Von den Rädern des Fortschritts welche die Menschheit zurückwarfen: Die Todeszüge

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Ankunft in Auschwitz mit dem Zug. Foto IMAGO / agefotostock
Ankunft in Auschwitz mit dem Zug. Foto IMAGO / agefotostock
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Der Tag des Gedenkens an die Märtyrer und Helden des Holocaust 2022 wird in Yad Vashem unter dem Motto „Transporte ins Verderben: Die Deportation der Juden während des Holocausts“ begangen. Der Eisenbahnwaggon, das Symbol des Fortschritts und der Industrialisierung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, wurde 1939-1945 zum Symbol des Grauens.

von Adi Kantor

Hier zeigt sich die gleiche unfassbare Absurdität jener dunklen Tage: Begriffe wie „Fortschritt“, „Industrialisierung und Technologie“, „Effizienz“, „Produktion“ und „Globalisierung“ sind mit einem Schlag verschwunden. Das Versprechen des grossen Fortschritts des vergangenen Jahrhunderts, der den gesamten europäischen Kontinent in eine glorreiche und vielversprechende Zukunft führen sollte, wurde durch das Rattern alter Viehwaggons ersetzt, die nicht mit Vieh, sondern mit Menschen – Juden – vollgestopft waren. Es waren Männer, Frauen und Kinder, die bis vor kurzem noch Bürger von Ländern waren, die arbeiteten, lebten, geboren wurden und Kinder zur Welt brachten, die träumten und neue Lebensträume schmiedeten.

Von dem Moment an, in dem die auf die Viehwaggons verladenen Menschen ihrer Identität als menschliche Wesen beraubt wurden, wurden sie zu hilflosen Wesen, die nur eines wollten – noch einen Moment, eine Stunde überleben, wenn möglich. Sie waren kranke, entkräftete und erschöpfte Gestalten, die um ihr Schicksal und das ihrer Kinder bangten und sich nach einem weiteren Atemzug aus dem engen, vom Eisengitter umgebenen Fenster sehnten. Die Räder des Zuges führten nicht mehr in eine Zukunft des Fortschritts, sondern nur noch in eine Richtung – in den Tod.

Für die Deutschen, die Drahtzieher der „Endlösung“ – des minutiösen Plans zur Ausrottung des gesamten europäischen Judentums – war dies ein besonders „effizienter“ Schritt: In einen Wagen, der eigentlich achtzehn Pferde oder acht Kühe transportieren sollte, konnte man nun zwischen 150 und 200 Juden in den Tod pferchen. Für sie war dies der „Fortschritt“ schlechthin. Darüber hinaus war es sogar möglich, die Zahl der Viehwaggons zu erhöhen, die Motoren der Lokomotive zu verstärken und die Vernichtung dieser Menschen in Rekordgeschwindigkeit zu bewerkstelligen. Und als wäre das nicht genug, gingen sogar die Reisekosten zu Lasten der Juden. Auf diese Weise, so dachte man, würde die Tatsache der historischen Existenz der Juden zu einem blossen Gerücht werden. Aus diesem perversen Denken entstand die Saat für die schrecklichste Fabrik, die die menschliche Gesellschaft je geschaffen hat: Auschwitz-Birkenau. Es liegt eindeutig in den Händen der Menschen, wie der Begriff „Fortschritt“ in die Tat umgesetzt wird.

Die Vollstrecker dieses teuflischen Plans waren nicht nur Deutsche, sondern auch Bewohner der besetzten Länder und Städte selbst. Auch sie dienten als Lokomotivführer, die zu den Toren des Todes fuhren und zusammen mit der SS die Türen der Viehwaggons bewachten, um sicherzustellen, dass kein Jude in die Freiheit entkommen konnte, egal wie sehr er oder sie es auch versuchte.

Und so war sechs lange Jahre lang eine verkehrte Welt am Werk. Anstelle eines technologischen Fortschritts in die Zukunft wurde das Rad der Geschichte zurückgedreht, von den Werten der Moral und der Reinheit abgekoppelt und in die Bereiche des grössten Grauens, das die Menschheit kennt, gestürzt – Auschwitz, Treblinka, Sobibor, Belzec, Majdanek, Chelmno.

Wenn wir uns an die Geschehnisse erinnern und ihnen gedenken, dürfen wir nicht vergessen, dass der Wind des Leugnens und Vergessens in Europa und darüber hinaus heute stärker denn je weht. Halbwahrheiten, Verzerrungen und verwischte Spuren des Völkermordes sind heute im öffentlich-gesellschaftlichen Diskurs in Europa präsenter denn je. Es muss darauf geachtet werden, dass gerade bei diesen Gruppen, die zahlreich sind und sich vermehren, das Licht der Wahrheit nicht ausgelöscht wird.

Der bekannte Autor und Holocaust-Überlebende Eli Wiesel schrieb in seinen Memoiren über die Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz im Mai 1944: „Das Leben in den Viehwaggons war der Tod meiner Jugendzeit. Wie schnell ich gealtert bin.“

Möge das Andenken an die Ermordeten ein Segen sein.

Adi Kantor ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Europa-Forschungsprogramms und des Forschungsprojekts „Zeitgenössischer Antisemitismus in den Vereinigten Staaten“ am Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv. Übersetzung Audiatur-Online.

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