Zürcher Ausstellung „Anne Frank und die Schweiz“ eröffnet

Wie Anne Franks Tagebuch in die weite Welt kam

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Porträt von Anne Frank (1929-1945) im Alter von elf Jahren. Foto IMAGO / Leemage
Porträt von Anne Frank (1929-1945) im Alter von elf Jahren. Foto IMAGO / Leemage
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In Amsterdam träumte Anne Frank von Ferien im Engadin. Eine neue Ausstellung im Landesmuseum Zürich zeigt Bezüge der Familie Frank zur Schweiz auf. Ein Experte dementiert erneut, dass ein Jude die Franks verraten habe.

von Wolfgang Holz

Das Lächeln von Anne Frank ist ansteckend. Nicht nur auf dem Ausstellungs-Plakat, das ein fröhliches Mädchen zeigt. Auch eine Schwarzweiss-Aufnahme von 1936 wirkt anrührend: Die siebenjährige Anne ist in den Sommerferien in Sils-Maria und sitzt entspannt und mit offenem Blick auf einer Bergwiese. Im Engadin verbrachte sie öfters die Ferien bei ihrer Grosstante.

Auch in Adelboden im Winter genoss Anne Frank den Schnee und die Berge. Vor allem beneidete sie im Amsterdamer Exil immer wieder die Kufenkünste ihres Schweizer Cousins Buddy Elias: „Ich hoffe, dass ich auch so gut Schlittschuhlaufen lerne wie Bernd (…) vielleicht könnten wir später zusammen auftreten“, schreibt sie im Januar 1941 an ihre Grossmutter.

Bereits ein Jahr später musste sich die 13-Jährige in einem Hinterhaus zwei Jahre lang vor der Gestapo verstecken – bis sie 1944 verraten und deportiert wurde. Im März 1945 starb Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen mit nur 15 Jahren, vermutlich an Typhus.

Die Zürcher Ausstellung „Anne Frank und die Schweiz“, die an diesem Donnerstag ihre Türen öffnet, ist eine Kooperation des Landesmuseums Zürich, des Jüdischen Museums Frankfurt und des Anne-Frank-Fonds in Basel, den Anne Franks Vater Otto 1963 ins Leben gerufen hatte, um den Nachlass zu regeln. Als einziger der Familie hatte er den Holocaust überlebt.

Martin Dreyfus, Stiftungsratsmitglied des Anne-Frank-Fonds in Basel, dementierte zur Eröffnung erneut das Gerücht, wonach ein Jude die Familie Frank verraten habe. „Wer die Familie 1944 an die Nazis verraten hat, ist trotz vieler Theorien bis heute nicht geklärt“, sagte Dreyfus am Mittwoch bei einem Medienrundgang. Diese Frage werde man vermutlich auch nicht mehr klären können.

Die Ausstellung in Zürich dokumentiert anschaulich das schreckliche Schicksal der Familie. Über Anne Frank und die Schweiz im engeren Sinne sind allerdings nur wenige Exponate zu finden – weil das jüdische Mädchen seit 1933 in Amsterdam im Exil lebte und nur einige Ferien bei ihren Verwandten in der Schweiz verbrachte.

Im ersten Raum der Ausstellung, der als bürgerliches Wohnzimmer mit Lüster und edler Tapete dekoriert ist, werden vor allem Fotos vom idyllischen Familienleben der Franks in Frankfurt gezeigt, wie Projektleiterin und Kuratorin Rebecca Sander erläutert. Dazu die militärischen Orden, die Vater Otto und sein Cousin im Ersten Weltkrieg für ihre Fronteinsätze erhalten hatten.

Der zweite Saal ist überwiegend dem Leben der Familie Elias-Frank in der Schweiz gewidmet – also der Familie von Anne Franks Tante Leni. Hier hängt etwa eine Werbung der Firma Opekta-Geliermittel. Diese wurde von ihrem Mann als Filiale der gleichnamigen Firma von Otto Frank in den Niederlanden gegründet.

„Voor Joden verboden“

Mit diesen Geliermitteln kochten damals Hausfrauen Konfitüre ein. Aber auch Symbole von Nazi-Begeisterung in der Schweiz, etwa eine Hakenkreuzfahne am Basler Rathaus, sind auf einem Foto zu entdecken. Die Genese der Judenverfolgung in den Niederlanden wird anhand eines Judensterns und Plakaten wie „Voor Joden verboden“ illustriert.

Im dritten Raum ist die beklemmende Atmosphäre des Amsterdamer Verstecks nachzuempfinden: in karger Beleuchtung ein Esstisch, auf dem die immer kargeren Hungerrationen numerisch symbolisiert aufgetischt wurden. Ein Radioempfänger steht im Raum, an dem die Familie wohl täglich die Nachrichten zu Hitlers Kriegsverlauf abhörte. Eine Passerelle mit KZ-Fotos von Auschwitz leitet in den letzten Saal der Ausstellung über. Hier geht es in erster Linie um Anne Franks Tagebuch, von dem ein Faksimile zu sehen ist. 

Der Niederländer Mies Giep hatte Annes Tagebuch, zwei Notizhefte und über 200 lose Blätter nach dem Krieg an Otto Frank übergeben. Letzterer las im Herbst 1945 die Texte seiner Tochter, die immer Schriftstellerin werden wollte, und beschliesst, sie zu veröffentlichen. 1947 erschien in den Niederlanden die erste Ausgabe des Tagebuchs, 1952 in Deutschland. An einer Wand im Saal hängen zig Ausgaben des mittlerweile in 70 Sprachen übersetzten Buches. „Es wird noch immer stark nachgefragt und von Jugendlichen gelesen“, sagt Martin Dreyfus vom Anne-Frank-Fonds Basel.

Bilder von Otto Frank, dem Holocaust-Überlebenden, bilden den Abschluss der Ausstellung. Nach der Befreiung durch die Russen war Frank nicht nur schwer krank, sondern hatte alles verloren: seine Familie, seine Firma, sein Hab und Gut und sogar seine Staatsbürgerschaft. Der jüdische Kaufmann stand vor dem Nichts und zog 1952 nach Basel zu seiner Schwester Leni. 1980 starb Otto Frank mit 91 Jahren, nachdem er von Basel aus die Verbreitung von Annes Tagebuch vorangetrieben hatte.

Begleitend zur Ausstellung ist vor dem Landesmuseum Zürich die Eisenplastik „Shoah“ des 2021 gestorbenen Künstlers Shang Hutter aus Solothurn zu sehen. Das Holocaust-Mahnmal steht gleich am Haupteingang. Der Künstler hatte die Plastik 1998 vor dem Bundeshaus platziert, um gegen die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu protestieren.

KNA/brg/cdt

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