Den «Nakba-Tag» abschaffen

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Symbolbild. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Symbolbild. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Gibt es irgend jemanden im Nahen Osten, der nicht durch die Umwälzungen des letzten Jahrhunderts traumatisiert wurde? Wir alle feiern die Geschichte unserer Familien und schätzen die Orte, an denen wir gelebt haben, doch nur die palästinensische Führung hat die Erinnerung an die Vertreibung zu einer Waffe gemacht und sie in eine Ideologie des Völkermords verwandelt.

von Bassem Eid

Der „Nakba-Tag“, der jedes Jahr am 15. Mai begangen wird, wurde 1998 vom ehemaligen Führer der Palästinensischen Autonomiebehörde – und internationalem Drahtzieher des Terrors – Jassir Arafat eingeführt, um Israels Unabhängigkeitstag in ein Fest der Trauer zu verwandeln. Schon die Existenz Israels wurde als „Katastrophe“ – nakba auf Arabisch – gebrandmarkt, nicht aber die Vertreibung, die beide Seiten im anschliessenden Krieg betraf und die die ethnische Säuberung aller Juden aus dem heutigen Westjordanland und Ostjerusalem einschloss. Und während und nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 wurden Hunderttausende von Juden aus arabischen Gebieten vertrieben; das ist in der Tat die wahre Nakba.

Im Krieg im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina wurden jüdische Gemeinden in Gush Etzion und Atarot im heutigen Westjordanland von der unter britischem Kommando stehenden Transjordanischen Arabischen Legion entwurzelt und vertrieben. Die alte jüdische Gemeinde von Hebron, in der sich die Grabstätte der biblischen Vorväter Abraham, Isaak und Jakob, die Höhle der Patriarchen, befindet, war bereits 1929 bei einem arabischen Aufstand vertrieben und von den britischen Behörden an der Rückkehr gehindert worden.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Bagdad zu einem Drittel jüdisch, und wie heute der Tempelberg gab es dort viele Stätten, die sowohl von jüdischen als auch von muslimischen Gläubigen genutzt wurden, wie etwa das Grab des Propheten Ezechiel in al-Kifl, das jahrhundertelang sowohl eine Moschee als auch eine Synagoge beherbergte. Im Jahr 1941, während des kurzen, von den Nazis unterstützten Staatsstreichs unter der Führung von Rashid Ali al-Gailani, ermordete und vergewaltigte ein antisemitischer Mob Mitglieder der jüdischen Gemeinde Bagdads in einem Pogrom, das Farhud genannt wurde. Auch nach der Unabhängigkeit Israels verfolgte der Irak seine jüdische Gemeinde. 1951 rettete Israel im Rahmen der „Operation Esra und Nehemia“ fast die gesamte irakische jüdische Bevölkerung per Luftbrücke.

Auch die jüdische Gemeinde im Jemen wurde 1948-49, nur ein Jahr nach der Unabhängigkeit Israels, im Rahmen der „Operation Flügel des Adlers“ vom noch jungen jüdischen Staat gerettet. Der Überlieferung nach hatten viele jemenitische Juden noch nie zuvor ein Flugzeug gesehen und sahen darin die wörtliche Erfüllung der biblischen Verheissung, dass „die, die auf den Herrn warten, … sich mit Flügeln wie Adler erheben werden“ (Jesaja 40:31).

Insgesamt waren mehr als 850.000 Juden gezwungen, aus den arabischen Ländern nach Israel zu fliehen, gefolgt von mehr als 70.000 Juden aus dem Iran nach der Islamischen Revolution von 1979. Wie der Irak beherbergte auch der Iran multikonfessionelle Stätten, die von beiden Religionen verehrt wurden, wie etwa das Grab der Königin Esther in Hamadan. Am „Nakba-Tag“ 2020 setzte ein Randalierer Teile des Schreins in Brand, vermutlich aus Hass.

Die arabische Welt hat mehr Vertreibung erlebt als fast jede andere Region, wie die heutigen Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien bezeugen können. Obwohl meine Familie muslimisch ist, wurde ich im jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem geboren, das damals unter jordanischer Kontrolle stand. Im Jahr 1966, als ich 8 Jahre alt war, siedelte die jordanische Regierung meine Familie nördlich von Jerusalem in das Flüchtlingslager Shuafat um. Es war die jordanische Regierung, nicht die israelische Regierung, die mich zum Flüchtling machte.

Der Unterschied zwischen einer palästinensischen Kultur, die das Klagen zelebriert, und einer israelischen Kultur, die die Freiheit idealisiert, ist eklatant. Die Zahl der christlichen Minderheiten in den von der Palästinensischen Autonomiebehörde kontrollierten Gebieten ist zum Beispiel stark zurückgegangen. In Bethlehem ist sie allein in den letzten zehn Jahren von 84 % auf 22 % zurückgegangen. In der Zwischenzeit spielt eine islamisch geprägte Partei eine entscheidende Rolle in der derzeitigen israelischen Regierung, und der Oberste Gerichtshof Israels hat kürzlich seinen ersten muslimischen Richter, Khaled Kabub, ernannt.

Die Palästinenser sollten unser reiches Erbe feiern und, wie unsere jüdischen Cousins, unsere Verluste betrauern. Doch jetzt ist es an der Zeit für eine Versöhnung auf dem Verhandlungswege, nicht für die Aufrechterhaltung der seit Generationen bestehenden Opferrolle. Der „Nakba-Tag“ ist Teil des Opferproblems und nicht Teil einer zukunftsorientierten Lösung. Versöhnung findet nur statt, wenn beide Seiten einen Schritt zurücktreten und das gemeinsame Leid anerkennen. Der „Nakba-Tag“ bewirkt das Gegenteil. Während Israel den Palästinensern dreimal Frieden, Würde und Unabhängigkeit angeboten hat, hat Jassir Arafat die gewalttätige zweite Intifada von 2000 bis 2005 in Gang gesetzt – und Mahmoud Abbas hat es nicht geschafft, sie einzudämmen.

Israels Existenz als Katastrophe zu verklären, ist ein Zerrbild, das unsere Kinder verletzt und sie zu Krieg und Selbstmordattentaten verleitet. Fast 1 Million Juden in islamischen Ländern erlebten nach der Unabhängigkeit Israels ihre eigene Nakba. Wenn mehr Palästinenser dies verstehen würden, könnten wir vielleicht auch unsere israelischen Nachbarn besser verstehen.

Wir müssen unsere Kinder über unsere Nachbarn aufklären, um Verständnis werben und uns für den Frieden einsetzen. Die palästinensische Führung sollte die Hetze gegen Israel und Juden – einschliesslich der Verbreitung antisemitischer Stereotypen – in der öffentlichen Bildung und in den Medien beenden. Stattdessen sollten palästinensische Schulkinder und Bürger die Geschichte, die Freuden und die Traumata unserer Nachbarn, der Israelis, lernen, mit denen wir viel gemeinsam haben. Auf diese Weise können wir den Grundstein für einen neuen Nahen Osten legen, und Städte wie meine Heimatstadt Jericho im Jordantal können als Zentren der internationalen Zusammenarbeit und des Handels aufblühen. Dies kann nur erreicht werden, wenn wir lernen, den Kummer unserer Nachbarn zu verstehen, anstatt unseren eigenen zu verschlimmern.

Der „Nakba-Tag“ bewirkt das Gegenteil und sollte abgeschafft werden.

Bassem Eid ist ein palästinensischer Menschenrechtsaktivist, politischer Analyst und Journalist. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate. Übersetzung Audiatur-Online.

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