Bericht: Islamistischer Extremismus und Dschihadismus in Lateinamerika

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Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hisbollah und der ehemalige venezolanische Präsident Hugo Chavez. Foto IMAGO / ZUMA Wire
Hassan Nasrallah, Generalsekretär der Hisbollah und der ehemalige venezolanische Präsident Hugo Chavez. Foto IMAGO / ZUMA Wire
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Laut einem neuen Bericht mit dem Titel «Islamistischer Extremismus und Dschihadismus in Lateinamerika: Ein langjähriges und unterschätztes Phänomen», ist der islamistische Extremismus seit etwa vier Jahrzehnten in Lateinamerika präsent. Seine zunehmende Aktivität wird laut Giovanni Giacalone, dem Autor des Berichts, durch eine Reihe von Faktoren begünstigt. Dazu gehören die weit verbreitete Korruption, islamistenfreundliche Regierungen wie die der Gruppe «Bolivarische Allianz für Amerika» (ALBA), die Möglichkeit illegale Handelsnetze, insbesondere für Drogen und Geldwäsche, auszunutzen, und das Fehlen geeigneter Gesetze zur Terrorismusbekämpfung.

Interessanterweise haben islamistische Organisationen trotz ihrer langjährigen Präsenz in Lateinamerika und der dort herrschenden Bewegungs- und Handlungsfreiheit bisher nur drei grössere Terroranschläge verübt, alle gegen jüdische Ziele, alle in Argentinien, und alle wurden von Irans libanesischem Stellvertreter Hisbollah verübt. Dies könnte bedeuten, dass Islamisten den lateinamerikanischen Kontinent lieber als Drehscheibe für Logistik und einkommensschaffende Aktivitäten nutzen, als Anschläge zu verüben.

Die wegweisende islamistische Organisation in Lateinamerika ist zweifelsohne die Hisbollah, die seit den frühen 1980er Jahren präsent und aktiv ist. Die libanesische «Partei Allahs» stützte sich auf ein umfangreiches Netzwerk, das nach der Revolution von 1979 vom Iran aufgebaut wurde. Die Hisbollah ist ausserdem in grossem Umfang in den Drogenhandel und die Geldwäsche verwickelt, insbesondere von ihrer Basis an der Dreiländergrenze aus – dem Schnittpunkt der Grenzen von Argentinien, Brasilien und Paraguay.

Die Hisbollah ist jedoch nicht die einzige terroristische Organisation, die in Lateinamerika einen sicheren Hafen gefunden hat. Seit den 1990er Jahren haben mehrere andere Gruppen wie die Ägyptische Islamische Gruppe (Gamaa al-Islamiyya), der Palästinensische Islamische Dschihad (PIJ), Al-Qaida und in jüngerer Zeit der Islamische Staat (IS) in Lateinamerika Fuss gefasst.

Aus dem Tagebuch des führenden Al-Qaida-Aktivisten Khalid Sheikh Mohammed, dem operativen Planer der Anschläge vom 11. September 2001, geht hervor, dass er und Osama bin Laden im Dezember 1995 eine Moschee in der Stadt Foz do Iguazo auf der brasilianischen Seite der Dreiländergrenze besuchten.

Die Muslimbruderschaft ist in den meisten lateinamerikanischen Ländern aktiv, insbesondere in Mexiko, Brasilien, Argentinien und Peru. Die «Islamistische Widerstandsbewegung» (Hamas), der palästinensische Zweig der Muslimbruderschaft, ist in Südamerika ebenfalls präsent und bemüht sich, von verschiedenen Regierungen Unterstützung für ihre Sache gegen Israel zu erhalten. So unterhielt die Hamas beispielsweise eine herzliche Beziehung zu Hugo Chavez, dem Herrscher Venezuelas von 2002 bis zu seinem Tod im Jahr 2013.

Der IS hat in Lateinamerika auffallend viele Sympathisanten gefunden, insbesondere in Trinidad und Tobago, wo sich zwischen 2013 und 2016 rund 240 Staatsangehörige dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen haben – eine beachtliche Zahl für ein Land mit einer Gesamtbevölkerung von 1,3 Millionen. Wie in Kapitel zwei untersucht wird, hat Trinidad und Tobago eine lange Geschichte des islamistischen Extremismus, die mit der amerikanischen Black-Power-Bewegung und dem Wachstum der militanten salafistischen Ideologie auf der Insel zusammenhängt. Auch in Brasilien sind IS-Zellen festgestellt worden.

In Brasilien wächst die Besorgnis über die Ausbreitung des Salafismus unter der Bevölkerung in den Favelas. Dieses Phänomen wurde auch in Peru festgestellt, doch wie in Kapitel drei erläutert wird, hat dies nicht dem IS, sondern «beteiligungsorientierten» Islamisten wie der Muslimbruderschaft und Tablighi Jamaat den Weg geebnet. Dieser Aspekt ist nicht zufällig, da die extremistische und dschihadistische Ideologie dort leicht Fuss fassen kann, wo es keine Institutionen gibt, und durch eine hohe Armutsquote noch verschärft wird.

Den vollständigen Bericht (PDF) herunterladen.

Der Autor des Berichts ist leitender Analyst für das italienische Team für Sicherheit, Terrorismusfragen und Notfallmanagement der Katholischen Universität Mailand und Teamkoordinator für die «Lateinamerika-Gruppe» des International Institute for the Study of Security. Auf Englisch zuerst erschienen bei European Eye on Radicalization. Übersetzung Audiatur Online.

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