Jüdisches Museum Augsburg zeigt „Ende der Zeitzeugenschaft?“

Der Holocaust ist schon viele Jahrzehnte her. Entsprechend wenige Zeitzeugen leben noch, und auch diese nicht mehr lange. Wie weiter also mit dem Erinnern? Dieser Frage spürt jetzt eine Ausstellung in Augsburg nach.

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Foto Screenshot Jüdisches Museum Augsburg Schwaben / Youtube
Foto Screenshot Jüdisches Museum Augsburg Schwaben / Youtube
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„Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen erwachsenen Mann – einen Löwen von einem Mann!, den Kommerzienrat Steinfeld! – weinen gesehen hab. Und das vergesse ich nie.“ So berichtet George Sturm von der letzten Erinnerung an seinen Grossvater. Sie stammt aus dem Jahr 1939, als Sturm als kleiner Junge samt seinen Eltern die Heimatstadt Augsburg gen USA verliess. Die jüdische Familie entkam gerade noch rechtzeitig dem Morden der Nazis.

von Christopher Beschnitt

Schilderungen wie die von George Sturm wird es bald nicht mehr aus erster Hand geben. Die Menschen, die das Grauen der NS-Herrschaft noch leibhaftig erlebt haben, sind bald nicht mehr da. Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben zeigt deshalb nun eine Sonderausstellung mit dem Titel „Ende der Zeitzeugenschaft?“. Die weniger auf Exponate als auf Multimedialität setzende Schau – eine Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg – läuft bis zum 5. Juni in der ehemaligen Synagoge in Augsburg-Kriegshaber. Dort lässt sich auch George Sturms Beitrag verfolgen. Von ihm und einigen weiteren Holocaust-Überlebenden gibt es Videos zu sehen.

Klar: Solche Aufnahmen gehören zu den wichtigsten dauerhaften Möglichkeiten des Erinnerns an die Schoah. Sie werden bleiben über den Tod der Zeitzeugen hinaus. Doch was mag diese Videos in Zukunft ergänzen? Bevor die Präsentation darauf eingeht, befasst sie sich mit den Anfängen des Gedenkens – und mit dessen Missbrauch.

Denn die Erzählungen jüdischer NS-Opfer wurden von Anfang an auch politisch instrumentalisiert, wie im Museum zu lesen ist. „In den USA kreist die Erinnerung an den Holocaust vor allem um die Rolle der Amerikaner als Befreier Europas und um den moralischen Sieg des Individuums“, heisst es zum Umgang mit dem Thema in der Nachkriegszeit. „Das Staatsnarrativ in den sozialistischen Ländern konzentriert sich hingegen auf Erzählungen vom kollektiven Kampf, Widerstand und Sieg über den Faschismus.“ Zudem hätten sich Menschen immer wieder fälschlich als Zeitzeugen ausgegeben. Die Gründe: etwa fehlerhafte Erinnerungen, psychische Probleme, Geltungssucht.

Einer, der tatsächlich den Judenmord der Nazis überstanden hat, ist Noach Flug. Von ihm ist in der Ausstellung folgendes Zitat zu lesen: „Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege in neue Räume und zu anderen Menschen.“

Wie also mögen diese Wege künftig aussehen? Die Schau verweist auf die „USC Shoah Foundation“. Diese Stiftung wurde 1994 von dem selbst aus einer jüdischen Familie stammenden Hollywood-Regisseur Steven Spielberg gegründet, um Interviews mit Holocaust-Zeugen zu führen und zu bewahren – angeregt durch Erlebnisse während der Dreharbeiten zu seinem Film „Schindlers Liste“.

Seit 2015 arbeitet die Organisation laut Museum an Zeitzeugen-Hologrammen. „Diese 3D-Projektionen interviewter Überlebender beantworten, einem Algorithmus folgend, Fragen.“ So erlebten die Zuhörer einen lebensecht wirkenden Gesprächspartner – auch wenn dieser auf Schlüsselworte aus den Formulierungen der Interessenten bloss mit den immer gleichen Antworten reagiere. Aber: Gewährleistet bleibt auf diese Weise die „Magie des Gesprächs“, wie es von der Foundation heisst.

Ein anderer Ansatz ist der des Sprechens mit den Nachfahren von Zeitzeugen. Das Augsburger Museum zeigt mehrere Videos solcher Unterredungen, zum Beispiel eine mit Diane Peyser. War am Ausstellungsanfang von George Sturms Abschied aus Nazi-Deutschland zu hören, so erzählt nun seine jüngere Verwandte, wie die Schoah eine „grosse Schwere“ auf ihre Familie gelegt habe. Ihr Vater etwa, ein Vetter George Sturms, habe nie über dieses Thema mit ihr reden können.

Auch Assaf Levitin ist zu sehen, Urenkel des letzten Vorbeters der Synagoge von Augsburg-Kriegshaber. Museumsdirektorin Barbara Staudinger fragt Levitin nach Veränderungen in der Erinnerungskultur. Er antwortet: „Ich will verselbstständlichen, dass ich und meinesgleichen da sind.“ Er wolle zeigen, betont Levitin: „Wir haben nicht nur die Geschichte, wir haben auch eine Gegenwart.“

KNA/cmb/cri/baj/lwi

Die ehemalige Synagoge Kriegshaber, Ulmer Strasse 228 in Augsburg, hat donnerstags bis sonntags von 14.0 bis 18.00 Uhr geöffnet.

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