Krieg in der Ukraine: Auch in Deutschland bangen Juden um Angehörige

Vor einer Woche griff Russland die Ukraine an. Seitdem stellen auch Juden in vielen Teilen der Welt Hilfsprojekte auf die Beine. Und in Deutschland gibt es Appelle an Juden aus der Ukraine und Russland, zusammenzustehen.

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Menschen passieren die ukrainisch-polnische Grenze nach ihrer Flucht aus der Ukraine am 2. März 2022. Foto IMAGO / NurPhoto
Menschen passieren die ukrainisch-polnische Grenze nach ihrer Flucht aus der Ukraine am 2. März 2022. Foto IMAGO / NurPhoto
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Sie kommen aus Odessa nach Berlin: In Kürze werden in der deutschen Hauptstadt 120 Kinder aus einem jüdischen Waisenhaus erwartet. Am Donnerstag erklärte das orthodoxe Zentrum Chabad Lubawitsch Berlin, das die Aktion organisiert, dass die Busse mit Kindern und Betreuern in der EU angekommen seien. „Wir konnten eine Unterkunft für die erste Woche sichern und durch die grossartige Hilfe aus der Gemeinde genug Sachspenden sammeln“, sagte Rabbiner Yehuda Teichtal. Die Kinder würden mit offenen Armen erwartet.

von Leticia Witte

Odessa liegt circa 200 Kilometer westlich vom südukrainischen Cherson – diese Grossstadt wurde laut Berichten von Mittwoch bereits von der russischen Armee eingenommen. Die Aufnahme der Waisenkinder in Berlin ist ein Aspekt jüdischer Hilfe für ukrainische Flüchtlinge beziehungsweise für Juden und Nichtjuden, die mitten im Krieg in dem Land ausharren.

So leisten beispielsweise die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und ihre Partnerorganisation IsraAID Germany psychosoziale Unterstützung. Aron Trieb von IsraAID Germany hatte am Tag des russischen Angriffs der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) gesagt, dass Mitarbeiter vor allem im Osten des Landes unterwegs und nicht nur für Juden da seien.

Der Präsident des Verbands der jüdischen Gemeinden und Organisationen der Ukraine mit über 250 Gemeinden, Josef Zissels, sagte der „Jüdischen Allgemeinen“, dass man sich auf unterschiedliche Szenarien vorbereite: Ausfall von Telefon, Internet und Strom, Zusammenbruch des Bankensystems.

Es gibt weitere Berichte, wonach Medikamente der ukrainischen Armee zur Verfügung gestellt werden, Juden helfen wollen, ihre Heimat zu verteidigen, Rabbiner in der Ukraine auf einen Kriegsstopp dringen und Russlands Oberrabbiner Berel Lazar zu Frieden aufruft und sich als möglichen Vermittler anbietet. In Polen nehmen jüdische Gemeinden Flüchtlinge auf, und auch in Gemeinden in Deutschland läuft Hilfe.

Hinzu kommt, dass hierzulande Juden um Angehörige und Freunde bangen. Denn im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion kamen Zuwanderer nach Deutschland, viele aus der Ukraine und aus Russland. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nennt unter Berufung auf Statistiken des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge die Zahl von rund 200.000 Menschen jüdischer Abstammung, die seit 1989 aus der Ex-Sowjetunion nach Deutschland eingewandert sind.

Angesichts der Lage veröffentlichte der Zentralrat kürzlich einen von Präsident Josef Schuster unterzeichneten Brief. Darin heisst es, dass der Zentralrat über Aufnahmemodalitäten für ukrainische Juden mit der Bundesregierung im Gespräch sei. Schuster rief auch zum Zusammenhalt innerhalb der Gemeinden auf: „Wir müssen über politische Ansichten diskutieren und streiten können, aber immer respektvoll und ohne, dass der Konflikt einen Keil zwischen uns treibt.“

Auch Gemeinden selbst wenden sich gegen mögliche Spaltungen. So sagte etwa die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Freiburg, Irina Katz, der „Jüdischen Allgemeinen“: „Ich möchte nicht, dass es bei uns in der Gemeinde wie während des ersten Ukraine-Krieges 2014 abläuft, als es eine gemeindeinterne Auseinandersetzung zwischen ‚Russen‘ und ‚Ukrainern‘ gab.“ Rund 80 Prozent der Gemeindemitglieder stammten aus der Ukraine, andere kämen aus Russland. Katz betonte: „Wir sind alle Juden“ – unabhängig von der Herkunft.

Unabhängig von der Herkunft: International lösten Bombeneinschläge nahe der Gedenkstätte Babyn Jar in Kiew im Zuge eines Angriffs auf den Fernsehturm heftige Kritik und Empörung aus, allen voran beim ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der selbst Jude ist. Die Gedenkstätte erinnert an eines der grössten deutschen Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1941 mit über 33.000 Toten.

Zurück nach Berlin, wo bei Chabad die Waisenkinder erwartet werden. „Wir tun alles in unserer Macht stehende, um ihnen die Strapazen der Flucht und der langen Reise, erträglicher zu machen“, betonte jetzt Rabbiner Teichtal.

KNA/lwi/joh

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