Egal wie man es dreht und wendet: Es ist Antisemitismus

5
Symbolbild. Amnesty International Werbebus an der Frankfurter Buchmesse. Foto Sargoth, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73565345
Symbolbild. Amnesty International Werbebus an der Frankfurter Buchmesse. Foto Sargoth, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=73565345
Lesezeit: 6 Minuten

Warum gibt es immer noch Antisemitismus? Nach der historisch singulären Zäsur des Genozids an den europäischen Juden durch die Nazis hätte man doch annehmen können, dass dieser mörderische Hass längst verschwunden wäre. Die Antwort ist denkbar einfach: Es werden immer noch Lügen über Juden verbreitet, die Hass gegen Juden schüren. Frei nach Theodor W. Adorno: «Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden».

Ein besonders perfides Beispiel ist der Artikel «Egal wie Sie es drehen und wenden: Es ist Apartheid» von Daniel Ryser im linken Onlineportal «Republik». Der Artikel befasst sich mit dem weltweit heftig kritisierten Bericht der antiisraelischen NGO Amnesty International, in dem Israel als «Apartheid-Staat» dämonisiert wird.

Ryser bedient sich dabei eines unter «Israelkritikern» besonders beliebten Kunstgriffs: Er bringt mit dem «Menschenrechtler» Hagai El-Ad einen Juden gegen Israel in Position.

Fast täglich werden in den Medien Juden (bevorzugt Holocaustüberlebende) herumgereicht, die als vermeintlich «authentische jüdische Stimmen» den Staat Israel desavouieren sowie die Errungenschaften und politischen Prozesse der einzigen pluralistischen Demokratie im Nahen Osten schlechtreden.

Diese jüdischen nützlichen Idioten werden von den Redaktionen gezielt ausgewählt, um als selbstgeisselnde Alibijuden das auszusprechen, was ihre Interviewpartner nicht zu sagen wagen, weil Kritik an Israel angeblich ein Tabu ist.

Mit Bezug auf einen «wortmächtigen» deutschen Kolumnisten, der im Spiegel zurecht darauf hinwies, dass, wer Israel der Apartheid bezichtige, ein Antisemit sei, fragt Ryser seinen jüdischen «Kronzeugen» gegen Israel denn auch: «Sind Sie ein Antisemit, Herr El-Ad»? Worauf dieser antwortet: «Was soll ich als jüdischer Israeli zu so einem aberwitzigen Vorwurf schon sagen?»

Mit diesem scheinheiligen Manöver will Ryser seinem Protagonisten den Koscherstempel der unangreifbaren Glaubwürdigkeit aufdrücken und der «Republik»-Leserschaft weismachen, dass El-Ads Kritik am israelischen Staat – und sei sie noch so hanebüchen – per Definition nicht falsch sein kann, da der Kritiker selbst Jude ist. 

Das ist etwa so, wie zu behaupten, der AfD-Politiker Björn Höcke könne mit seiner Kritik an der deutschen Bundesregierung a priori nicht Unrecht haben, da er Deutscher ist. Man stelle sich vor, internationale Medien würden ausschliesslich Extremisten von links bis rechts zu Wort kommen lassen, um die innenpolitische Situation Deutschlands zu beleuchten.

Dass auch ein israelischer Jude seiner Landesregierung gegenüber radikale Ansichten hat, die ebensowenig zutreffen wie die von Höcke, scheint sich Rysers Verständnis zu entziehen.

Sowohl Ryser als auch El-Ad sollten sich bei Gelegenheit Theodor Lessings 1930 erschienenes Standardwerk «Der jüdische Selbsthass» zu Gemüte führen, in dem Lessing den jüdischen Antisemitismus als «psychopathologisches Problem» erkennt und anhand von Beispielen belegt.

Der Inhalt des Amnesty-Berichts, der Rysers unkritischem Stichwortgeber-Interview mit El-Ad zugrunde liegt, ist so einseitig und absurd, dass sich eine Analyse an dieser Stelle erübrigt. Eine solche wurde bereits ausführlich und kenntnisreich getätigt, unter anderem hier, hier oder hier.

Wie weit sich Amnesty International von seiner Aufgabe der Wahrung der Menschenrechte entfernt und sich stattdessen in einer bizarren Obsession mit Israel verrannt hat, bewies der USA-Direktor von Amnesty International, Paul O’Brien, anlässlich eines Anlasses des «Woman’s National Democratic Club» in Washington: «Das Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung und Sicherheit ist zweifellos etwas, an das wir glauben, und auch ich persönlich glaube daran», sagte O’Brien. «Aber wir sind gegen die Idee – und das ist ein existenzieller Teil der Debatte – dass Israel als Staat für das jüdische Volk erhalten bleiben soll».

Wie kaputt der moralische Kompass von Amnesty International ist, zeigt der Facebook-Auftritt der Organisation, wo am 15. März – drei Wochen nach Russlands völkerrechtswidrigem Angriff gegen die Ukraine mit Tausenden zivilen Todesopfern und Millionen Flüchtlingen – das Banner auf der Startseite nicht diese humanitäre Katastrophe thematisiert, sondern Israel anprangert: «End Israel’s Apartheid».

Screenshot vom Amnesty International Facebook Auftritt am 15. März 2022. https://www.facebook.com/amnesty/

Interessanterweise wurde Israel von niemandem als Apartheidstaat bezeichnet als Südafrika noch einer war. Erst nach dem Ende der Apartheid in Südafrika entdeckten antiisraelische Agitatoren die angebliche israelische Apartheid als Kampfbegriff, um uninformierten Menschen einzureden, Israel hätte ebensowenig ein Existenzrecht wie das damalige Apartheidregime.

Der Apartheids-Begriff hat dadurch eine ähnlich drastische Umdeutung erfahren, wie der 2000 Jahre alte christlich-religiöse Antijudaismus, der 1879 von Wilhelm Marr in seiner Propagandaschrift «Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum» zum «politisch aufgeklärten Antisemitismus» umetikettiert wurde.

Mit dieser «Constatierung einer kulturgeschichtlichen Thatsache» wollte Marr dem Hass auf Juden den Anschein eines rationalen Diskurses verleihen, um auch religionsferne Menschen von der angeblichen Notwendigkeit der Ausgrenzung und Verfolgung von Juden zu überzeugen.

Um den Vorwurf der Instrumentalisierung des Apartheid-Begriffs zu entkräften, beeilt sich Hagai El-Ad im «Republik»-Interview, zu beteuern, dass die vermeintliche israelische Apartheid «keine Kopie dessen sein» müsse, «was die Weissen mit den Schwarzen in Südafrika gemacht haben».

Es lohnt sich aber trotzdem, bezüglich der Apartheid-Anschuldigung gegen Israel Stimmen aus Südafrika zu Wort kommen zu lassen, wie Kenneth Meshoe, südafrikanisches Parlamentsmitglied und Präsident der African Christian Democratic Party:

«Ich bin schockiert von der Behauptung, dass der freie, vielfältige, demokratische Staat Israel Apartheid praktiziere. Diese lächerliche Behauptung bagatellisiert das Wort Apartheid, minimiert und banalisiert das Ausmass des Rassismus und des Leids, das von farbigen Südafrikanern ertragen wurde, und demonstriert die Ignoranz eines jeden, der solche Anschuldigungen vorbringt. Wer behauptet, Israel sei ein Apartheidstaat, lügt über Israel und die wahre Apartheid gleichermassen.»

Nkululeko Nkosi, Vorsitzender der Universitätssektion der ANC-Jugendliga:

«Stehlt uns nicht das Wort Apartheid! Wer dieses Wort benutzt, um die israelisch-palästinensische Pattsituation in Israel zu beschreiben, führt das Projekt der Entwürdigung schwarzer Südafrikanerinnen und Südafrikaner fort, indem die Einzigartigkeit des Rassismus und des Hasses negiert wird, mit dem wir damals konfrontiert wurden und den wir mit viel Blut und Tränen überwinden konnten.»

Ein Offener Brief von Studentenverbindungen afroamerikanischer Colleges und Universitäten an die «Students for Justice in Palestine» (SJP), die Organisatoren der «Israel-Apartheid-Week», die seit 2005 weltweit an Universitäten stattfindet. Der Brief wurde in amerikanischen Hochschulzeitungen in ganzseitigen Anzeigen veröffentlicht:

«Die Anti-Israel-Kampagne Ihrer Organisation verbreitet unwahre Berichte über Israels Politik, ist ein Nährboden für Vorurteile in den Medien und gefährdet die Aussicht auf eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes. Das Ausspielen der Apartheidkarte ist ein berechnender Versuch, Assoziationen mit dem rassistischen südafrikanischen Regime des 20. Jahrhunderts hervorzurufen.
Diese Strategie ist genauso durchsichtig wie niederträchtig. Anstand, Gerechtigkeit und die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung im Nahen Osten machen es erforderlich, dass wir eine unverzügliche Beendigung der absichtlichen falschen Verwendung von Worten und der ungeheuerlichen Fehldarstellung Israels fordern».

Noch nicht einmal Mansour Abbas, Parteipräsident der arabischen Koalitionspartei Ra’am, stellt in Israel Apartheid fest: «Ich würde es nicht Apartheid nennen. Ich ziehe es vor, die Realität objektiv zu beschreiben. Wenn es in einem bestimmten Bereich Diskriminierung gibt, dann sagen wir, dass es in diesem bestimmten Bereich Diskriminierung gibt».

Der britische Journalist David Collier bringt es in seinem ausführlichen und äusserst lesenswerten Bericht «Spotlight on Amnesty International» auf den Punkt. Er beschreibt darin die Hauptaktivisten als «fest verankert zwischen antiisraelischer Besessenheit und unverhohlenem Antisemitismus. Sie als Aktivisten für Menschenrechte zu bezeichnen, wäre so, als würde man einen Bericht über Afroamerikaner, der von Mitgliedern des Ku-Klux-Klan verfasst würde, Glaubwürdigkeit verleihen».

Daniel Ryser brüstet sich auf seinem «Republik»-Autorenprofil damit, «pubertären Gonzo-Journalismus» zu praktizieren. Der Begriff Gonzo-Journalismus geht auf die 1970er Jahre zurück, als der amerikanische Journalist und Schriftsteller Hunter S. Thompson aus Zeitnot einen Artikel veröffentlichte, der mehr oder weniger aus unbearbeiteten Notizen bestand. Bewusst in Kauf genommener Mangel an Objektivität und Distanz, sogar fiktive und vollkommen frei erfundene Elemente können Bestandteil eines gonzojournalistischen Textes sein.

Das Autorenprofil Daniel Ryser. Screenshot www.republik.ch

Selbstverständlich ist es Daniel Ryser selbst überlassen, wie er journalistisch arbeitet. Fakt ist, dass Artikel wie jener in der «Republik» Ressentiments gegen Juden und Israel fördern, indem der jüdische Staat – stellvertretend für alle Juden – durch einseitige, unverhältnismässige und faktenwidrige Kritik an den Pranger gestellt wird.

5 Kommentare

  1. Weiter unten hatte ich Ihnen schon geantwortet. Jetzt machen Sie ein neues Fass mit dem gleichen Inhalt auf. Ich greife jetzt nur noch ein paar Punkte heraus.

    Wenn Sie schreiben, dass „militärische und verbale Abrüstung AUF BEIDEN SEITEN“ helfen würde, täuschen Sie darüber hinweg, dass nur die „palästinensische“ Seite sich dieser Lösung seit 70 Jahren verweigert. Sie blenden die Tatsache aus, dass Israel mehrfach überfallen wurde und dass eine „Abrüstung“ Israels dort umgehend ein furchtbares Blutbad auslösen würde. Würde die arabische Seite dagegen ihren Terror einstellen, passiert nichts dergleichen und ein gedeihliches Zusammenleben kann endlich beginnen.

    Sie behaupten weiterhin, das Ganze wäre ein Problem zwischen den „Anführern“. Wieder falsch: Wenn ein Israeli sich auf palästinensischem Gebiet verfährt oder sich dort wegen einer Autoreparatur aufhält, ist er in akuter Lebensgefahr. Der Lynchmob legt sofort los, ganz ohne Anführer. Das macht das ganz normale Volk von sich aus. Auch die Freudenfeiern, wenn wieder einmal ein Attentat auf Israelis erfolgreich war, ist definitiv nicht auf ein paar wenige arabische Anführer beschränkt.

    Ihre Lösungsvorschläge überstehen nicht einmal den zartesten Kontakt mit der Realität.

  2. Was helfen würde wäre Deeskalation, militärische und verbale Abrüstung AUF BEIDEN SEITEN. Die Menschen im Westjordanland fühlen sich schon lange von ihren Anführern verraten, sie sagen offen, das bereits Arafat sie und ihre Sache verraten habe. Sie fragen offen, wo denn das Geld des Westens bleibt (und wissen, dass es sich ihre Anführer unter den Nagel reissen). Die palästinensische Führung unterdrückt das Volk, aber aus dem Westen wird Führung und Volk gerne gleichgesetzt, in einen Tpf geworfen. Die Menschen im Westjordanland haben die gleichen Sorgen wie viele andere Menschen auf der Welt, wollen einfach nur unbeschwert leben. Und wenn man z.B. in Tel Aviv mit jungen Menschen spricht, spürt man die Wut gegen die Regierung, die Verzweiflung im täglichen Leben, es fehlt an Wohnungen und Verkehrsinfrastruktur, das Verkehrschaos besteht fast 24 Stunden am Tag. Den Anführern geht es nicht wirklich um ihre Völker und um den Frieden, sie wollen Stärke demonstrieren. Im Kontext der russischen Invasion verlangen gerade die Rechten und Linken Deeskalation, Gespräche, man solle das Volk der Russen nicht mit Putin gleichsetzen, etc., genau das sollte wir auch beim Konflikt im nahen Osten tun! Deeskalation auf beiden Seiten, verbal wie militärisch! Es ist KEIN Konflikt zwischen den Völkern, sondern zwischen ihren Anführern! Reden sie mit Menschen hüben wie drüben, sie werden überrascht sein!

  3. Ein Dankeschön an David Klein, dass er den Mut hat immer wieder aufzuzeigen, dass Antisemitismus eben nicht nur von Rechts kommt, sondern eben auch von christlicher, islamischer und eben linker Seite. Da werden Begriffe wie Westjordanland übernommen, dieses Gebiet heisst Samaria und Judäa, dass dort Juden wohnen ist so logisch wie Inder in Indien wohnen. Die Israeli haben Gaza komplett geräumt, danach wurde dort Hamas gewählt, eine Terrorgruppe in deren Büchern Israel gar nicht existiert, man bekämpft also ein Land, dass in den Schulbüchern nicht vorkommt, mehr absurd geht nicht, unterstützt wird das Ganze von vielen Linken unter dem Deckmantel Israelkritik. Nein, das ist kein Antisemitismus, das greift zu kurz, das ist Judenhass!

  4. Nico, was schlagen Sie konkret vor, welche Maßnahmen Israel gegen den palästinensischen Terror stattdessen unternehmen soll? Gegen einen Terror, der jederzeit und aus völlig beliebigem Anlass von jedem sogenannten Palästinenser ausgeübt werden kann und immer wieder auch ausgeübt wird.

    Die aufgezählten Unbequemlichkeiten sind sicher lästig, verhindern aber effektiv eine erneut rapide ansteigende Zahl von ermordeten Israelis. Und das zählt allemal mehr als der Komfort für die von Ihnen Bedauerten.

    Ihr Satz „Mich erinnerte durchaus einiges an das, was ich in Südafrika erlebt habe“, ist vor diesem Hintergrund eine fast schon infame Konstruktion, die mich an Ihrer Aussage, weder „Linker noch BDS-Anhänger“ zu sein, doch etwas zweifeln lässt. Genau in dieser Tonlage agitieren die Anhänger dieser Gruppen seit vielen Jahren.

  5. Ich habe zu Zeiten der Apartheid drei Monate in Südafrika gearbeitet, ich war in Israel und im Westjordanland. Wie nennt man denn dann die Einschränkungen und Gängelei der Menschen im Westjordanland? Wenn Menschen aus dem Westjordanland mit dem Flugzeug verreisen wollen, dürfen sie nicht den Flughafen Tel Aviv benutzen, müssen in einer Tagesreise nach Jordanien, die Bewegungsfreiheit im Westjordanland ist stark limitiert, auch als westlicher Reisender kommt man logischerweise durch die Checkpoints, die allgegenwärtig sind, Überlandstrassen sind grösstenteils für den palästinensischen Individualverkehr gesperrt, das Land zu verlassen ist fast unmöglich, in Bethlehem und anderswo erdrücken einen meterhohe Mauern. Mich erinnerte durchaus einiges an das, was ich in Südafrika erlebt habe. (Nein, ich bin weder Linker noch BDS Anhänger)

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.