Die sowjetischen Ursprünge des linken Antizionismus

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Symbolbild. Foto IMAGO / Panthermedia
Symbolbild. Foto IMAGO / Panthermedia
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Die heutigen Israelhasser sind die Erben einer der längsten und effektivsten antisemitischen Propagandakampagnen der modernen Geschichte.

von Avner Yeshurun

Die Wissenschaftlerin des Kennan-Instituts, Izabella Tabarovsky, schrieb 2019 in einem Essay für Fathom, dass es der Sowjetunion mit ihrer Kampagne gegen den Zionismus und die Juden „gelungen ist, den Zionismus seiner Bedeutung als nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes zu berauben und ihn stattdessen mit Rassismus, Faschismus, Nazismus, Völkermord, Imperialismus, Kolonialismus, Militarismus und Apartheid in Verbindung zu bringen.“ Es überrascht nicht, dass zum Beispiel Studenten an Hochschulen und Universitäten in den Vereinigten Staaten oft ähnliche, wenn nicht sogar identische Rhetorik von antizionistischen Gruppen wie Students for Justice in Palestine (SJP), Solidary for Palestinian Human Rights (SPHR) und Jewish Voice for Peace (JVP) hören.

Die jahrzehntelange antisemitische und antizionistische Kampagne der Sowjets hatte viele Gesichter und beschränkte sich nicht auf Erklärungen der sowjetischen Regierung selbst. Überall dort, wo kommunistische Zellen aktiv waren, in jedem von Moskau kontrollierten Radiosender, in jeder Druckerei, die Anweisungen aus dem Kreml erhielt, stand die Dämonisierung des Zionismus im Vordergrund und wurde immer mit bestimmten aktuellen Ereignissen in Verbindung gebracht, um die Glut des ältesten Hasses der Welt am Lodern zu halten.

Die Kampagne ging auch über blosse Rhetorik hinaus. Zuweilen ging es um regelrechte Justizmorde. So wurde 1951 der führende tschechische Kommunist Rudolf Slansky inhaftiert und gestand unter extremer Folter fälschlicherweise die Beteiligung an einer zionistischen Verschwörung, wofür er die Todesstrafe erhielt. 1952, in der „Nacht der ermordeten Dichter“, liess Stalin 13 prosowjetische jüdische Intellektuelle wegen angeblicher Loyalität zu Israel und dem „imperialistischen Lager“ hinrichten. Dies sind nur zwei von vielen Beispielen.

An den Hochschulen von heute äussern sich solche verdrehten antizionistischen Verschwörungstheorien in der ständigen Anfeindung jüdischer Studenten. Im Jahr 2019 hängte die SJP-Sektion an der Emory-Universität Räumungsaufforderungen an die Türen jüdischer Studenten. Die Zettel enthielten Statistiken über palästinensische Häuser, die von Israel zerstört wurden, und die Gruppe erhielt von der Wohnheimverwaltung die Erlaubnis, sie anzubringen. Wie bei der sowjetischen Kampagne waren Juden das Ziel, nicht nur „Zionisten“, was schon schlimm genug gewesen wäre. Im Februar dieses Jahres griff die SJP an der Universität von Chicago sogar die Idee der jüdischen nationalen Identität an und behauptete, sie sei von der zionistischen Bewegung erfunden worden. Dovid Efune, Chefredakteur von The Algemeiner, sagte über den Antisemitismus auf dem Campus: “ Der wichtigste Indikator ist das Vorhandensein einer Gruppe von Students for Justice in Palestine“.

Eine weitere Taktik der sowjetischen Propaganda bestand darin, die Realität des Holocausts zu verdrehen. Im Jahr 1961 beispielsweise stellten die Sowjets die Gültigkeit des Eichmann-Prozesses offen in Frage und behaupteten, Israel trete in die Fussstapfen Nazideutschlands. Als der Prozess näher rückte, begann die sowjetische Presse, Eichmanns Verteidiger anzugreifen, nannte Israel einen Verräter am Andenken der Opfer des Holocaust, weil es mit „Hitlers Erben“ in Westdeutschland zusammenarbeitete, und behauptete sogar, Israel und Westdeutschland würden sich verschwören, um zu verhindern, dass andere Nazis vor Gericht gestellt würden.

Ironischerweise bediente sich der sowjetische Antizionismus selbst in grossem Umfang der Rhetorik und Bildsprache der Nazis. Viele prominente Autoren von Propagandamaterial wie Trofim Kichko, Juri Iwanow, Lew Kornejew und andere griffen ungeniert auf Ideen aus den Protokollen der Weisen von Zion und Mein Kampf zurück. Sie gaben den Juden sogar die Schuld an der Ausrottung von Juden und Nichtjuden während des Zweiten Weltkriegs. Heute halten antizionistische Gruppen dieses Erbe am Leben, indem sie den Zionismus routinemässig mit den Nazis vergleichen. Shahd Abusalama, Professor an der Universität Sheffield im Vereinigten Königreich, fand es beispielsweise akzeptabel, dass ein Student im ersten Studienjahr eine israelische Operation in Gaza mit dem Holocaust verglich.

Einer der grössten Erfolge der sowjetischen Propagandamaschine war die Annahme der Resolution „Zionismus ist Rassismus“ durch die Vereinten Nationen im Jahr 1975. Ihre Aufhebung im Jahr 1991 hatte kaum Auswirkungen auf die Haltung der Vereinten Nationen gegenüber Israel. Die Statistiken aus dem Jahr 2020 sind besonders anschaulich: Israel war Ziel von 17 UN-Resolutionen, während alle anderen Länder zusammen, einschliesslich Regime wie Iran und Nordkorea, sechs Resolutionen erhielten. Auf dem Campus wird Israel häufig in der gleichen Sprache angegriffen. Zum Beispiel bezeichnete ein Teilnehmer einer SJP-Poesielesung in Cornell Israel als „rassistischen, exklusivistischen, völkischen Staat“.

Während ihrer gesamten antizionistischen Kampagne lautete die offizielle sowjetische Linie, dass Antizionismus kein Antisemitismus sei. In einem Artikel der Washington Post aus dem Jahr 1979 hiess es: „Obwohl die Zahl der antisemitischen Bücher und Denunziationen seit dem Sechstagekrieg 1967 [in der Sowjetunion] kontinuierlich zugenommen hat, gab es in den letzten Monaten bemerkenswerte Neuzugänge in diesem Genre. Offiziell werden sie als ‚antizionistisch‘ bezeichnet. Die sowjetischen Bürokraten weisen vehement zurück, dass ‚Antizionismus‘ gleichbedeutend mit ‚Antisemitismus‘ ist. Für viele sowjetische Juden ist das eine Unterscheidung ohne Unterschied.“

Heutzutage ist dies eines der beliebtesten Argumente unter linken Antizionisten und Antisemiten. In der Tat ist es bezeichnend, dass Anti-Israel-Gruppen wiederholt versucht haben, Universitäten und Behörden daran zu hindern, die Arbeitsdefinition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance zu übernehmen, die bestimmte Arten von anti-israelischer Rhetorik als antisemitisch definiert. An der City University of New York (CUNY) zum Beispiel twitterte die ehemalige Vorsitzende der SJP-Sektion der CUNY, Nerdeen Kiswani: „#IHRAoutofCUNY wir wissen nur zu gut, dass diese gezielte Vermischung von Antisemitismus mit Antizionismus gegen Palästinenser und Organisatoren für Palästina verwendet wird. Wir müssen unser Recht schützen, uns zu organisieren und uns gegen Unterdrückung auszusprechen.“

Es besteht kein Zweifel, dass der heutige linke Antizionismus und Antisemitismus direkt auf die antizionistische Propagandakampagne der Sowjets zurückzuführen ist. Dies zu wissen ist der erste und vielleicht wichtigste Schritt auf dem Weg zu einem ausgewogenen und ehrlichen Dialog über dieses Thema.

Avner Yeshurun studiert Finanzwesen an der Universität von Miami und ist ein CAMERA on Campus Fellow für das Jahr 2022. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

3 Kommentare

  1. Um das nochmals etwas konkreter zu fassen: Die OHL hatte Lenin und den Bolschewiki erfolgreich ein Bündnis angeboten. Ziel war, den Krieg an der Ostfront zu beenden und Russland zu destabilisieren. Beides ist mit der Oktoberrevolution und dem Frieden von Brest-Litwosk geglückt. Nur die Bolschewiki wollten mit den Deutschen Frieden schließen. Der anschließende Bürgerkrieg, die Massentötungen, die Hungersnöte brauche ich nicht auszuführen.
    In der Proganda-Abteilung der OHL gab es viele Arbeitsgruppen, darunter wurde auch die oben genannte Anti-Imperialismus Theorie ausgearbeitet. Dazu gehörte, dass alle Muslime unterdrückt und ausgebeutet werden vom westlichen Kapitalismus und Imperialismus. Der entscheidende Punkt ist, dass alle Zionisten mit diesen westlichem Kapitalismus gleichgesetzt wurden. Eigentlich sind die Anti-Imp theorien in der SU und in der islamischen Welt verschieden voneinander. Mittlerweile sind es verflochtene Selbstläufer. Hinzu kam der Kalte Krieg. Es ist aber eine originäre deutsche Erfindung. Daher wird auch der Antisemitismus so stark betont. Dass das alles katastrophal ist, brauche ich auch nicht zu erwähnen. Diese Theorie hat die Linke vernichtet und zu Verrat bis hin zu den Schauprozessen, Morden und Demütigungen gegen jüdische und kritische GenossInnen geführt. Abgesehen davon ist die PLO nicht „links“, das sind Verbrecher und Terroristen.

  2. DANKSAGUNG
    (Freeware, Jürgen Friedrich)

    Dem Erfinder der Schöpfung gebührt unser Dank.
    Er setzte das Universum in Gang,
    indem er sprach ES WERDE LICHT.
    Heraus kam neulich dieses Gedicht.

    Zwischendurch – aber auch nicht vergebens –
    erschuf sein Wort den Baum des Lebens
    mit einer Prise Evolution
    – für Atheisten d i e Ersatz-Religion.

    Die Blüten und Blätter an seinen Zweigen
    dem Schlaukopf glasklar anzeigen,
    wie besagte Schöpfermacht
    „ewiges Leben“ hat ausgedacht.

    Stattdessen sich der Mensch gern denkt,
    ihm wurde Leben ja geschenkt.
    Dieser Irrtum wird verziehen,
    wenn du einsiehst, es ist nur geliehen.

    Insofern ist jeder Antizionismus
    ein totaler Idiotismus,
    wie übrigens auch der Antisemitismus,
    der korrekter hieße Antijudaismus.

  3. Das sehe ich etwas anders. Die SU hat sicher in der Hochzeit des Kalten Krieges die Anti Imperialismus Theorie aufgegriffen. Aber entworfen hat sie die oberste Heeresleitung im ersten Weltkrieg, um Muslime zu überzeugen, auf ihrer Seite zu kämpfen. Antisemitismus und die OHL waren ein Synonym.

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