Vor 75 Jahren brach die „Exodus“ auf nach Palästina

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Die Exodus. Foto PD
Die Exodus. Foto PD
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Die Gräuel der Nazis überlebten sie, der Neuanfang im gelobten Land war ihr Ziel: Mehr als 4.500 Holocaustüberlebende brachen mit der „SS Exodus“ auf zu neuen Ufern. Es wurde eine Odyssee.

von Andrea Krogmann (KNA)

Jerusalem (KNA) Als Vergnügungsdampfer ausrangiert und im Kriegseinsatz der Alliierten im Zweiten Weltkrieg lädiert, dümpelte die „SS President Warfield“ auf einem Schiffsfriedhof in Baltimore. Vermutlich wäre sie bald vergessen worden, wäre sie nicht für 60.000 Dollar in den Besitz der „Jewish Agency for Palästina“ gewechselt.

Als Flüchtlingsschiff erlangte sie Weltruhm, wenn auch zweifelhafter Art: In der Nacht auf den 11. Juli 1947 stach der Dampfer unter honduranischer Flagge vom südfranzösischen Hafen Sete in See. An Bord: rund 4.500 Holocaustüberlebende. Ihr Ziel: Palästina. Die hoffnungsvolle Reise aus der Hölle des Naziregimes ins gelobte Land endete in Lübeck – in mit Stacheldraht und Wachen gesicherten Lagern.

Sechs Tage war die „SS President Warfield“ unterwegs, als die Menschen an Bord ihrer Hoffnung in einer Zeremonie Ausdruck verliehen: Ein blauer Davidsstern auf weißem Grund, später die Flagge Israels, ersetzte die honduranische Flagge. „HaTikwa“ – „die Hoffnung“ erklang aus den Bordlautsprechern, die Hymne des knapp ein Jahr später proklamierten Staates. Von hier an sollte der Dampfer „SS Exodus from Europe 1947“ heißen.

Unentdeckt war das 118 Meter lange Schiff von den Briten indes nicht geblieben. Ihr geringer Tiefgang von nur 2,40 Metern, hofften die Tausenden an Bord, könnte der „Exodus“ zum Vorteil gegen die mächtige Kriegsschiffe gereichen beim Versuch, die seit 1945 vor der Küste Palästinas geltende britische Seeblockade zu durchbrechen.

Doch in dem ebenso aussichtslosen wie hartnäckigen Kampf der Flüchtlinge gegen die britischen Zerstörer hatten sie nichts als Kartoffeln, Flaschen und Konserven aufzubieten. Mindestens vier Menschen starben, bevor Kapitän Jossi Harel gegenüber den britischen Schusswaffen kapitulierte. „HaTikwa“ begleitete das Schiff auch, als es in den Hafen von Haifa geschleppt wurde, erwartet von Tausenden, die den Kampf um die illegalen Einwanderer live im Radio mitverfolgt hatten.

Doch statt eines Neuanfangs im gelobten Land begann für die Holocaustüberlebenden ein Albtraum. Die britische Mandatsmacht hielt an dem Einreiseverbot für Juden nach Palästina fest. Mehr noch: In Sorge um die politische Stabilität der Region – und wohl ebenso um die eigene Vormachtstellung – wollte sie ein Exempel statuieren. Statt wie frühere Schiffsflüchtlinge nach Zypern, schickten die Briten die „Exodus“-Passagiere auf drei Gefängnisschiffen zurück nach Frankreich und, als diese sich weigerten, dort von Bord zu gehen, weiter nach Hamburg. Am 9. September waren sie gegen ihren Willen wieder auf deutschem Boden.

Während die schrottreife „Exodus“ in der Mole von Haifa liegen blieb und 1952 abbrannte, machten der halb historische, halb fiktive gleichnamige Bestseller des US-Autors Leon Uris und die preisgekrönte Verfilmung das tragische Schicksal des Dampfers zum Mythos. Doch nicht nur die literarische Aufbereitung sorgte dafür, dass die „Exodus“ – anders als das Schicksal der über 60 weiteren Flüchtlingsschiffe nach Palästina der Jewish Agency und der Haganah, dem bewaffneten Arm der zionistischen Bewegung – im kollektiven Gedächtnis blieb.

Mit ihrer Hartnäckigkeit machten die Passagiere die Weltöffentlichkeit auf ihr Schicksal als jüdische Migranten aufmerksam. Der Druck auf die britische Mandatsmacht wuchs. Die Lager in Norddeutschland wurden einen Monat später aufgegeben, die meisten Insassen schlugen sich in einem zweiten Versuch nach Palästina durch. Mit der stetig steigenden Zahl der jüdischen Einwanderer schwand die Vormacht der Briten. 299 Tage nach der enttäuschten Hoffnung der „Exodus“-Passagiere im Hafen von Haifa wurde am 14. Mai 1948 der unabhängige Staat Israel ausgerufen, die jüdische Einwanderung legalisiert und gefördert.

„Das Schiff, das eine Nation ins Leben rief“, ist der Titel des Denkmals, das seit 2017 im Hafen von Haifa an die „Exodus 1947“ erinnert. Auf einem Sockel aus Jerusalemstein erhebt sich als Bronzerelief der Grundriss des historischen Mandatsgebiets Palästina, das heute Israel, die besetzten palästinensischen Gebiete und den Gazastreifen umfasst. Nach Deutschland, Frankreich, Italien und den USA hat damit auch Israel dem Schiff ein Denkmal gesetzt.

„‚Exodus 1947‘ weckte die Welt auf und war ein Anstoss zur UN-Abstimmung, die zur Gründung des Staates Israel führte“, heisst es auf einer Gedenktafel an den Landungsbrücken in Hamburg. Wie der biblische Exodus durch die Wüste in die Freiheit wurde der Exodus übers Mittelmeer zum Symbol jüdischen Überlebenswillens.

KNA/akr/aps/pko/sky

1 Kommentar

  1. Andrea Krogmann irrt, es gibt keine „palästinensischen“ Gebiete. Das im noch heute gültigen Völkerbundmandat von 1922 für die zu schaffende nationale jüdische Heimstätte bestimmte Gebiet erstreckt sich vom Jordan bis Mittelmeer, inkl. ganz Jerusalem. D.h. inkl. Gazastreifen, Ostjerusalem und das sogenannte Westjordanland (Judäa/Samaria). Der Fall Exodus machte die Welt Aufmerksam auf das von Seiten der Briten begangene Unrecht gegenüber den Juden, in dem die Briten seit 1922 versuchten, einen künftigen Staat Israel zu verhindern, dies speziell durch die illegale Beschränkung der jüdischen Einwanderung.
    Der UNO-Teilungsplan von 1947 – es war ein Vorschlag – scheiterte am Nein der Araber. Er gab den Juden Auftrieb, in Richtung eines Staates zu arbeiten. Er bleibt daher als geschichtliches Ereignis wichtig, bildet aber nicht die rechtliche Basis des im Mai 1948 ausgerufenen Staates Israel. Dies waren die Balfour-Erklärung von 1917 und das Völkerbundmandat von 1922. Dies festzuhalten ist völkerrechtlich sehr wichtig.

    Der Film Exodus – so spannend er auch ist – hat mit der wahren Geschichte der Exodus und ihrer Passagiere nichts zu tun.

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