Neue Bücher über Antisemitismus und Historie aus jüdischer Sicht

Kurz vor dem 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, erscheinen neue Bücher zu Antisemitismus im engeren und weiteren Sinne - und darüber, Geschichte auch einmal aus jüdischer Sicht zu betrachten.

0
Symbolbild. Foto Maria Forest / Unsplash.com
Symbolbild. Foto Maria Forest / Unsplash.com
Lesezeit: 3 Minuten

Kurz vor dem Gedenktag für die NS-Opfer am Donnerstag sind mehrere Bücher erschienen, die sich mit Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart befassen oder den Blick auf eine Geschichtsschreibung aus Sicht von Juden weiten.

von Leticia Witte

„Noch ein Buch zum Antisemitismus? Ja. Und nein“, schreibt Gunda Trepp gleich zu Beginn ihres neuen Bandes „Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus“. Sie untersucht Stereotype gegenüber Juden und stellt ihnen Fakten gegenüber, um sie zu entlarven. „Es ist also auch ein wenig Geschichtsunterricht und Ethiklehre.“ Nach den Worten Trepps müssen im Vorgehen gegen Antisemitismus vor allem Lehrkräfte mit ins Boot geholt werden.

Die Autorin will „Struktur und Dynamik“ des Antisemitismus von der Antike bis in die Gegenwart aufzeigen, damit Vorurteile erst gar nicht entstehen, und – auch jüngeren – Lesern ermöglichen, künftig sicherer in der Argumentation gegen Judenfeindschaft aufzutreten.

Das Buch ist handlich und übersichtlich – am Ende von jedem Kapitel gibt es eine Zusammenfassung. Es geht um das berühmt-berüchtigte „Das wird man ja wohl sagen dürfen…“, Schlussstrich-Forderungen, Israel und die israelkritische BDS-Bewegung, Debatten um Beschneidung und Schächten sowie aktuelle Bedrohungen von vielen Seiten gegen Juden.

Die aktuellen Auseinandersetzungen über die Frage, ob die Schoah als einzigartiges Ereignis oder als in der Linie mit anderen Völkermorden stehend betrachtet werden muss beziehungsweise darf, thematisiert das Buch „Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkung zum neuen Streit über den Holocaust“. Es versammelt Beiträge von Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner und Jürgen Habermas.

Die Mehrheit der Artikel erschien 2021 in überregionalen Zeitungen und wurde für das Buch bearbeitet. Alle Beiträge dringen darauf, die Singularität des Holocaust anzuerkennen – und gleichzeitig der Erinnerung an Kolonialverbrechen einen angemessenen und auch grösseren Platz einzuräumen.

Friedländer gedenkt der Opfer aller Völkermorde. Der Historiker schreibt: „Obwohl der Holocaust nicht isoliert betrachtet werden sollte, war sein wahrer Kontext nicht der Kolonialismus, sondern die jahrtausendelange Gegnerschaft gegen Juden und Judentum, die neben anderen Faktoren die paranoide NS-Ideologie und ihre obsessiven Purifizierungspraktiken prägte.“

Habermas betont, dass das „spezifische Merkmal“, das die Schoah von kolonialen Genoziden unterscheide, eine „Wendung gegen den ‚inneren Feind‘, der getötet werden muss“, sei – „und der nicht wie die fremde, kolonial unterworfene Bevölkerung zusammen mit deren Naturschätzen primär ausgebeutet werden soll“.

Steinbacher unterstreicht den „unbedingten Vernichtungswillen“ und die „Systematik des Mordprogramms“ mit grosser geografischer Reichweite, um die „strukturellen Besonderheiten“ des Holocaust zu beschreiben, die nicht in jedem anderen Genozid vorzufinden seien. Sie vertritt die Position, dass die komparative und postkoloniale Forschung „inzwischen benutzt werden (und sich benutzen lassen), um zu attackieren“.

Shulamit Volkovs „Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte“ Foto Verlag C.H.Beck oHG

Ein drittes Buch erzählt die deutsche Geschichte aus der Sicht von Juden – und weist damit auch in die Gegenwart. Spannend zu lesen ist Shulamit Volkovs „Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte“ daher von historischer und auch zeitgenössischer Warte.

Sie zeichnet etwa die Zeit der Aufklärung aus Sicht von Moses Mendelssohn nach, dem Wegbereiter der „jüdischen Aufklärung“ Haskala, oder den Wiener Kongress aus der Perspektive jüdischer Delegationen. Es geht um die aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare Euphorie zumindest zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die auch Juden erfasste, und schliesslich um den Abgrund der Schoah und das Leben danach.

Die Autorin schlägt vor, „eine neue Perspektive auf die deutsche Geschichte einzunehmen, nun aus jüdischer Sicht“. Juden hätten oft „das andere Gesicht Deutschlands“ gesehen – „und wenn wir dieser Perspektive folgen, hoffe ich, können auch wir die deutsche Geschichte besser verstehen“.

KNA/lwi

- Gunda Trepp, "Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus", wbg Paperback, 256 S., 20 Euro, ISBN 978-3-534-27418-5 - Saul Friedländer u.a., "Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkung zum neuen Streit über den Holocaust", C.H.Beck, 94 S., 12 Euro, ISBN 978-3-406-78449-1 - Shulamit Volkov, "Deutschland aus jüdischer Sicht. Eine andere Geschichte", C.H.Beck, 336 S., 28 Euro, ISBN 978-3-406-78171-1 

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.