Michael Wolffsohn: Eine andere Jüdische Weltgeschichte

Ein roter Faden in der Weltgeschichte

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Die Menorah auf dem Titus-Bogen in Rom. Foto IMAGO / Cola Images
Die Menorah auf dem Titus-Bogen in Rom. Foto IMAGO / Cola Images
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Eine leicht verständliche und angesichts des Unterfangens doch recht kompakte Weltgeschichte des Judentums hat der deutsche Historiker Michael Wolffsohn, der heute 75 Jahre alt wird, vorgelegt. Interessant ist das Buch nicht nur deswegen, weil es einen fundierten historischen Überblick bietet, sondern auch auf theologische Fragen eingeht. Eines wird dem Leser klar: Judentum und das Land Israel sind nicht voneinander getrennt zu betrachten.

Wolffsohn geht nicht streng chronologisch vor, sondern springt zeitlich und geografisch, wo es Sinn macht, zieht Verbindungen, die einzelne Aspekte der (jüdischen) Weltgeschichte verdeutlichen. Er spricht auch theologisch interessante Fragen an, zu Traditionen und Ritualen, die sich vielleicht auch viele Nichtjuden stellen. Warum werden Juden beschnitten, warum tragen Männer eine Kippa, gibt es ein Bilderverbot im Judentum? Der Autor spricht auch sensible Fragen an wie die nach einem „jüdischen Gen“, und schliesslich seine sehr provokante These: „Sogar der Antisemitismus hat seine guten Seiten.“

Der in Tel Aviv geborene Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist, er war von 1981 bis 2012 Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Der Autor zahlreicher Bücher über das Judentum, Israel und den Nahostkonflikt wurde 2017 zum Hochschullehrer des Jahres gewählt. Den Nahostkonflikt, zu dem Wolffsohn als häufig angefragter Experte viel zu sagen hätte, blendet er in seiner „anderen Jüdischen Weltgeschichte“ grösstenteils aus – es würde den Rahmen sprengen. Auch auf den deutschen Nationalsozialismus geht Wolffsohn eingeschränkt und nur dort ein, wo es notwendig ist.

Etwa 31 Prozent der Weltbevölkerung sind Christen und 25 Prozent Muslime. „Quantitativ sind die Juden mit 0,2 Prozent eine zu vernachlässigende Minderheit“, stellt der Autor fest. Und dennoch spielt diese kleine Religionsgemeinschaft eine wichtige Rolle für die Weltgeschichte. Warum ist das so? „Ohne das kleinfeine Judentum kein Christentum, ohne Judentum plus Christentum kein Islam“, beantwortet Wolffsohn einen wichtigen, aber keineswegs einzigen Teil der Frage.

Das Buch teilt sich auf in einen ersten Teil mit einem historischen Überblick, einen Parforceritt durch die Geschichte der Juden in den verschiedenen Ländern und Erdteilen. Alle eint ein Phänomen: Ob unter Kaiser Konstantin, im Europa des Mittelalters, in England unter William dem Eroberer oder in den Niederlanden: Juden waren meistens eher geduldet als erwünscht, und zwar so lange, wie sie wirtschaftlichen Nutzen brachten. Wolffsohn spricht von einem „judenhistorischen Muster“. Viele der Juden konnten lesen und schreiben, man erlaubte ihnen oft nur einen Beruf: den Geldverleih. Von den Pestpandemien ab 1348 bis ins frühe 16. Jahrhundert gab es in Europa mehrere Judenvertreibungen (etwa 1492 aus Spanien, 1497 aus Portugal und zuletzt 1519 aus Regensburg). „Nun waren Europas Mitte und Westen quasi ‚judenrein’“, schreibt Wolffsohn. Und wenn die Obrigkeit die Juden duldete, dann nur gegen Bezahlung. Ins eigene Land geholt wurden Juden meistens nur aus Eigennutz, und dann auch nur wohlhabende Juden. Die Folge: Juden wurde eine Liebe zum Mammon nachgesagt. Eine Ironie der Geschichte.

Wolffsohn sieht bei den Juden in der Weltgeschichte eine „Existenz auf Widerruf“. Juden existierten, aber immer nur so lange, wie die Obrigkeiten und Völker sie im Land duldeten. Und er zeigt ein grundlegendes „klassisches“ antisemitisches Prinzip auf, das sich durch die Jahrhunderte zieht: „Juden diskriminieren? Ja! Juden liquidieren? Nein! Wenn dieser ‚klassisch‘ diskriminatorische Antijudaismus ‚aus Versehen‘ in einen liquidatorischen umschlägt, kann der Akteur des klassischen seine ‚Hände in Unschuld waschen’“. In deutschen Kirchen mehr als woanders war das vulgäre Motiv der „Judensau“ beliebt. Am Hut und, wie Prostituierte, am gelben Stoffring mussten Juden seit 1215 an ihrer Kleidung erkennbar sein. Ans Judengelb knüpften die Nazis später an.

„Entspannte“ 368 Seiten jüdische Weltgeschichte

Ganz nebenbei ist Wolffsohns umfangreicher, in der Detaildichte genau richtige Überblick über die Jüdische Geschichte auch ein guter Überblick über die Weltgeschichte. Wolffsohn setzt den Fokus zwar auf Europa, zeichnet aber auch die Entwicklung des Judentums in anderen Weltteilen nach (Ägypten, Iran, Irak, Osmanisches Reich, die arabischen Halbinsel, Afrika und so weiter). Die angeblichen „Verlorenen Stämme Israels“ spricht Wolffsohn leider nicht an; aber zumindest streift er die „Falaschas“ in Äthiopien, die vom israelischen Rabbinat als Abkömmlinge eines der zehn verlorenen Stämme Israels anerkannt wurden. Für Wolffsohn hingegen sind es „irgendwann zum Judentum Konvertierte“.

Bemerkenswert ist seine Beschreibung der Juden in Afghanistan, wo beim Wiedereinzug der Taliban im August 2021 noch ein (!) Jude lebte, der aber im September 2021 auch das Land verliess –  das Ende der rund 1000-jährigen jüdischen Geschichte Afghanistans, so Wolffsohn. Lakonisch fügt er hinzu: „Heute ist Afghanistan ‚judenfrei‘.“ Ebenso erhellend sind seine Ausführungen zu Algerien, wo Juden Napoleon Geld für seinen Italienfeldzug liehen, die Kredite aber nie zurückbekamen; der Streit um diese, wegen Zinsen irgendwann auf 14 Millionen Franc angewachsene Summe war nicht nur Auslöser schlimmer Judenverfolgung im Land, sondern auch für den späteren Krieg zwischen Algerien und Frankreich und die französische Kolonialisierung des Landes. Auch den Ursprung der „Ritualmordlegende“, derzufolge Juden im England des Frühmittelalters ein Christenkind ermordeten, um Christenblut in ihre Matzen zu mischen, klärt Wolffsohn auf. Die Legende sorgte über Jahrhunderte für Verfolgung von Juden bis in unsere Zeit.

Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert
Der Autor und Historiker Prof. Dr. Dr. Wolffsohn anlässlich einer Lesung. Foto IMAGO / Uwe Steinert

Wieso ist Wolffsohns jüdische Weltgeschichte „anders“? Der Autor bemühte sich nach eigenem Bekunden, eine gut lesbare, „entspannte“ jüdische Weltgeschichte zu schreiben. Für die Geschichte eines Volkes, das seit über 3.000 Jahren existiert, erscheinen 368 Seiten fast eher wie ein Taschenbuch. Das Buch liest sich gut, der Autor bietet einen fundierten, allgemeinverständlichen Überblick, der an vielen Stellen anregt, sich mit einzelnen Aspekten auf eigene Faust weiter zu beschäftigen. Wolffsohn bewegt sich stilistisch nah an der gesprochenen Sprache, was ab und zu ein wenig salopp wirkt, aber zugunsten der Verständlichkeit geht. (Beispiel:  „Die Logik der Aristokratie war simpel: Jude tot, Schulden weg. Und überhaupt, Zinsen auf geliehenes Geld zu verlangen: ganz und gar unchristlich. Eins, zwei, drei war auch das Gewissen beruhigt.“)

Mörderischer Heilsplan Gottes?

Besonders interessant wird das Buch im zweiten Teil, wenn Wolffsohn auch auf theologische Aspekte eingeht. Der Gottesname JHWH etwa sei mit „Ich bin der ‚ich-bin-da“ in der Einheitsbibel zwar schön, aber falsch übersetzt. Besser sei nach Buber und Rosenzweig: „Ich werde da sein, als der ich da sein werde.“ Auch dass der Heilige Geist keineswegs eine christliche Spezialität sei, deckt Wolffsohn auf (Der „Ruach elohim“ taucht auch in der hebräischen Bibel mehrfach auf.) Und auch den Glauben an die Auferstehung gibt es im Judentum, keine genuin christliche Theologie also. Der Davidstern wiederum sei keineswegs auf die Bibel zurückzuführen, erklärt Wolffsohn, vielmehr habe das Symbol erst im 19. Jahrhunderts in Westeuropa seine Bedeutung unter den Juden gewonnen.

Wolffsohn spricht auch tabuisierte Fragen an, die sich eventuell viele Nicht-Kenner des Judentums stellen. Geld, „der Mammon“, werde traditionell im Judentum nicht verteufelt, aber auch nicht angehimmelt. Das jüdische Wirtschaftsideal skizziert der Autor mit „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“. Denn immer sei hier auch ein Mäzenatentum mit Reichtum verbunden. „Fast leer wären heute deutsche Museen, hätte es nicht ‚Legionen‘ deutschjüdischer Bürgermäzenaten gegeben.“

Auch eine brisantere Frage geht Wolffsohn an: Bilden Juden eine „Rasse“? Ein Paläogenetiker habe ihm erklärt, dass Begriffe wie „Jude“ rein religiös-kulturell und nicht genetisch zu definieren seien. Doch man müsse gar nicht eine Nazi-Ideologie anheim fallen, wenn man sich vor Augen hält: „Dass knapp 3.000 Jahre mal freiwilliger und mal unfreiwilliger Abkapselung keine genetischen Spuren hinterlassen haben sollten, scheint höchst unwahrscheinlich“, so Wolffsohn. „Dass Deutsche dieses heisse Eisen eher nicht anfassen, ist nachvollziehbar. Dennoch Entwarnung.“

Wirklich politisch in Bezug auf die Gegenwart wird Wolffsohn kaum, er tritt aber dennoch dem häufigen Vorwurf entschieden entgegen, Israel sei ein Apartheidsstaat. Und selbstverständlich sei Kritik an Juden kein Antisemitismus, ebenso wie Kritik an Personen, Institutionen, Entwicklungen Israels. Allerdings sei es sehr wohl antisemitisch, Israels Existenzrecht zu bestreiten oder zu bekämpfen.

Mit einer provokanten These rundet Wolffsohn sein Buch ab, er behauptet: „Sogar der Antisemitismus hat seine guten Seiten.“ Er meint dies so: Erst durch die über Tausende Jahre anhaltende Judenfeindschaft habe sich ein jüdisches Kollektivs überhaupt erst erhalten können. Wolffsohn spricht von einem Heilsplan Gottes, der sich von der 400-jährigen Fronarbeit in Altägypten über die Zerstörung des Königreiches Israel 721 v. Chr., über die Zerstörung des Ersten Tempels 586 v. Chr. und das Babylonische Exil und weiter ziehe. All diese für das jüdische Volk katastrophalen Ereignisse betrachteten viele fromme Juden durchaus als Strafe Gottes für ihre Sünden. Der eigentlich entsetzliche, gegen Juden gerichtete historische, mörderische Antisemitismus sei „heilsgeschichtlich betrachtet, die Ouvertüre zur Erlösung“, so der Historiker. Er fügt hinzu: „Nebenbei: Christen sollten diese heilsgeschichtliche Denkfigur bestens kennen. Erst Kreuzigung, dann Auferstehung.“ Ja, sogar der Nationalsozialismus könne sich in die Reihe der „Strafen Gottes“ eingliedern, jedenfalls in den Augen viele orthodoxer Juden. „Dass in Auschwitz, der höllischsten Hölle des liquidierenden Antisemitismus, orthodoxe Juden, vor der Gaskammer stehend, ihre bevorstehende Ermordung ‚Gottes gerechte Strafe‘ für die eigenen Sünden sowie die ‚der Kinder Israels‘ nannten, ist mehrfach und glaubwürdig überliefert“, schreibt Wolffsohn. Das sei „schrecklich, aber wahr und makaber konsequent“ angesichts einer „Unheilsgeschichte“, die mit einer Heilsgeschichte im Judentum verquickt sei. Antisemitismus sozusagen als ein Werkzeug Gottes, um die Juden zum „wahren“ Judentum zurückzuführen. Die Gründung des Staates Israel stehe demzufolge für einen „heilsgeschichtlichen Akt der Auferstehung“. (Freilich nicht für die Orthodoxen, die in der Gründung des Jüdischen Staates „ohne ausdrückliche Zustimmung Gottes“ und das Kommen des Messias eine „Gotteslästerung“ sehen.)

Den Antisemiten hat ihr Antisemitismus geschadet

Antisemitismus, so lässt es Wolffsohn an verschiedenen Stellen anklingen, sei in letzter Konsequenz jedenfalls immer „eher ein Problem für Nichtjuden als für Juden“, „denn sie verlieren loyale, friedliche, einsatzfreudige, meist bestens ausgebildete sowie das jeweilige Gemeinwesen materiell und ideell bereichernde Bürger.“ So habe etwa der osmanische Sultan Bayazid II. (1481–1512) über Spaniens König gespottet, als dieser hörte, er wolle die Juden des Landes vertreiben: „Ferdinand soll ein weiser König sein? Er macht sein Land arm und unseres reich.“ Der Sultan hiess die Juden in seinem Reich willkommen, und sie kamen in Massen. „Immer wieder“ hätten Herrscher gedacht, durch Judenverfolgungen besonders weise, gerecht oder fromm zu handeln. „Einer von diesen war Adolf Hitler“, so Wolffsohn, „der nicht nur ein verbrecherischer Millionenmörder, sondern auch (judenpolitisch) dumm war.“ Er fügt hinzu: „Den Antisemiten hat ihr Antisemitismus geschadet.“

„Und die Moral von der Geschicht?“, fragt der Historiker zum Schluss und beantwortet die Frage so: „Antisemiten und Antizionisten aller Länder, vergesst euren Unsinn. Ihr schafft es (gottlob) nicht, die Welt judenrein umzuformen. Diese kümmerlichen 0,2 Prozent der Weltbevölkerung tun euch nichts und der Menschheit viel Gutes.“

Michael Wolffsohn: Eine andere Jüdische Weltgeschichte, 28,- Euro, 368 Seiten, Verlag Herder, ISBN: 978-3-451-38978-8

Über Jörn Schumacher

Jörn Schumacher arbeitet als freier Journalist und lebt in der Nähe von Münster. Er hat Linguistik, Philosophie und Informationswissenschaft studiert und war viele Jahre Redakteur beim deutschen Webportal Israelnetz und beim Christlichen Medienmagazin pro.

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