Dokumentation über die jüdische Kultur in der Ukraine

Wenn sich Geschichte wiederholt

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Foto © Radio Bremen/Matthias Kind, Christian Herrmann
Foto © Radio Bremen/Matthias Kind, Christian Herrmann
Lesezeit: 3 Minuten

Zwei Radio Bremen-Autoren fuhren im Herbst 2021 in die Ukraine zu den letzten noch existierenden Schauplätzen einer ehemals reichen jüdischen Kultur und berichteten von einem monströsen Verbrechen der Nazis.

von Heide-Marie Göbbel

„Schtetl hiessen die kleinen Städte, in denen die Mehrheit der osteuropäischen Juden gelebt hat“, erzählen Susanne Brahms und Rainer Krause, Autoren und Filmdokumentaristen von Radio Bremen. Sie begleiteten im Herbst 2021 den Kölner Fotografen Christian Herrmann und seinen Fahrer und Dolmetscher Wasyl Jusyschyn in die Ukraine.

Herrmann sucht seit 20 Jahren nach den Spuren jüdischen Lebens in Osteuropa. In der ARD-Dokumentation „Osteuropa nach dem Holocaust – Vom Verschwinden der Schtetl“ erzählen Brahms und Krause die Geschichte der jüdischen Orte. Die Juden siedelten sich früher überwiegend einem schmalen Streifen von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer an. Das Erste strahlt den Beitrag am 4. April um 23.35 Uhr aus.

Meylach Scheychet und Sascha Nazar, die sich um den Erhalt der letzten Synagogen kümmern, führten Herrmann und seinen Begleiter zuerst durch Lwiw. Die jüdischen Gotteshäuser standen meist am Marktplatz, dem Brennpunkt des Alltagslebens. 1941 sei dort von den deutschen Besatzern auch das Ghetto eingerichtet worden, aber daran erinnere hier eigentlich nichts mehr. Anders sehe es bei den Friedhöfen aus, berichten Brahms und Krause weiter. Viele Grabsteine seien noch erhalten und die Inschriften gut erkennbar, andere dienten als Baumaterial.

Foto © Radio Bremen/Matthias Kind, Christian Herrmann

Noch bevor das systematische Ermorden in den KZs begann, hatten Sonderkommandos der Wehrmacht in der Ukraine rund zwei Millionen Menschen umgebracht, erzählen Brahms und Krause. Inzwischen gebe es auch Karten mit Angaben zu den Friedhöfen mit Massengräbern. Die Dokumentarfilmer zeigen eine Karte, auf der zahlreiche Massengräber mit mehr als 500 Opfern markiert sind.

Stellvertretend für viele Schicksale erzählen die Autoren die Geschichte von Rivka Yoselevska aus Kamjanez-Podilskyj im Südwesten der Ukraine. Sie gehört zu den Personen, die erschossen werden sollten, sich aber aus der Grube befreien und als eine der wenigen Überlebenden von den Verbrechen berichten konnten. In einem Interview von 1981 schilderte sie, wie sie in die Grube gestossen wurde und immer mehr Körper auf sie fielen.

Das Wissen darum, dass viele Ukrainer bei den Erschiessungen mitgemacht haben, belaste noch heute die Menschen, kommentiert Magdalena Waligorska, Expertin für die Geschichte der Schtetl. Sie untersucht mit ihrem Forschungsteam, wie die heutige Bevölkerung in Osteuropa mit dem jüdischen Erbe umgeht.

Richtung Moldawien, am Schluss der Reise, fand der Fotograf in dem kleinen Ort Tscherniwzi noch eine Synagoge, die bis vor etwa 30 Jahren in Betrieb war. Der Grund sei vermutlich, dass sie in der rumänischen Besatzungszone lag und den Mittelpunkt einer Gemeinde bildete, die – so Herrmann – „den Holocaust irgendwie überlebt hat“.

Christian Herrmann hat eine Hoffnung für die Zukunft, dass die jüdische Geschichte auch als ukrainische Geschichte verstanden wird. Im Wettlauf gegen die Zeit wollten er und sein Begleiter Wasyl Jusyschyn im kommenden Jahr wieder nach Osteuropa aufbrechen, um „das ihre dazu beitragen, dass diese schwindende Welt des jüdischen Schtetls mindestens in Bildern der Nachwelt erhalten bleibt“.

Nun sei Herrmann wie die meisten Menschen entsetzt über den Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine, berichtet Susanne Brahms zur aktuellen Lage. Er mache sich grosse Sorgen um die Menschen, die er in Osteuropa kennengelernt habe. Dennoch wolle er versuchen, seinen Plan so bald wie möglich in die Tat umzusetzen. Insgesamt eine informative und bewegende Dokumentation, die viel zum Verständnis der Ukraine beiträgt, die jetzt erneut den brutalen Angriffen eines Nachbarstaates ausgesetzt ist.

„Osteuropa nach dem Holocaust – Vom Verschwinden der Schtetl“. Dokumentation von Susanne Brahms u. Rainer Krause. ARD Das Erste, Mo 04.04., 23.35 – 00.20 Uhr.

KNA/mit/aps/joh/gbo

1 Kommentar

  1. Früher haben ukrainische Nazis den Deutschen geholfen, heute helfen die Deutschen den ukrainischen Nazis.

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