auf.

„Dank des Internets wissen wir jetzt, dass es Tscherkessen in Dubai gibt“, sagt Madaji. „Vorher wussten wir nichts von unserer Gemeinschaft in anderen Orten.“

Die Stadt Rihaniya in den Hügeln von Obergaliläa ist ruhig und geordnet. Madaji, der eine Reisegruppe des Technion-Israel Institute of Technology durch die Stadt zur Moschee im Zentrum des alten Dorfes führt, führt aus: „Die Tscherkessen hier reinigen die Strassen vor ihren Häusern. Sauberkeit ist Teil unserer Kultur“.

Madaji erklärt, dass als 1880 die ersten 66 Familien in Rihaniya ankamen, die Moschee mit sechs Meter dicken Steinmauern zu Verteidigungszwecken gebaut wurden.

„Als kleiner Junge habe ich hier mit den anderen Kindern gespielt“, erinnert er sich und bleibt bei der Moschee stehen, die einem Gebetshaus im Kaukasus ähnelt.

Direkt gegenüber der Moschee steht ein neuer Luftschutzbunker für die Dorfbewohner. Darüber befindet sich eine Dauerausstellung zum Gedenken an den Völkermord an den Tscherkessen mit Fotos, Karten und Erläuterungen.

Jedes Jahr am 21. Mai begehen Tscherkessen auf der ganzen Welt ihren Trauertag, an dem sie an den Völkermord der Russen an ihrem Volk und ihre Vertreibung aus ihrer Heimat erinnern.

Madaji sagt, dass die Mehrheit der Tscherkessen immer noch an der Hoffnung auf eine Rückkehr in ihr Land festhält. In der ganzen Stadt ist die grüne tscherkessische Flagge mit den 12 Sternen zu sehen.

„Wie die Juden haben auch wir 12 Stämme“, erklärt er. „Und es gibt drei Pfeile. Warum drei? Weil wir, wenn wir in den Krieg ziehen würden, viele Pfeile haben würden. Drei ist ein Symbol dafür, dass wir in Frieden kommen. Drei ist auch eine Zahl des Gleichgewichts – ein dreibeiniger Stuhl fällt nicht um.“

Den Tscherkessen ist es gelungen, die adygische Sprache zu bewahren, die „einzigartig klingt“, so Madaji. „Früher wurde sie mit speziellen Zahlen geschrieben, die heute nur noch zur Kennzeichnung der verschiedenen Stämme verwendet werden.“

An einem Schild vor der Gasse, die zur Moschee führt, zeigte Madaji auf einige der Symbole. „Jeder Stamm hat sein eigenes Zeichen, fast wie eine Art Logo“, sagte er.

Die tscherkessische Sprache verwendet das kyrillische Alphabet, unterscheidet sich aber vom Russischen, so Madaji.

Die Kinder besuchen die örtliche Schule bis zur 10. Klasse, wo sie Hebräisch, Englisch, Arabisch und Tscherkessisch lernen, und besuchen dann hebräischsprachige Gymnasien in der Umgebung, „was uns zu den einzigen sunnitischen Muslimen in der Welt macht, die Hebräisch lernen“, sagte Madaji.

Die Eltern sprechen Tscherkessisch mit ihren Kindern. Madaji sagt, diese Praxis sei nicht erzwungen, „sondern ganz natürlich“.

Der Beweis für diese Aussage wird kurze Zeit später in der Nähe des Schulhofs im Zentrum von Rihaniya gefunden. An wie vielen Orten auf der Welt kann man Jungen und Mädchen Basketball spielen und dabei schreien und jubeln hören – auf Tscherkessisch?

Diana Bletter ist die Autorin von Büchern wie A Remarkable Kindness und The Invisible Thread: A Portrait of Jewish American Women, das für den National Jewish Book Award nominiert wurde. Sie hat an der Cornell University studiert und lebt seit 1991 in Israel. Ihre Arbeiten sind in der New York Times, dem Wall Street Journal, Commentary und vielen anderen Publikationen erschienen. Auf Englisch zuerst erschienen bei ISRAEL21c. Übersetzung Audiatur-Online.

1 Kommentar

  1. Um beim 7. Besuch in Israels einmal auch dessen mehrheitlich von aussen nicht wahrgenommene Volksgruppen kennenzulernen, waren wir 2016 in Kfar Kama. Ohne es geplant zu haben, haben wir die Gemeinschaft genau am 21. Mai, ihrem Erinnerungstag besucht und die von den Frauen getragenen Feiertagstrachten waren ebenso eindrücklich und in der Region einzigartig wie der Redner in dem nach dem Museum von Madaji besuchten Gottesdienstes, der ganz selbstverständlich in IDF-Uniform auf der ‚Kanzel‘ stand.
    Ebenso eindrücklich dann einige Tage danach in Dalia el Karmel auf dem zentralen Platz, wo wir ebenso ungeplant wie in Kfar Kama in ein nächtliches Treffen von Jugendverbänden aus der Region ‚hineinplatzten‘, deren Delegationen eine nach der andern von Tambouren angeführt jede einzeln vom Moderator mit Gruppennamen angesprochen und im Namen von Dalia el Karmel willkommen geheissen wurden. Dabei waren zirka 20 Gruppen aus tscherkessischen, drusischen und jüdischen Gemeinden, die sich nach dem offiziellen Teil dann kunterbunt Mädchen und Buben gemischt im grossaufgefahrenen und für sie kostenlosen Essangebot verloren.

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