Soziologin: Bewusstsein für Vielfalt jüdischen Lebens wächst

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Symbolbild. Foto IMAGO / Michael Schick
Symbolbild. Foto IMAGO / Michael Schick
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Die Vielfalt jüdischen Lebens rückt nach Einschätzung der Soziologin Karen Körber allmählich stärker in das öffentliche Bewusstsein. „Die Medien lassen sich langsam darauf ein, dass es eine jüdische Gegenwart gibt – jenseits von Bildern, die sich lange mit der öffentlichen Darstellung von Juden und Judentum verbunden haben“, sagte sie am Dienstag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). In Deutschland sei dieses Bild lange von den Opfern der Schoah geprägt gewesen – und es sei „völlig richtig“, daran zu erinnern. „Aber es gab lange kaum ein Bewusstsein dafür, was das Judentum jenseits dessen ist“, so Körber.

Auch werde langsam deutlich, dass es „anderes gibt als religiöse Juden, die etwa beim Gebet in der Synagoge gezeigt werden – nämlich die Alltäglichkeit jüdischen Lebens, die sich nicht auf diese eindeutig markierten Bilder reduzieren lässt“. So liessen die religiöse Bindung und die familiäre Vermittlung der Überlieferung vielfach nach, sagte die Wissenschaftlerin. „Ein Selbstverständnis als säkular und eher ‚kulturjüdisch‘ nimmt dagegen zu.“

Entsprechend seien in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren zahlreiche Vereine, Kulturorganisationen, Bildungseinrichtungen und „auch religiöse Formen der Selbstorganisation“ entstanden. „Die Strukturen und Institutionen, die sich heute mit dem Judentum in Deutschland verbinden, haben sich sehr verändert“, sagte Körber, die am Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden zur jüdischen Gegenwart und Zeitgeschichte nach 1945 forscht. So habe sich ein „sichtbares und vielfältiges Judentum in Deutschland entwickelt“.

Die jüdischen Gemeinden profitierten davon nicht unbedingt, fügte die Expertin hinzu. „Im Judentum spielen einerseits die Genealogie und andererseits die historische Erfahrung als Schicksalsgemeinschaft eine wichtige Rolle: Man kann sich selbst als jüdisch wahrnehmen – auch jenseits eines religiösen Selbstverständnisses.“ Indes könnte der derzeitige Zuzug von Jüdinnen und Juden aus der Ukraine für Zuwachs bei den Gemeinden sorgen. Momentan unterstützten die jüdischen Gemeinden zahlreich Ukrainerinnen und Ukrainer – „unabhängig von deren Glauben“, betonte Körber.

Hinweis: Karen Körber und Andreas Gotzmann, Lebenswirklichkeiten. Russischsprachige Juden in der deutschen Einwanderungsgesellschaft, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2022, 278 Seiten, 50,00 Euro.

KNA/pko/cas

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