Zweisprachige Schule in Jerusalem als Modell für Friedensarbeit

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Max Rayne Hand in Hand Schule in Jerusalem. Foto www.handinhandk12.org
Max Rayne Hand in Hand Schule in Jerusalem. Foto www.handinhandk12.org
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Gemeinsam statt getrennt. Klingt anstrengend im konfliktbeladenen Jerusalem – ist es auch. Für die zweisprachige Hand-in-Hand-Schule und ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Schüler ist es aber der einzige Weg.

von Andrea Krogmann

Sie ist das Flaggschiff eines einzigartigen Modellprojekts: An der „Max Rayne“-Hand-in-Hand-Schule in Jerusalem unterrichten arabischsprachige und hebräischsprachige Lehrerinnen und Lehrer Kinder aus allen Teilen der Stadt: Muslime, Christen, Juden, von der Vorschule bis zum Abitur. Der Erfolg der 1998 gegründeten Schule spricht für sich: Aus anfangs einer Schule mit 50 Kindern in Jerusalem sind inzwischen sieben Schulen landesweit mit rund 2.000 Schülerinnen und Schülern entstanden. Auch im Jerusalemer Mutterhaus wurde es zu eng. Ein Neubau für den vor elf Jahren eingerichteten Gymnasialzweig sollte Abhilfe schaffen. Am Montag wurde er nach dreieinhalb Jahren Bauzeit feierlich eingeweiht.

Der Blick vom Dach des Neubaus reicht über das jüdische Stadtviertel Pat ebenso wie das arabisch geprägte Beit Safafa. Immer wieder gibt der verschachtelte Campus den Blick frei auf die Stadt. Die Architektur spiegele eine der Maximen der Schule wider, sagt Alex Zaslav, in der jüdisch-arabischen Organisation „Hand in Hand“ für Fundraising zuständig. „Was draussen passiert, soll in der Schule sichtbar sein, was in der Schule geschieht, das Aussen nähren.“

„Die Schule darf keine Blase sein“, sind sich die jüdische Gymnasialrektorin Efrat Meyer und ihre muslimische Vizerektorin Angie Wattad einig. De facto seien die Kinder „kleine Botschafter“ der Schule, wo immer sie unterwegs sind. In der komplexen Realität Jerusalems mit ihren Spannungen und Spaltungen müssen sie sich „tagein, tagaus erklären und rechtfertigen“, sagt Meyer. Um die grosse Last auf den kleinen Schultern wissend, engagiert sich die Schule in gemeinschaftsbildenden Aktivitäten für Eltern und eine weitere Öffentlichkeit.

Als das Modellprojekt seinen Lauf nahm, gab es keine fertigen Lehrmaterialien oder Konzepte, sagt Alex Zaslav. Bis heute sei die Frage Alltag, wie in dieser speziellen Realität ein gemeinsames Unterrichten in „zwei Narrativen, Kulturen und Sprachen“ so gelingen kann, dass es Raum für jeden einzelnen und schliesslich gemeinsamen Raum für alle gebe – zusammen mit einer qualitativ guten Bildung. Immer wieder müsse das Konzept überdacht und angepasst werden, einfach sei der Alltag nie.

„Wenn ein Mensch von der anderen Seite des Konflikts zum Betreuer wird, ist das ein sehr wichtiger, ein heilender Moment“

„Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns in vielem uneins sind“, sagen Meyer und Wattad. Gemeinsam aber stehen sie für die Werte, die sie den „Führungskräften von Morgen“ mit auf den Weg geben wollen: Zuhören, den anderen, seine Sicht und seine Sprache kennenlernen und Empathie entwickeln, auch in der Meinungsverschiedenheit. Die Lehrenden seien dabei Rollenvorbilder. „Wenn ein Mensch von der anderen Seite des Konflikts zum Betreuer wird, ist das ein sehr wichtiger, ein heilender Moment“, so Efrat Meyer.

Der finanzielle Aufwand für diesen besonderen Ansatz ist hoch, so die Verantwortlichen. In Vor- und Grundschule wird zweisprachig mit zwei Lehrern unterrichtet. Erst im Gymnasium wird je nach Fach in einer Sprache – Arabisch, Hebräisch oder Englisch – unterrichtet. In kritischen Fächern wie Sozialkunde oder Geschichte gilt auch in den höheren Klassen das Doppelprinzip, damit die verschiedenen Narrative einen gleichberechtigten Platz haben. Jeder, der nach diesem Ansatz unterrichtet werden will, soll an der Schule einen Platz haben, unabhängig vom Einkommen der Eltern, notfalls durch ein Stipendium.

Die Hälfte ihres Budgets erhält die als öffentliche Schule anerkannte Einrichtung in privater Trägerschaft vom israelischen Bildungsministerium, zehn Prozent kommen aus Schulgebühren, der Rest ist spendenfinanziert. Als 2007 der erste Campus errichtet wurde, hätten die Stadt Jerusalem, „das Land und darüber hinaus keinen Pfennig“ gegeben, erinnerte Irene Pollak von der „Jerusalem Foundation“ anlässlich der Einweihung. „Man war sich nicht so sicher, ob man eine solche Schule in Jerusalem will.“

Die Zeiten haben sich geändert. Die Hälfte der Kosten für den neuen Bau kamen diesmal von der Stadt. Ein stolzer Bürgermeister Mosche Leon liess es sich nicht nehmen, zusammen mit den Schülern am Montagnachmittag das Band durchzuschneiden. Die Schule sei, sagte er in seiner Ansprache, „ein gelungenes Beispiel für das gemeinsame Lernen und das Zusammenleben“ und damit „eine Brücke für eine gemeinsame Zukunft“.

Dann gehört die Bühne denen, für die das Zusammenleben längst keine Zukunftsmusik mehr ist. Ein hebräisches Kinderlied folgt auf ein arabisches Volkslied. Klassische westliche Instrumente mischen sich mit Klängen der orientalischen Oud. Die Musiker: junge Christen, Muslime und Juden, arabisch- und hebräischsprachige Schülerinnen und Schüler der Schule. Sie sind der lebende Beweis für deren Credo: Die Zukunft muss gemeinsam gestaltet werden.

KNA/akr/iki/sky

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