Ein jüdischer Kriegsheld protestierte gegen die Nazis … und half dann, sie zu besiegen

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Nachträglich gefärbtes Foto von Richard Stern als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Foto Jack Romberg / Nationalbibliothek von Israel
Nachträglich gefärbtes Foto von Richard Stern als deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg. Foto Jack Romberg / Nationalbibliothek von Israel
Lesezeit: 7 Minuten

Als ausgezeichneter deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg bekämpfte Richard Stern den Nationalsozialismus von innen heraus. Nach seiner Flucht trat er im Alter von 43 Jahren in die US-Armee ein und wurde auch dort bald zu einem Helden.

von W. Jack Romberg

Was betrachten wir als Heldentum?  Wir würdigen diejenigen, die Medaillen für herausragende Taten im Militär erhalten und ehren sie für ihre bewundernswerten Leistungen im Kampf. Wir sehen diese Menschen als heldenhaft an, weil sie trotz der lebensbedrohlichen Umstände des Krieges mutig handeln.

Oft sehen wir die Demonstranten jedoch nicht auf die gleiche Weise. Vielleicht sind wir mit den Themen, für die sie eintreten, nicht einverstanden. Wenn es viele andere Demonstranten gibt oder wenn wir selbst mit ihnen protestieren, fällt es uns vielleicht schwer, den Akt als heldenhaft oder aussergewöhnlich zu betrachten.

Doch ein Protest kann durchaus auch ein heroischer Akt sein.

Dieses Foto zeigt Richard Stern, wie er am 1. April 1933 in der Tür seines Geschäfts in Köln steht:

Ein nationalsozialistischer SA-Soldat steht neben ihm. Stern protestiert gegen den Boykott jüdischer Geschäfte, der von der deutschen Regierung Hitlers und der Nationalsozialistischen Partei (NSDAP), die erst zwei Monate zuvor die Macht übernommen hatte, initiiert worden war. Dies war die erste offizielle Massnahme Hitlers gegen die deutschen Juden.

Stern war der einzige jüdische Demonstrant gegen die Nazis in Köln am 1. April 1933.  Heutzutage ist das Foto in mindestens fünf verschiedenen Museen in Deutschland zu sehen.

Am 31. Januar 1933 bemerkte die Familie Stern zusammen mit allen Juden in Köln eine schockierende Anzahl von Nazi-Fahnen, die an Geschäften und Häusern in der ganzen Stadt hingen. Damit wurde die Machtübernahme Hitlers und der NSDAP gefeiert.

Am 17. Februar wies Hitler alle örtlichen Polizeipräsidien an, mit den paramilitärischen SA- und SS-Einheiten der Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, womit die Voraussetzungen für die offizielle Unterdrückung der deutschen Juden durch die Nazis geschaffen wurden. Es wurde ein detaillierter Plan für den Boykott aller jüdischen Geschäfte am 1. April 1933 ausgearbeitet. SA-Soldaten wurden angewiesen, vor jüdischen Geschäften zu stehen und die deutschen Bürger davor zu warnen, die Geschäfte zu betreten.

Darüber hinaus begannen die Nationalsozialisten, die Kontrolle über alle Nachrichtenorganisationen zu übernehmen. Sie wollten, dass die Zeitungen die Aktionen gegen die Juden unterstützten, und so hiess es in ihren Planungsanweisungen: „Wenn die Zeitungen dies nicht oder nicht ausreichend tun, müssen sie sofort aus jedem Haus, in dem Deutsche leben, entfernt werden.“

Der grösste Teil der jüdischen Gemeinschaft ahnte, dass der Boykott kommen würde.

Richard Stern sagte seiner Familie und seinen Freunden: „Ich kann nicht schweigen“.

Er war ein starker Befürworter der Bürgerrechte in der Weimarer Republik und ein aktives Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Stern glaubte, dass andere Juden sich ihm anschliessen würden, um zu protestieren. Die meisten jüdischen Führer in Köln glaubten jedoch, dass eine Zusammenarbeit mit der NS-Regierung das deutsche Judentum letztlich schützen würde. Sie scheuten sich, offen gegen die Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung Stellung zu beziehen, und so war Richard Stern der einzige Protestierende in der Stadt.

Stern war der Meinung, dass ein Protest als Kriegsveteran die wirksamste Massnahme wäre, und so legte er das Eiserne Kreuz an, das ihm im Ersten Weltkrieg verliehen worden war.

Er war im Juni 1917 eingezogen worden, zu einem Zeitpunkt im Krieg, als die meisten Deutschen wussten, dass sie verlieren würden. Nichtsdestotrotz handelte Stern mutig genug, um im August 1918, kurz vor Ende des Konflikts, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet zu werden.

Nach der Ankündigung des Boykotts 1933 verfasste Stern ein Flugblatt, in dem er die Nazis für ihr Vorgehen gegen das jüdische Volk verurteilte, obwohl jüdische Soldaten wie er im Ersten Weltkrieg im Einsatz waren. In dem Flugblatt erklärte er: „Wir betrachten dieses Vorgehen gegen das deutsche Judentum als eine Beleidigung des Gedenkens an 12.000 deutsche Kampfsoldaten jüdischen Glaubens, die im Kampf gefallen sind“, und er unterzeichnete es mit „Kampfveteran Richard Stern“.

Das Flugblatt das von Stern gedruckt und verteilt wurde. Quelle Jack Romberg

Stern verteilte die Flugblätter an alle, die an seinem Geschäft vorbeikamen.  Sehen Sie sich Sterns Gesicht auf dem Foto an. Er lächelt und zeigt, dass er sich als echter Soldat fühlt, während der SA-„Soldat“ neben ihm ein Hochstapler war. Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, waren die typischen SA-Soldaten jung und hatten nie wirklich in der deutschen Armee gedient, und schon gar nicht in einem Kampfgebiet, das mit dem vergleichbar war, in dem Stern und andere wie er gekämpft hatten.

Richard Stern gab das Flugblatt sogar dem SA-Soldaten, der neben ihm stand. Dies war besonders mutig, da sich direkt neben seinem Geschäft ein Zeitungskiosk der Nationalsozialisten befand.  Eine Stunde später wurde er verhaftet und ins Polizeipräsidium gebracht. Als er dort sass, wurde er nervös.  Ein Polizeibeamter, der wie viele andere auf Befehl Hitlers der NSDAP beigetreten war, sprach Stern an, weil er ihn kannte.

Er fragte: „Was machst du denn hier?“

„Sie haben mich verhaftet“, antwortete Richard Stern.

„Du verschwindest besser von hier.“

Der Polizist sah Richard Stern als Freund an, weil er auch ein deutscher Kriegsveteran war, und schob ihn durch die Hintertür hinaus.

Als sich die Massnahmen der Nationalsozialisten gegen die deutschen Juden in den 1930er Jahren verschärften, hatte Richard Stern manchmal Angst um sich, seine Schwester und ihren Sohn. Er war fest entschlossen, die drei aus Deutschland in die USA in Sicherheit zu bringen. Doch bevor er die Ausreise schaffte, half er weiterhin seinen jüdischen Mitbürgern.  Als Deutschland im März 1938 Österreich besetzte, begannen viele österreichische Juden zu fliehen, um den Nazis zu entkommen. Einige von ihnen kamen nach Köln, wo Stern ihnen Unterschlupf gewährte und versuchte, ihnen bei der Flucht nach Belgien zu helfen.

Nach der so genannten Kristallnacht im Herbst 1938 suchte er Kontakt zu seiner Familie in New York und konnte schliesslich im Mai 1939 dorthin emigrieren.

Als die Amerikaner nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in den Krieg eintraten, meldete sich Richard Stern, damals 43 Jahre alt, freiwillig für die US-Armee, um gegen die Nazis zu kämpfen. Er wurde im Oktober 1942 angenommen und begann seine Ausbildung bei dem ihm zugewiesenen Ingenieurbataillon. Stern verweigerte aufgrund seines fortgeschrittenen Alters eine ehrenhafte Entlassung, und Ende Oktober 1943 war sein Bataillon in schwere Kämpfe in Italien verwickelt. Vor seinem Einsatz spendete er seine deutschen Kriegsmedaillen (darunter eine, die er von Hitler selbst erhalten hatte, der nicht wusste, dass Stern Jude war) für die nationale Verschrottungsaktion zur Unterstützung der Kriegsanstrengungen. Anfang Januar 1944 wurde er in der amerikanischen Armee zum Helden, weil er seine Kompanie rettete, die auf dem Gipfel des italienischen Berges Porchia von deutschen Maschinengewehrschützen umzingelt worden war.

Berichten zufolge überredete er die Deutschen, sich zu ergeben, „wenn sie eines Tages ins Vaterland zurückkehren wollten.“ Stern wurde befördert und mit einem Silver Star ausgezeichnet. Über seine Tapferkeit wurde in Zeitungen auf der ganzen Welt berichtet und er wurde sogar von einem berühmten Schauspieler im Radio gespielt.

Bericht über Richard Stern, veröffentlicht in The American Jewish World am 2. Juni 1944; verfügbar über die National Library of Israel Digital Collection

Worin besteht Richard Sterns Heldentum?

Seine Taten im Ersten und Zweiten Weltkrieg, jeweils für eine andere Seite, entsprechen der üblichen Beurteilung eines Helden, doch war sein Protest gegen die Nazis und sein Eintreten für die Bürgerrechte weniger herausragend?

Richard Stern gelang es nicht, durch seine moralische und prinzipienfeste Haltung eine wesentliche Veränderung in Deutschland zu bewirken.  Sicherlich hatte er Momente der Angst und des Zweifels, doch die Gefühle des Scheiterns, die er nach dem Protest empfand, liessen ihn noch entschlossener sein, einen Weg zu finden, sich weiterhin den Nationalsozialisten und Hitler entgegenzustellen.

Heldentum ist nicht nur eine bestimmte Handlung.  Es ist auch Hingabe an die richtige Moral.  Richard Stern lehrt uns das.

W. Jack Romberg ist der Autor des Buches „A Doorway to Heroism: A Decorated German-Jewish Soldier Who Became an American Hero“, das die Geschichte seines Grossonkels Richard Stern erzählt. Dieser Artikel wurde im Rahmen von Gesher L’Europa veröffentlicht, der Initiative der Israelischen Nationalbibliothek, die Menschen, Institutionen und Gemeinschaften in ganz Europa und darüber hinaus durch Geschichtenerzählen, Wissensaustausch und gemeinschaftliches Engagement miteinander verbindet. Übersetzung Audiatur-Online.

1 Kommentar

  1. Tut mir leid, aber die deutsche Kriegspropaganda vor und im 1. Weltkrieg erinnert mich an heute.

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