Antisemitische Bildsprache bei documenta

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Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit Darstellungen von Juden als tierische Wesen mit Dracula-Zähnen (und Schläfenlocken) samt SS-Rune auf dem Hut. Foto IMAGO / Hartenfelser
Banner des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi mit Darstellungen von Juden als tierische Wesen mit Dracula-Zähnen (und Schläfenlocken) samt SS-Rune auf dem Hut. Foto IMAGO / Hartenfelser
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Die am Samstag eröffnete Weltkunstausstellung documenta in Kassel hat einen handfesten Skandal. Politiker sowie Vertreter jüdischer Verbände sehen bei einem der Kunstwerke eine antisemitische Bildsprache.

von Norbert Demuth und Christoph Arens

Dabei geht es insbesondere um ein Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. „Mein persönlicher Eindruck ist, dass hier eine antisemitische Bildsprache vorliegt“, erklärte Hessens Kunstministerin Angela Dorn am Montag in Wiesbaden. Ähnlich äusserte sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Hier finde Kunstfreiheit ihre Grenze. „Die Menschenwürde, der Schutz gegen Antisemitismus, wie auch gegen Rassismus und jede Form der Menschenfeindlichkeit sind die Grundlagen unseren Zusammenlebens“, unterstrich Roth.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, forderte die Verantwortlichen der documenta auf, Konsequenzen zu ziehen. Eine rote Linie sei überschritten. Einem Medienbericht zufolge wurde inzwischen die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Der Verein „WerteInitiative – Jüdisch-deutsche Positionen“ erklärte in Berlin, auf dem fraglichen Werk werde „ein Jude vampirartig mit Schläfenlocken, Reisszähnen, Schlangenzunge, blutunterlaufenen Augen und einer SS-Rune auf dem Hut gezeichnet. Ein mit jüdischem Davidstern bildhaft dargestellter Mossad-Agent wird durch ein Schweinsgesicht charakterisiert“, so die WerteInitiative. Deren Vorsitzender Elio Adler sprach von „klassische(m) Antisemitismus unter staatlicher Förderung“, einem „absolute(n) Dammbruch“ und „offenen Judenhass“.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, zeigte sich „entsetzt über den blanken Judenhass“, der sich in dem Bild zeige. „Personen mit Schläfenlocken und SS-Runen, dazu ein Schweinekopf mit der Aufschrift ‚Mossad‘: Das ist derart plump und so unzweideutig antisemitisch, dass man sich fragt, wozu es all die Gesprächsreihen und die langen Debatten im Vorfeld der documenta wirklich gebraucht hat, wenn am Ende trotzdem mitten in Kassel ein solches Bild gezeigt werden kann.“

Auch den am Montagabend angekündigten Schritt, das Gemälde teilweise zu verdecken und zu „kontextualisieren“, kritisierte Knobloch als „absurd“. Das „Allermindeste“ sei es, dass die Verantwortlichen die antisemitische Bildsprache vollständig aus dem öffentlichen Raum entfernen. Dies sei auch im Interesse der übrigen Künstler, sagte sie.

Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), Volker Beck, hat einem Medienbericht zufolge die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Beck sagte zur „Bild“-Zeitung: „Gemessen an den Massstäben des Urteils des Bundesgerichtshofs zur Wittenberger ‚Judensau‘ stellt das Werk des Künstlerkollektivs Taring Padi einen rechtsverletzenden Zustand dar.“ Durch die Darstellung von „Juden- und Mossad-Säuen“ werde unmittelbar auch der Geltungs- und Achtungsanspruch eines jeden in Deutschland lebenden Juden angegriffen. „Die Identifizierung eines Juden mit Kippa und Hut, markiert mit einer SS-Rune, verteufelt Juden generell.“ Er habe sich entschieden, „die Sache der Staatsanwaltschaft in Berlin und Kassel zur Prüfung vorzulegen“, so Beck.

Das American Jewish Committee (AJC) Berlin betonte, das Werk erinnere an die antisemitische Bildsprache des nationalsozialistischen Hetzblattes „Der Stürmer“. Documenta-Geschäftsführerin Sabine Schormann müsse „umgehend von ihren Aufgaben entbunden“ werden. Kulturstaatsministerin Roth habe „im Vorfeld ebenfalls nicht gehandelt“.

Die Bundesregierung hatte am Montag den Antrag der Unions-Fraktion abgelehnt, sich im Kulturausschuss mit der documenta zu befassen, erklärte die Staatsministerin für Digitales Dorothee Bär. Dies sei „inakzeptabel“. Angesichts der „massiven Vorwürfe“ gegen die Geschäftsleitung, der öffentlichen Debatte und der Bundesförderung mit Steuermitteln sei es „zwingend geboten, dass sich der Kulturausschuss zeitnah damit befasst“. Sollten sich die antisemitischen Vorwürfe bewahrheiten, müssten umgehend personelle Konsequenzen bei der documenta folgen, forderte Bär.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, erklärte, es sei „vollkommen unverständlich, wie die Documenta-Verantwortlichen es zulassen konnten, dass diese antisemitischen Werke trotz aller Diskussionen im Vorfeld ausgestellt wurden“. Es handele sich um einen „Skandal mit Ansage“.

KNA/dmu/cas/Aud

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